Bitte klicken Sie zur Auswahl auf eines der folgenden vier Logos:

DRK in „Blut-Not“ - weil die Post streikt!

Die streikenden Zusteller gaben die Postkarte für Wolfgang Schäuble bei der Post in Winsen auf (Foto: Thomas Lipinski)
 
Sascha Mummenhoff
Briefträger und Paketboten der Deutschen Post befinden sich seit gut einem Monat im unbefristeten Streik. Davor haben schon Piloten, Eisenbahner und Erzieher ihre Arbeit niedergelegt, um für bessere Arbeitsbedingungen und Bezahlung zu kämpfen. Darunter leidet nicht nur die Wirtschaft, sondern auch nahezu jeder Bürger. Ist es richtig, die eigenen Probleme auf dem Rücken anderer auszutragen? Ein Pro und Kontra.

(mum). Der seit Wochen andauernde Post-Streik lässt Anita Pagels verzweifeln! „Ich hoffe, dass genug Leute zu unserer Blutspende-Aktion nach Hanstedt kommen“, sagt die DRK-Ortsvereins-Vorsitzende. Im Sommer gehe die Bereitschaft ohnehin zurück. Selbst verlässliche Spender seien im Urlaub oder ziehen das Freibad dem sterilen Behandlungsraum vor. Doch diesmal ist alles noch viel schlimmer. „Aufgrund des Streiks haben wir unsere Plakate und Flyer nicht bekommen“, sagt Pagels.
Eigentlich liegt das Material mindestens vier bis sechs Wochen vor der Veranstaltung vor, damit die ehrenamtlichen Helfer sie im Ort verteilen, beziehungsweise plakatieren können. Diesmal nicht. „Wir haben uns in der Not die Vorlage mailen lassen, um sie auf eigene Kosten drucken zu lassen“, berichtet Pagels. Aber längst nicht in der Stückzahl wie sonst üblich.
Um auch kurzfristig mehr Menschen zur Blutspende zu motivieren, lädt das Hanstedter DRK im Anschluss an die Spende am Mittwoch, 8. Juli, zwischen 15.30 und 20 Uhr statt zu belegten Brötchen zu einem Grillfest ein. Gespendet wird im DRK-Zentrum (Fritz-Reuter-Straße 7).
• Auslöser des Post-Streiks ist die Schaffung von 49 neuen Gesellschaften, in denen unter anderem niedrigere Löhne gelten sollen als im Post-Konzern.
Die neuen Firmen orientieren sich bei der Bezahlung an den Tarifverträgen der Logistik-Branche, die deutlich unter denen der Post liegen. Verdi will durchsetzen, dass auch bei den Tochterunternehmen der höhere Haustarif gezahlt wird, der für rund 140.000 Postler gilt. Die Post verweist dagegen darauf, dass sie bereits deutlich höhere Löhne als die Konkurrenten zahlt - und das auch in den neuen Gesellschaften.
• Rechtzeitig zu den Schlichtungsverhandlungen am gestrigen Freitag und heutigen Samstag zwischen der Post und Verdi haben streikende Zusteller in Winsen eine überdimensionale Postkarte an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble geschickt und diesen um Mithilfe gebeten. Der Bund hält 20 Prozent der Postaktien.
• Sollte eine Einigung erzielt und der Streik beendet werden, benötigt die Post etwa sechs Wochen, um alle liegen gebliebenen Sendungen auszuliefern.

PRO: Streik ist die Ausübung eines Grundrechts

„Tarifverhandlungen ohne Recht zum Streik wären nicht mehr als kollektives Betteln.“ Dieses Grundsatzurteil des Bundesarbeitsgerichts sollten sich alle, die heute am Streikrecht sägen, hinter die Löffel schreiben. Die Aussage: Zur Koalitionsfreiheit Artikel 9 III Grundgesetz gehört auch das Streikrecht. Ergo ist für mich jeder Angriff auf das Streikrecht ein Angriff auf unser Grundgesetz - soviel vorweg.
Streik wird auf dem Rücken Dritter ausgetragen! Ein Totschlag-Argument das signifikant ist für den Egoismus in unserer Gesellschaft: Hauptsache mein - aus Bequemlichkeit - online bestelltes Paket ist pünktlich. Dass günstiger Preis und schnelle Lieferung mit Dumpinglöhnen erkauft werden - wen interessiert das schon?
Geradezu grotesk ist das Gestöhne über den Streik bei der Post. Seit Jahren wird über den Konzern gejammert, der nur an die Dividende und nicht seine Kunden denke, Briefe zu spät ausliefere und immer mehr Filialen schließe. Wenn jetzt Postmitarbeiter gegen zu wenig Personal, immer größere Zustellergebiete und Splittertarife streiken - also die Ursachen für das, was bis jetzt den Unmut der Kunden befeuerte - dann wird wieder gejammert.
Zum Schluss: Eine Gesellschaft, die Banken, die sich verzockt haben, mit Milliarden unterstützt, sollte auch die wirtschaftlichen Folgen eines mit legitimen Mitteln geführten Arbeitskampfes auffangen können.

Kontra: Streik - für mich ist das Nötigung

Ich habe kein Verständnis für Menschen, die in Deutschland streiken! Wer hier in den vergangenen Monaten für mehr Lohn in den Arbeitskampf zog, jammert auf hohem Niveau. Mir sind keine Erzieher, Piloten, Flugbegleiter, Eisenbahner oder Postboten bekannt, die am Ende des Monats nicht in der Lage sind, ihre Familien zu ernähren oder im Wald schlafen müssen.
Ebenso kann ich mir nicht vorstellen, dass die Arbeitsbedingungen bei der Post, der Lufthansa, der Deutschen Bahn oder im Kindergarten so schlimm sind, dass die Angestellten es nicht länger aushalten können. Was sollen da erst die Arbeiter in Textilfabriken in Bangladesch sagen?
Würde es nach mir gehen, dann sollte das Streikrecht nur für Arbeitnehmer gelten, die wirklich in Not sind. Das sehe ich aber bei denjenigen, die derzeit im Ausstand sind, nicht. Außerdem: Streik ist Nötigung, denn er wird immer auf dem Rücken Dritter ausgetragen. Ich kenne Eltern, die Urlaub nehmen mussten, um ihre Kinder aufgrund des Erzieher-Ausstands zu betreuen. Ich kenne Geschäftsleute, die seit Wochen auf wichtige Unterlagen warten und aufgrund des Poststreiks in ihrer Existenz bedroht sind. Das geht in einem zivilisierten Land auf gar keinen Fall! Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie hoch der wirtschaftliche Schaden ist, den die Streikenden in den vergangenen Monaten angerichtet haben.
Sascha Mummenhoff