Bahnprojekt Hamburg/Bremen-Hannover
Niedersachsen profitiert kaum von massiver Landschaftszerstörung durch ICE-Strecke
- ICE sollen Personen um einige Minuten schneller von Hamburg nach Hannover befördern. In Niedersachsen ist aber kein Geld für weitere Haltepunkte vorgesehen
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Die Städte Hamburg, Lüneburg und Hannover sowie die Deutsche Bahn halten an einer ICE-Neubaustrecke nahe der A7 fest. Anfang der Woche hat die Bahn dem Bundesverkehrsministerium ihre Pläne für den Neubau vorgelegt, der unverzichtbar sei, um das künftige Pendleraufkommen zu bewältigen, und zudem wirtschaftlich. Ungeachtet der Kritiker, die den massiven Landschaftsverbrauch und das Zerschneiden von Ortschaften anprangern und auf den Ausbau der Bestandsstrecke gemäß dem vor zehn Jahren in einem "Dialogforum" erarbeiteten Konzept des "Alpha-E" und dem später "optimierten Alpha-E" bestehen.
Rückblick: Jahrzehntelang verfolgte die Bahn eine Neubaustrecke, die Y-Trasse, gegen die es aus der Region ebenfalls erheblichen Widerstand gab. Das zunächst erklärte Ziel auch des dann ins Gespräch gebrachten Bahnstreckenneubaus zwischen Hamburg und Hannover: die zunehmenden Güterverkehre aus den norddeutschen Seehäfen ins so bezeichnete "Umland" zu befördern.
Nachdem der Güterumschlag zwischenzeitlich rückläufig war und mit dem Begriff TEU (Twenty-foot Equivalent Unit - Abkürzung für zu Deutsch: Zwanzig-Fuß-Standardcontainer) die wenigsten etwas anfangen können, brachte die DB den vermeintlich steigenden Bedarf der Personenbeförderung (inklusive "Deutschland-Takt") auf der Schiene ins Spiel. Nun heißt das Vorhaben "Bahnprojekt Hamburg/Bremen-Hannover" und ist aus Sicht der DB InfraGo die einzige Lösung, die Kapazitäten auf der Schiene in erforderlichem Maße zu erhöhen.
Allerdings: Seit 2015 hätte der Konzern die Möglichkeit gehabt, den auch im Bundesverkehrswegeplan 2030 aufgeführten Bestandsausbau gemäß des mehrheitlich vom Dialogforum Schiene Nord beschlossenen Kompromisses "Alpha-E" bzw. dem später "optimierten Alpha-E" umzusetzen. Oder Geld in die marode Infrastruktur zu stecken.
An dem damaligen Dialogforum nahmen neben Vertretern aus den betroffenen Kommunen und Landkreisen auch Umwelt- und Verkehrsverbände, Bürgerinitiativen sowie Wirtschaftsvertreter, vom Land Niedersachsen, dem Bund und der Deutschen Bahn AG. In dem Forum wurden diverse Vorschläge diskutiert, wobei es am Ende eine Mehrheitsentscheidung gab.
Das "optimierte Alpha-E" ist auch (noch) im "vordringlichen Bedarf" des Bundesverkehrswegeplans 2030. Darin steht als Aussage zur Alternativprüfung: "Der untersuchte Projektzuschnitt stellt eine erweiterte und optimierte Variante "Alpha E" mit verkehrlich zur Y-Trasse äquivalenten Wirkungen dar."
Gestiegene Pendlerzahlen
dank Deutschlandticket
Die Pendlerzahlen sind in den vergangenen Monaten tatsächlich gestiegen, vor allem aber auf das subventionierte Deutschlandticket zurückzuführen. Bezogen auf Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Komfort würden sicherlich die wenigsten Pendler die Bahn als bevorzugtes Verkehrsmittel wählen.
Die Kritiker des Neubaus werden von den Neubaubefürwortern gerne als "Nimbys" (not in my backyard) bezeichnet. Allerdings gilt das in gleichem Maße für die Neubaubefürworter, u.a. aus Winsen, Stelle und Lüneburg, die eben nicht wollen, dass in ihren "backyards" zusätzliche Gleise entstehen.
