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Unterrichtsausfall: Eltern in Harsefeld klagen an

In Harsefeld herrscht Lehrermangel (Foto: Fotolia/Torbz)

„Das geht uns alle an!“: WOCHENBLATT beteiligt sich an bundesweiter Aktion zum Thema Unterrichtsausfall

(bc). Ist es wirklich so, wie Susanne Strätz behauptet? Die Sprecherin der Landesschulbehörde schildert auf Nachfrage: „Der Unterricht fällt nicht auffällig häufig aus.“ Die Aussage darf zumindest bezweifelt werden. Schließlich gibt es Schätzungen des Deutschen Philologen-­Verbandes, nach
denen in Deutschland jede Woche eine Million Schulstunden wegfallen.

Unterrichtsausfall ist ein Thema, das viele Eltern bewegt. Daher greift der Bundesverband Deutscher Anzeigenblätter (BVDA), dem auch die WOCHENBLATT-Gruppe angehört, das Thema unter dem Motto „Das geht uns alle an!“ bundesweit auf.

Tatsächlich ist es so, dass - unabhängig vom spontanen Unterrichtsausfall durch Krankheiten - rein statistisch gesehen nicht an jeder Schule ein Lehrer-Engpass besteht. So kommen die Halepaghen-Schule in Buxtehude, das Gymnasium in Neu Wulmstorf, das Gymnasium Süd in Buxtehude und das Vincent-Lübeck-Gymnasium in Stade auf Versorgungswerte von mehr als 100 Prozent. Gänzlich anders sieht es dagegen am Athenaeum in Stade und am Aue-Geest-Gymnasium (AGG) in Harsefeld aus, die ebenso wie 78 andere Gymnasien in Niedersachsen mit einem Versorgungswert von deutlich unter 100 Prozent leben müssen. Zielgröße des Kultusministeriums ist 101 Prozent.

In Harsefeld brennt gelinde gesagt der Baum. In einem Brief an die örtliche SPD-Landtagsabgeordnete Petra Tiemann beschwerte sich der AGG-Schulelternrat schon vor einem Monat über die planmäßige Unterversorgung: „Wir können die Situation nicht länger hinnehmen“, klagt Vorsitzende Kordula Schäfer. Eine Antwort Tiemanns steht noch aus: „Ich bin stinksauer, dass wir bisher noch nichts gehört haben“, schimpft die Mutter. Anscheinend scheine die gewählte Volksvertreterin das Thema nicht zu interessieren.

Das Dilemma am AGG in Harsefeld scheint allgegenwärtig zu sein. Eltern klagen über massiven Unterrichtsausfall. Viele Fächer können aufgrund von Personalmangel nur epochal angeboten werden, das heißt nur in einem Halb- anstatt im kompletten Schuljahr. Nebenfächer fallen vereinzelt ganz weg, ebenso wie zusätzliche Förderkurse am Nachmittag, berichtet Kordula Schäfer. Eine Besserung ist nicht in Sicht.

Hintergrund: Zum Schuljahresbeginn 2013/2014 wurde dem AGG mit 95,7 Prozent die mit Abstand schlechteste Lehrer-Versorgung im Landkreis Stade attestiert, fürs nächste Schuljahr wird sogar nur von einer Versorgung von etwas über 90 Prozent ausgegangen. Nach Angaben von Schäfer scheiden vier Lehrkräfte aufgrund von Pensionierungen und Elternzeit aus.

Trotzdem soll nur eine Planstelle neu besetzt werden, dagegen erhalten die Gesamtschulen in Stade und Buxtehude jeweils zwölf bis 13 neue Planstellen, so Schäfer: „Wir Eltern sehen darin eine eklatante Benachteiligung unseres Gymnasiums.“

Der Schulelternrat kritisiert vor allem den Plan der Landesschulbehörde, dass die fehlenden Lehrerstunden ausschließlich durch Abordnungen benachbarter Gymnasien ausgeglichen werden sollen. Zu viele Zwangsabordnungen wirken sich negativ auf das pädagogische Klima aus, so Schäfer.

AGG-Schulleiter Johann Book ist derjenige, der den Mangel verwalten muss. Er gibt ein konkretes Beispiel: In Klasse sechs könne er lediglich in einem Halbjahr den laut Plan für das komplette Schuljahr vorgesehenen Physikunterricht erteilen. In den naturwissenschaftlichen Fächern sei der Lehrer-Engpass besonders groß.

Am Stader Athenaeum ist die Situation ähnlich. Eigentlich bräuchte Schulleiter Wolfgang Horn zum kommenden Schuljahr sechs bis sieben neue Pädagogen. Nur eine neue Stelle wird ihm gewährt. Trotz der Versorgungslücke würde jedoch kein Unterricht ausfallen, versichert Horn. Mit Abordnungen und Versetzungen werde das Loch gestopft.

Das Thema Unterrichtsausfall beschäftigt auch die Opposition im Landtag. Die CDU-Abgeordneten Kai Seefried und Helmut Dammann-Tamke werfen der rot-grün-geführten Landesregierung vor, dass sie systematisch Lehrer aus Gymnasien abziehe. Junge Lehrkräfte erhielten kaum eine Chance, sofern - wie geplant - die Arbeitszeit der Lehrer an Gymnasien erhöht und älteren Lehrkräften die Altersermäßigung gestrichen werde, so Seefried.

Die Folge sei, so der Politiker aus Drochtersen, dass sich kurzfristige krankheitsbedingte Ausfälle noch dramatischer auf die Unterrichtsversorgung auswirken. Zum kommenden Schuljahr habe das Kultusministerium lediglich 170 Neueinstellungen an den landesweit 250 Gymnasien geplant.

- Das WOCHENBLATT will es wissen: Welche Erfahrungen haben Sie als Schüler, Lehrer oder Eltern gemacht? Kennen Sie besonders krasse Fälle von Lehrermangel, Unterrichtsausfall und Vertretungsstunden? Schreiben Sie uns Ihre Erfahrungen. Die E-Mail-Adresse lautet: red-bux@kreiszeitung.net. Bitte mit Namen und Adresse (auf Wunsch können die Angaben auch anonym behandelt werden). Bitte nennen Sie die Schule und Klasse.