Immer an der Elbe lang
Schiffe, Schafe, Strand: Auf Deichwanderung in Kehdingen
- Auf dem Deich entlang der Unterelbe: Der Himmel unterstreicht die Weite der Landschaft
- Foto: jd
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Wandern ist wieder in. Auch WOCHENBLATT-Redaktionsleiter Jörg Dammann hat seine Wanderstiefel geschnürt – für eine kleine Halbtagestour. Ihn zog es aber nicht in eine klassische Wanderregion wie die Lüneburger Heide, sondern ans Wasser. Das ist sein Bericht:
Hier spürt man den Norden auf Schritt und Tritt
Als alter Pfadfinder ist Wandern für mich die klassische Fortbewegung. Wer zu Fuß unterwegs ist, entdeckt Dinge, an denen Radfahrer meist vorbeirauschen.
Meine Tochter – ebenfalls mit Pfadfinder-Vergangenheit und erstaunlich tolerant gegenüber wanderfreudigen Vätern – erklärte sich spontan bereit, die 15 Kilometer von Assel bis zum Anleger der Elbfähre bei Wischhafen mitzulaufen.
Meine Frau übernahm den Chauffeurdienst. Linienbusse sind in Kehdingen sonntags eher selten unterwegs.
Mehr Landschaft geht kaum
- Wolken, Wind und wilde Sturmfrisur: WOCHENBLATT-Redaktionsleiter Jörg Dammann auf seiner Deichtour
- Foto: bcd
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Oben auf dem Deich bei Assel erwartet uns vor allem eines: Landschaft. Sehr viel Landschaft. Von der Elbe dagegen zunächst kaum eine Spur. Der Strom ist hier fast zwei Kilometer entfernt.
Kaum vorstellbar: Bis nach der Sturmflut 1962 bildete der niedrige alte Deich bei Assel die Hauptschutzlinie. Erst danach entstand der heutige, deutlich höhere Elbdeich weiter draußen. Während ich über Deichbau doziere, schaltet meine Tochter auf Durchzug und nickt gelegentlich, um Interesse vorzutäuschen.
Anfangs stapfen wir oben durchs hohe Gras. Offenbar haben die Schafe heute frei. Irgendwann kapitulieren wir und wechseln auf den Deichverteidigungsweg. Dort läuft allerdings die „Tour de Kehdingen“. Vor allem Senioren auf E-Bikes schießen in einem Höllentempo vorbei, gern nebeneinander und in der festen Überzeugung, der Weg gehöre ihnen allein. Zum Glück können wir wenig später auf den Deich zurückkehren.
- Vor dem Ruthenstrom-Sperrwerk befindet sich ein Sportboothafen
- Foto: jd
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Ein Weg durch die Weite
Je näher wir der Elbe kommen, desto kräftiger bläst uns der Wind ins Gesicht. Genau deshalb bin ich hier. Es gibt Landschaften, die wirken erst auf den zweiten Blick. Kehdingen gehört dazu. Keine Berge, keine Wälder, keine Burgruinen. Stattdessen Leuchttürme, Gräben, Weiden und ein Himmel, der die Weite der Landschaft noch wachsen lässt. Hier spürt man bereits das Meer und schmeckt beinahe Salz auf der Zunge. Das ist der Norden - unverfälscht und ehrlich.
- Vorne das Kümo "Jan Dirk", hinten ein großes Containerschiff
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Viel Küste und ein Kümo
Nach gut einer Stunde erreichen wir das Ruthenstrom-Sperrwerk. Der Ruthenstrom war einst ein eigener Elbarm, trennte Asselersand vom Festland und bildet die Grenze zu Krautsand. Am Anleger liegt die „Jan Dirk“ fest vertäut. Das alte Küstenmotorschiff – wir sprechfaulen Nordlichter sagen „Kümo“ – sollte abgewrackt werden. Ein Museumsverein hat es gerettet. Während wir die "Jan Dirk" betrachten, schiebt sich am Horizont ein Schiffsgigant stromaufwärts Richtung Hamburger Hafen: die fast 300 Meter lange „CMA CGM Loire“.
