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Info-Veranstaltung zur Decatur-Brücke: Bürger reagieren mit Unverständnis und Wut auf Sperrung

Ernteten wenig Zustimmung: Bürgermeisterin Martina Oertzen, Ordnungsamtsleiter Dirk ter Horst (Mitte) und Gutachter Thorsten Löwe
 
Rund 500 Bürger waren in die Schützenhalle nach Maschen gekommen
kb. Seevetal. Verständnislosigkeit, Wut, Beschimpfungen: Die Emotionen schlugen hoch bei der Info-Veranstaltung der Gemeinde Seevetal zur Decatur-Brücke am Mittwoch. Rund 500 Bürger waren ins Schützenhaus nach Maschen gekommen, um sich über den neuesten Stand in Sachen Brückenvollsperrung zu informieren. Deutlich wurde: Viele Fragen sind weiterhin offen, z.B. ob eine neue Brücke über Europas größten Rangierbahnhof gebaut werden wird. An der Vollsperrung wird hingegen definitiv nicht gerüttelt. "Die Decatur-Brücke wird zum 1. Oktober gesperrt - auch für Fußgänger und Radfahrer", machte Seevetals Bürgermeisterin Martina Oertzen noch einmal deutlich.
Die Fakten: Grund dafür, dass die 1974 fertiggestellte Brücke bei den Berechnungen nach der seit 2011 geltenden Nachrechnungslinie durchgefallen ist, liegt an der Konstruktion des Bauwerks, nicht am Erhaltungszustand. "Das Problem, das jetzt zur Sperrung der Brücke führt, besteht seit Baubeginn", so Gutachter und Ingenieur Thorsten Löwe. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Sicherungsniveau für Brücken Schritt für Schritt angehoben worden, die Decatur-Brücke, die 1974 nach damals geltender Norm gebaut worden sei, entspreche schlicht nicht mehr den heutigen, rechnerischen Anforderungen. "Es gibt keine technischen Möglichkeiten, diesen Mangel zu beheben", so Bauamtsleiter Gerd Rexrodt.
Ob eine neue Brücke gebaut oder eine andere Querung über den Bahnhof geschaffen werden wird, ist völlig offen. Alle Möglichkeiten würden geprüft, so Oertzen. Eine Verlegung des Bahnhofs auf Maschener Seite habe die Bahn bei einem Gespräch in der vergangenen Woche noch einmal ausdrücklich verneint, so die Bürgermeisterin. Immerhin habe sich die Bahn aber bereit erklärt, den Abriss der Brücke zu planen - gegen Entgelt. Keine Überraschung: Finanzieren will die Bahn diese Maßnahme nicht.
Mit der Vollsperrung der Brücke ab 1. Oktober müssen sich die Bürger auf einige Änderungen einstellen: Der Verkehr von Hörsten Richtung Maschen wird über Meckelfeld umgeleitet, die entsprechende Strecke wird ausgeschildert. Ausweichmöglichkeiten über Steller Gemeindegebiet seien zwar ebenfalls vorhanden, dürften von Seevetaler Seite aber nicht als Umleitung beschildert werden, so Wolfram Wäsche vom Ordnungsamt. Besonders lästig sind die langen Umwege für Radfahrer und Fußgänger. "Wir prüfen derzeit jedoch, wie man die Wegeverbindung verkürzen kann", so Gerd Rexrodt. Denkbar sei z.B., die Klappgeländerbrücke über die Seeve doch zu erneuern oder die Viehtrift, eine derzeit nicht öffentlich gewidmete, nur knapp zwei Meter hohe Unterführung unter dem Rangierbahnhof, auszubauen. Was davon realisiert werden kann, steht derzeit noch in den Sternen.
Erfreulich ist die Sperrung der Decatur-Brücke für die Schulkinder aus Hörsten. Der Landkreis hat die Schülerbeförderung so angepasst, dass die Busse in Hörsten künftig bis zu 40 Minuten später starten, die Schulen aber dennoch pünktlich erreichen. Möglich machen dies geänderte Streckenführungen. Schüler, die zur IGS nach Hittfeld gehen, werden künftig einmal in Meckelfeld umsteigen müssen.
Pendler werden auf die Bahnhöfe in Stelle und Meckelfeld ausweichen müssen, Angesichts der begrenzten Parkplatzkapazitäten versuchte Gemeindesprecher Andreas Schmidt, den Betroffenen die Fahrt mit dem Bus schmackhaft zu machen. Jeder Zug nach Hamburg werde von einem Bus erreicht, so Schmidt. Beim Anruf-Sammel-Taxi (AST) bleiben die Preise wie gehabt, zugrunde gelegt wird die theoretische Strecke ohne Brückensperrung. Für die Differenz kommt die Gemeinde Seevetal auf.
Sorge gab es seitens der Hörstener was die Erreichbarkeit ihres Ortes mit Rettungswagen, Feuerwehr und Polizei angeht. Zwar versicherte Ordnungsamtsleiter Dirk ter Horst, dass sich dort keine Nachteile ergeben würden - damit überzeugte er die anwesenden Bürger aber nicht. "Wenn der Rettungswagen künftig einen Umweg über Meckelfeld fahren muss, wird es zwangsläufig länger dauern", so ein Bürger.
Die Ausführungen von Martina Oertzen und den Verwaltungsmitarbeitern wurden teilweise mit höhnischem Gelächter quittiert. Es gab laute Zwischenrufe, viele Äußerungen aus der Zuhörerschaft waren von Polemik geprägt. Was sehr deutlich wurde: Die Bürger wünschen sich künftig eine bessere Kommunikation und einen regelmäßigen Austausch mit der Gemeinde. "Wir wollen einen verlässlichen Dialog!", so ein Bürger.

Kommentar:

Wo waren die Kritiker vorher?

Umwege, Zeitverlust, Behinderungen: Die Sperrung der Decatur-Brücke ist vor allem für die Bürger in Hörsten, aber auch die Pendler zum Maschener Bahnhof ärgerlich und erschwert den Alltag für viele. Dennoch hat mich die Heftigkeit der Reaktionen erstaunt und auch ein wenig geärgert. Niemand trifft hier Entscheidungen aus Gedankenlosigkeit. Die jetzt Handelnden haben weder Mitte der 1970er Jahre entschieden, die Brücke von der Bahn zu übernehmen, noch können sie an den bundesweit geltenden Nachrechnungsrichtlinien rütteln - die im Übrigen nicht nur in Seevetal für Schwierigkeiten sorgen. Dass für ein solch großes Bauwerk keine schnelle Ersatzlösung geschaffen werden kann, dürfte eigentlich jedem klar sein.
Mich wundert, dass der größte Teil derjenigen, die jetzt zu Hunderten in der Maschener Schützenhalle aufgeschlagen ist, nie vorher auf einer der zahlreichen Ausschuss- und Ratssitzungen zugegen war, als die Decatur-Brücke bereits Thema war. Seit Jahren beschäftigten sich Politik und Verwaltung mit dem Bauwerk. Vielleicht wäre das Verständnis größer, wenn man diesen Weg ein Stück weit mitgegangen wäre. Katja Bendig