Klagen von ehrenamtlichen Unterstützern
Es fehlen Ansprechpartner für Flüchtlinge

Viele Flüchtlinge fühlen sich derzeit mit ihren Anliegen allein gelassen, weil die Sozialarbeiterstunden nicht ausreichen
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bim. Landkreis. Die Unzufriedenheit der ehrenamtlichen Flüchtlingsbetreuer über den neuen Betreiber der Unterkünfte, die Reduzierung der Sozialarbeiterstunden und die Abteilung Migration im Kreishaus wiegt schwer. Am gravierendsten ist aber offenbar der Mangel an kompetenten Ansprechpartnern. Wie der Landkreis gegenüber dem WOCHENBLATT einräumte, konnte das beauftragte Unternehmen Living Quarter, das die Flüchtlingsunterkünfte seit Anfang Februar bzw. Anfang März betreut, aufgrund der sehr angespannten Arbeitsmarktlage erst zum 1. Juni alle erforderlichen Stellen im "Sozialmanagement" für die Arbeit in den Unterkünften besetzen. Für die diesbezüglich erforderliche Koordinierungsarbeit seien von drei Stellen noch zwei unbesetzt.
"Die Hinweise und Kritik, dass sich nach diesem Betreiberwechsel einiges erst einspielen muss, nehmen wir sehr ernst. Um die unvermeidbaren Anlaufschwierigkeiten so gering wie möglich zu halten, sind wir mit dem neuen Betreiber in permanentem Austausch", erklärt Kreissprecher Andres Wulfes.
Auszüge aus den Schilderungen der Flüchtlingsunterstützer:
Eine Reduzierung von Vollzeitstellen auf 15 Wochenstunden Sozialarbeit in Gemeinschaftsunterkünften mit mehr als 90 Bewohnern sei "definitiv zu wenig, um die umfangreichen Belange und Bedarfe der Bewohner verantwortungsvoll aufzunehmen und zu bearbeiten." Und: "Die Idee des Landkreises, die Heimleiterstellen aufzuwerten und die Heimleiter durch eine wie auch immer geartete Zusatzausbildung zu Quasi-Sozialarbeitern zu machen, ist schlichtweg absurd. De facto sind die meisten Heimleiter aktuell Handwerker oder haben zuvor andere Berufe ausgeübt, ein Studium der Sozialarbeit haben sie definitiv nicht absolviert", teilte das Neu Wulmstorfer Netzwerk "Willkommen" mit.
Migrations-Abteilungsleiter Michael Kröger habe behauptet, dass die Bewohner inzwischen so gut integriert und überwiegend in Arbeit seien, dass eine qualifizierte Sozialarbeit nur in Ausnahmefällen notwendig sei. Diese Aussage gehe vollkommen an der Realität vorbei und sei "wirklich eine ungeheuerliche Fehleinschätzung". Auch würden sich "durch die Integration ins Arbeitsleben, zumeist in prekären Arbeitsverhältnissen, mehr und schwierigere Probleme auftun als die Schwierigkeiten der Anfangszeit der Flüchtlingshilfe", berichtet eine Tostedter Ehrenamtliche.
Das sagt der Landkreis:
"Zwischenzeitlich hat Living Quarter alle Heimleiterstellen besetzen können. Das Unternehmen informiert regelmäßig über die eingesetzten Mitarbeiter. Die Heimliste mit den aktuellen Kontaktdaten wird den Flüchtlingskoordinatoren in den Gemeinden regelmäßig übermittelt", berichtet Kreissprecher Andres Wulfes.
Bei der Ausschreibung hatte der Landkreis als Kriterium der Leistungsfähigkeit des Unternehmens den "Nachweis mindestens drei unterschiedlicher Referenzen für Beratungs-, Betreuungs- und Verwaltungsaufgaben in sozialen Einrichtungen mit temporärer oder dauerhafter Unterbringung von geflüchteten Personen" gefordert. Diesen Nachweis habe Living Quarter mit dem Angebot erbracht.
Laut den Anforderungen des Landkreises an das eingesetzte Personal seien mindestens die Hälfte der Personalstellen im Sozialmanagement mit Mitarbeitenden zu besetzen, die ein abgeschlossenes Studium „Soziale Arbeit“ nachweisen können. Die übrigen Stellen könnten mit Mitarbeitern besetzt werden, die eine abgeschlossene Ausbildung im sozialen Bereich nachweisen, z. B. Sozialassistenten. Zudem sei eine Stelle mit dem Studienabschluss Soziale Arbeit für die Koordination und Leitung des Sozialmanagements je Teilleistung vorzusehen. "Entsprechende Nachweise hat der Auftragnehmer einzureichen. Der Heimleiter ist für den Betrieb in den Unterkünften zuständig und erster Ansprechpartner der Geflüchteten für Alltagsfragen, aber nicht Sozialarbeiter im Sinne der Ausbildung. Wenn die laut Ausschreibung festgelegten Stellen nicht besetzt werden, führt das zu Leistungskürzungen", erklärt Wulfes.
Das Sozialmanagement soll laut Landkreis in schwierigen Lebenssituationen bedarfsgerecht ergänzen, möglichst den individuellen Bedürfnissen entsprechend mit Terminabsprache. Insbesondere für die steigende Zahl erwerbstätiger Bewohner erscheint ein bloßes Angebot während der üblichen Geschäftszeiten wenig sachgerecht. Die Sozialbetreuung der Flüchtlinge wird auch nicht nur in den Unterkünften geleistet, sondern bei Bedarf auch von entsprechenden Einrichtungen, beispielsweise dem Sozialpsychiatrischen Dienst bei traumatischen (Flucht-)Erfahrungen oder der Schuldnerberatung.

Woher kommen die Flüchtlinge?

Nicht nur, dass die bereits hier lebenden Flüchtlinge kompetente Ansprechpartner für ihre Anliegen  brauchen. Seit Anfang des Jahres kommen etwa 20 Flüchtlinge pro Woche in den Landkreis Harburg - 25 Prozent mehr als im Herbst vergangenen Jahres. Allein im April wurden dem Landkreis 98 Flüchtlinge zugewiesen, davon kamen 20 aus Syrien, zehn aus dem Irak, neun aus Georgien, sieben aus Marokko, sechs aus Algerien, je fünf aus Guinea und Ruanda, je vier aus dem Kosovo, der Russischen Föderation bzw. Serbien, die übrigen aus Afghanistan, Algerien, China, Gabun, Gambia, Iran, Jemen, Kolumbien, Liberia, Mali, Namibia, Pakistan, Somalia, dem Sudan, der Türkei sowie ein Flüchtling aus den Vereinigten Staaten von Amerika.

Autor:

Bianca Marquardt aus Tostedt

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