- Nur rund 100 Neubautrassen-Befürworter, überwiegend im mittleren und gehobenen Alter, nahmen an der Aktion in Hannover teil
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Protest der Befürworter
war eher ein "kleiner Bahnhof"
Um für die Bahnneubaustrecke zwischen Hamburg und Hannover entlang der A7 zu werben, hatte kürzlich Kay Rabe von Kühlewein, Sprecher von Fridays for Future Stadthagen und Vorstandsmitglied des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) Niedersachsen, zum Protest vor das Alte Rathaus in Hannover unter dem Titel "Für die Schiene auf die Straße" eingeladen. Doch im Vergleich zu den Protesten gegen die Neubaupläne im Landkreis Harburg fand sich in Hannover eher eine überschaubare Menge von rund 100 Fürsprechern ein, zumeist im mittleren und gehobenen Alter.
Zu den eingeladenen Gruppen gehörten außer der Presse u.a. weitere VCD-Vertreter, die Jusos und die Grüne Jugend Niedersachsen, Vertreter des Fahrgastverbandes "pro Bahn", der EVG Jugend Landesverband Niedersachsen und Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne).
Die Tricks der Bahn,
um zu überzeugen
Statt auf Ausbau von Bestandsstrecken und Investitionen in Material und Infrastruktur zu setzen, um den Verkehr auf der Schiene zu verbessern, taktieren die Bahnvertreter und bundesweit agierende Bahnlobbyisten seit vielen Jahren. Beispiele:
"Online-Pressekonferenz":
An einer extrem kurzfristig einberufenen Online-"Pressekonferenz" am 27. Juni 2025 wählten sich zeitweise 44 Teilnehmer ein. Allerdings: Zu den 20 Pressevertretern "gesellten" sich 13 Bahnvertreter und Bahn-Lobbyisten, zwei selbstständige Video-/Filmemacher und neun Personen, deren Funktion nicht zuzuordnen ist oder die mit Fake-Namen an der "Pressekonferenz" teilnahmen.
"Bürgerinformation":
Zu einer Bürgerinformation wollte die DB zunächst am 11. September 2025 in die Burg Seevetal in Hittfeld einladen, verlegte die Veranstaltung dann in die Stadthalle Winsen. Unter anderem in Seevetal lebt eine Vielzahl der von einer Neubaustrecke Betroffenen. Wie bei der Vorstellung der Neubaupläne lud die Bahn die heimischen Landtags- und Bundestagsabgeordneten erneut sehr kurzfristig ein. Sicherlich in dem Wissen, dass alle (kritischen) Abgeordneten an dem Tag wegen parlamentarischer Sitzungen nicht teilnehmen konnten.
Ausbau der Bahnhofs-Infrastruktur in Niedersachsen
Die Vertreter der DB InfraGo warben in der Online-Pressekonferenz mit zusätzlichen Bahnhöfen entlang der Strecke. Diese wären wünschenswert, sind allerdings nicht in der (Bundes-)Planung der DB vorgesehen. Denn für die Bahnhöfe in Niedersachsen wäre auch das Land Niedersachsen zuständig, das dafür keine Mittel vorgesehen hat.
Das sagt das niedersächsische Verkehrsministerium
Auf WOCHENBLATT-Anfrage, ob Mittel für zusätzliche Bahnhöfe vorgesehen sind, teilt das niedersächsische Verkehrsministerium mit:
"Die Deutsche Bahn ist mit Veranstaltungen zur Neubaustrecke durch die Regionen gegangen, von denen wir als Land – wenn überhaupt – nur häppchenweise Informationen serviert bekommen. Mögliche Planungen zu Bahnhöfen sind mit uns weder (vor)besprochen noch konkret bei uns auf dem Tisch.
Von daher hat das Land selbstverständlich auch keine Geld für Bahnhöfe eingeplant.
Wir sind weiterhin Fürsprecher, das Realistische umzusetzen, was schnellstmöglich Kapazitäten im Schienenverkehr angeht (nämlich den Ausbau mit deutlichen Verbesserungen für die Kommunen, z.B. beim Lärmschutz).