- Weite, Wind und wenig Menschen am Krautsander Südstrand
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Strand, Matjes und Pommes
Hinter der Ruthenstrom-Mündung übernimmt die Elbe endgültig die Hauptrolle. Ein Trampelpfad führt durch dichtes Gebüsch Richtung Wasser. Dann öffnet sich das Dickicht – und plötzlich liegt er da: der Krautsander Strand. Sand, Elbe, Himmel und ein paar Strandkörbe. Wir laufen direkt an der Wasserkante entlang, bis wir das Strandlokal erreichen. Dort herrscht Hochbetrieb. Lautes Stimmengewirr, Hunde kläffen und aus den Boxen dröhnt Musik, die vermutlich auch am anderen Elbufer noch zu hören ist. Wir kehren trotzdem ein und wählen die eigenwillige Kombi Matjesbrötchen mit Pommes. Beim Wandern gelten eben andere Ernährungsregeln.
- Kulinarische Küsten-Kombination: Matjesbrötchen mit Pommes
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Gesättigt brechen wir wieder auf. Am Ende des Krautsander Hundestrand begrüßt uns eine der unverwechselbaren, knollennasigen Holzfiguren des Krautsander Bildhauers Jonas Kötz – jene sympathischen Gesellen, die überall auf der Insel auftauchen und irgendwie immer aussehen, als wüssten sie mehr als ihre Betrachter. Hinter dem Strand scheint der Weg zu enden. Vor uns: Schilf, Sumpf und die Frage, wie es weitergeht. Während ich nur Blätter und Sträucher sehe, entdeckt meine Tochter einen schmalen Pfad zurück zum Deich.
Zwischen Himmel und Elbe
- Hier oben auf dem Deich spürt man den Norden mit allen Sinnen
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In der nördlichen Hälfte von Krautsand wird es ganz still. Die meisten Ausflügler bleiben am Strand zurück. Kühe grasen auf den Weiden, Gräben glitzern wie Silberbänder. Hier gibt es nur Wiesen, Weite, Wind und Wasser.
- Ein typische Kehdinger Szene: Vorne grasen Schafe, hinten legt die Elbfähre an
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Am Horizont taucht das Sperrwerk der Wischhafener Süderelbe auf. Mit diesem Bauwerk habe ich noch eine Rechnung offen. Vor mehr als 40 Jahren stand ich hier schon einmal mit Pfadfinder-Kumpels – an einem kalten Novemberabend vor der hochgeklappten Brücke. Unsere geplante Wanderung von Stade nach Cuxhaven endete damals unfreiwillig auf Krautsand.
Die Sache ist zu Ende gebracht
- Kurze Verschnaufpause auf einer Sitzbank neben dem Süderelbe-Sperrwerk
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Heute lässt sich online recherchieren, wann man die Brücke passieren kann. Am Wochenende gibt es morgens und abends jeweils ein kleines Zeitfenster, zu dem sich die Klappbrücke senkt. Mit forschem Schritt und leicht schmerzenden Füßen überquere ich das Sperrwerk. Manchmal braucht es vier Jahrzehnte Geduld, um eine Sache zu Ende zu bringen.
- Ein seltenes Bild: Die meiste Zeit ist die Brücke am Wischhafener Süderelbe-Sperrwerk hochgeklappt und nicht passierbar
- Foto: jd
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Am Fähranleger von Wischhafen warten wir auf unseren Shuttle-Service in Gestalt meiner Frau. Bis dahin bleibt Zeit für ein zweites, diesmal doppelt belegtes Matjesbrötchen. Als Nachtisch gibt es Eis. Manche nennen das verfressen. Ich nenne es Regeneration.
- Mahlzeit: Am Ziel unserer Wanderung lassen wir uns nochmal ein Fischbrötchen schmecken
- Foto: bcd
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Nach 15 Kilometern steht für mich fest: Solch eine Deichtour muss ich unbedingt wiederholen. Schließlich geht es nicht darum, Kilometer zu sammeln, sondern Eindrücke. Als gebürtiger Cuxhavener würde ich sagen: Meer braucht es manchmal gar nicht. Die Elbe reicht völlig aus.
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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