Das kolossale Scheitern mit der Y-Trasse und die gebrochenen Versprechen bei Alpha-E schüren Zweifel an der Verlässlichkeit der Bahn. Das erleben wir ja auch in anderen Bereichen, dass große Ankündigungen gemacht werden, aber dann doch keine Umsetzungen erfolgen, so dass das Brot- und Buttergeschäft mit pünktlichen und intakten Zügen nicht läuft. Zuletzt wurde die Generalsanierung verschoben, das alles spricht nicht für Verlässlichkeit. Und so leitet sich auch unsere Skepsis her: Die letzten zehn Jahre ist zwischen Hannover und Hamburg trotz überlasteter Strecke nichts passiert bei vergleichsweise einfach umzusetzenden Umbaumaßnahmen, die von allen getragen werden, und jetzt soll alles ganz schnell gehen mit einem umfassenden Neubau. Da setzen wir ein großes Fragezeichen hinter."
- Rund 5.000 Menschen protestierten jüngst mit der Roten Karte gegen die Trassenpläne
- Foto: sra
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Weitere Punkte, die das
Projekt infrage stellen
Landschaftszerstörung
Für die Bahnneubautrasse würde nahe der A7 eine weitere Schneise in die Landschaft geschlagen - je nach Abschnitt und Umgebung zwischen 13 bis 25 Meter breit auf einer Länge von rund 962 Kilometern.
Transparenz
Der von der Bahn vorgelegte positive Kosten-/Nutzen-Wert lässt sich nicht nachvollziehen. Laut NDR kritisierte u.a. das niedersächsische Wirtschaftsministerium, dass unklar sei, wie der ermittelte NKV-Wert zustande kommt. Auch der Landkreis Harburg bemängelt eine fehlende Nachvollziehbarkeit.
Geschönte Statistiken
Laut einem Insider und einem Bericht des Magazins "Spiegel" lasse die Bahn absichtlich Zugverbindungen ausfallen, um ihre Pünktlichkeitsstatistik zu schönen.
Bekannt ist: Immer mehr Züge im Regional- und Fernverkehr der Deutschen Bahn fallen aus. Von 2019 bis 2024 stieg der Anteil der gestrichenen Fahrten im Fernverkehr laut ZDF von einem auf vier Prozent. Bekannt ist auch, dass es vor allem an der mangelhaften und in die Jahre gekommenen Infrastruktur liegt.
Als zuverlässig gilt ein Zug, wenn er überhaupt fährt - egal, um wie viele Minuten er sich verspätet.
Ausbau des Hamburger Hauptbahnhofs
Um eine Neubaustrecke in Hamburg anzubinden, muss der Hamburger Hauptbahnhof ausgebaut werden. Dieser soll nach den Vorstellungen vom Chefplaner 2028 starten und wird wohl mehrere Milliarden Euro kosten.
Verkauf von Schenker
Die Deutsche Bahn hat vor rund einem Jahr entschieden, ihre Logistik-Tochter und wichtigsten Gewinnbringer DB Schenker für 14 Milliarden Euro an den dänischen Logistikkonzern DSV zu verkaufen.
Neue Bahnchefin mit "Lizenz zur Unpünktlichkeit"
Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) hat mit Evelyn Palla eine neue Bahnchefin als Nachfolgerin von Richard Lutz präsentiert, die tags darauf auch vom Bahnvorstand bestätigt wurde. Unter Lutz war die Pünktlichkeit bei Fernreisezügen zuletzt auf 63 Prozent gesunken. Allerdings: Statt an mehr Pünktlichkeit zu arbeiten, erteilte Schnieder der neuen Chefin durch "Verschiebung der Zielwerte" sozusagen die "Lizenz zur Unpünktlichkeit". Erst ab 2029 sollen mindestens 70 Prozent der Züge im Fernverkehr pünktlich sein.
Und der Minister setzt seinen Hauptansatzpunkt auf die Sanierung des Schienennetzes - mit Mitteln aus dem 500 Milliarden Euro schweren Sondervermögen für die Infrastruktur.
Eine Maßnahme, die längst überfällig ist, und die sicherlich auch schon etliche Verbesserungen für die Bahnkunden bringen dürfte - nach längeren Bauphasen, versteht sich.
Redakteur:Bianca Marquardt aus Tostedt |
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