Rentner geht windigen Anlageberatern aus Taiwan auf den Leim
Wertlose Wertpapiere

Für dieses Zertifikat hat Rentner Thomas D. am Ende mehr als 400.000 Euro hingeblättert
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(jd). Thomas D.* ist um eine Lebenserfahrung reicher, dafür aber um mehr als 400.000 Euro ärmer. Der Rentner, der in einem Ort auf der Stader Geest lebt, ist auf dubiose Aktienhändler aus Taiwan hereingefallen. Statt des Geldes besitzt er ein Zertifikat, das ihn als Inhaber von 208.841 Anteilen an einer offensichtlichen Scheinfirma ausweist. Zu spät wurde ihm klar, dass die erworbenen Wertpapiere, für die ihm ein Gegenwert von 1,3 Millionen Euro versprochen wurde, praktisch wertlos sind. Eine Nachfrage des WOCHENBLATT direkt in Taiwan ergab, dass das Investmentunternehmen, dessen angebliche Mitarbeiter D. mit den unrealistischen Gewinnversprechen geködert haben, wahrscheinlich gar nicht existiert (siehe unten).

Angefangen hat alles vor rund einem Jahr: "Am Telefon meldete sich ein Mann, der allerfeinstes Englisch sprach", berichtet der Rentner. Der angebliche Broker bot D. Aktien eines chinesischen Batterieherstellers an, der auch börsennotiert ist. D. biss an: "Ich habe gedacht, 5.000 Euro könnte ich ja mal probeweise investieren." Doch bei diesem ersten Deal blieb es nicht. Ein institutioneller Anleger sei an den Aktien interessiert, hieß es bei einem zweiten Anruf wenige Wochen später. Kaufpreis: 8.300 Euro. D. frohlockte angesichts dieser astronomisch hohen Rendite.

Ausgezahlt wurde aber nichts. Der Anrufer beschwatzte den Rentner, das eingesetzte Geld und den vermeintlichen Gewinn in ein neues, noch lukrativeres Geschäft zu stecken. Bei dem Investment ging es um eine Firma aus Hongkong, die mit der Herstellung von Sensoren für das autonome Fahren auf einem gewinnträchtigen Zukunftsmarkt unterwegs sein soll. Ein Börsengang sei geplant. Das Versprechen: Wer jetzt Anteile zu je 2 Euro erwerbe, könne in kurzer Zeit 50 Prozent Gewinn einstreichen.

Wenig später der nächste Anruf: D. wurde geraten, sein Portfolio aufzustocken. Er überwies in drei Schritten rund 140.000 Euro an eine chinesische Bank. "Die Herren am Telefon wirkten seriös und überzeugend", sagt D. Zur Sicherheit recherchierte er im Internet: Die Firma "Radford Taylor Partners", in deren Auftrag die angeblichen Anlageberater tätig sein sollen, sitzt in Taiwan und empfiehlt sich auf ihrer Homepage als unabhängiger Anbieter von maßgeschneiderten Finanzdienstleitungen.

Innerhalb eines Monats ließ sich D. zu vier weiteren Zahlungen in Höhe von insgesamt 150.000 Euro überreden. Mal hieß es, ein Hedgefonds sei am Erwerb der Anteile interessiert und werde dafür 6,50 Euro bieten, mal ging es darum, Vorzugsaktien gewinnbringend in Stammaktien umzuwandeln. Zwischenzeitlich wechselte das Investmentunternehmen. Auch die Firma "Ward Henderson Management" hat laut Homepage ihren Sitz in Taiwan. D.s finanzielle Möglichkeiten waren da bereits erschöpft. Das Konto war leer und er zapfte einen Kredit an, den er für eine Haussanierung aufgenommen hatte.

Als D. erklärte, nicht weiter zahlen zu wollen, setzen die Anlageberater den Rentner unter Druck und drohten, dass er dann womöglich sein ganzes Geld verliere. Angeblich müsse eine Sicherheitsleistung bei der Finanzaufsicht in Form eines Aktienpakets hinterlegt werden.

D. zahlte ein letztes Mal - mit geliehenem Geld. Zuvor wurde ihm per Mail versprochen, dass er nach dieser Transaktion im Gegenzug die zugesagte Millionensumme erhält.

Doch die Rückzahlung blieb aus. Allmählich dämmerte es D., dass er es mit Anlagebetrügern zu tun hatte. Per Telefon und E-Mail versuchte er, Kontakt mit seinen bisherigen Gesprächspartnern aufzunehmen. In seiner Verzweiflung bot D. an, die Aktien zum Stückpreis von 2,10 Euro statt der versprochenen 6,50 Euro zu verkaufen - doch es kam keine Reaktion.

Danach gingen sporadisch Mails ein, in denen D. immer wieder aufs Neue vertröstet wurde - mit dem Versprechen, eine Lösung zu finden. Denn leider sei der Hedgefonds nicht mehr an einem Kauf interessiert.
Nach dem ganzen Hickhack bekam D. auch Zweifel, ob der Ausgeber der Aktien, der besagte Sensorenhersteller aus Hongkong, nicht auch eine Fake-Firma sein könnte. Die Gelegenheit das nachzuprüfen ergab sich, als ein Bekannter D.s im Herbst beruflich in der südchinesischen Metropole zu tun hatte. Der suchte die Firmen-adresse auf und fand im zwölften Stock des Bürogebäudes, wo das Unternehmen angeblich residiert, ein leeres Großraumbüro mit 80 unbenutzten Schreibtischen vor. Lediglich ein einziger Schreibtisch war als Arbeitsplatz eingerichtet und mit einem Computer ausgestattet.

Nach dieser Hiobsbotschaft hat D. den letzten Funken Hoffnung verloren, jemals einen Cent wiederzusehen: "Ich ärgere mich über meine Dummheit und schäme mich vor allem gegenüber meiner Familie, so viel Geld verloren zu haben."

• Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft. Thomas D. sucht weitere Opfer der Anlagebetrüger aus Taiwan. Er ist unter folgender E-Mail-Adresse zu erreichen: WardHenderson.Betrug@web.de

* Name v. d. Red. geändert

Kein Eintrag im Handelsregister

Das WOCHENBLATT hakte in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh nach und fragte bei dem dortigen Wirtschaftsbüro der deutschen Außenhandelskammer nach Erkenntnissen über die Investmentunternehmen, die Thomas D. um sein Geld gebracht haben. Die Antwort ist eindeutig: "Wir können kein Unternehmen unter der von 'Ward Henderson Management' angegebenen Adresse finden. Außerdem liegt kein Eintrag im Handelsregister vor", teilt das taiwanesische Büro mit. Und weiter: "Es besteht also Grund zur Annahme, dass es sich bei 'Ward Henderson Management' um kein legitimes Unternehmen handelt." "Ward Henderson Management" und "Radford Taylor Partners" stünden offenbar miteinander in Verbindung.

Geködert wird mit hohen Renditen

2 Euro pro Aktie investieren, 6,50 Euro ausgezahlt bekommen: Mit diesem Gewinnversprechen wurde Rentner Thomas D. geködert. Doch wie kann jemand ernsthaft glauben, solch eine Rendite zu erhalten? Das wären schwindelerregende 225 Prozent! Dass sich Anleger in der aktuellen Niedrigzinsphase nach lukrativen Investments umschauen, ist verständlich. Doch Zigtausende von Euro in dubiose Angebote von Telefonvermittlern zu stecken, erscheint geradezu naiv.

Aber selbst Menschen, die sonst bedachtsam mit ihren Finanzen umgehen, sind vor solchen Verlockungen nicht gefeit. Anrufer, die sich als erfahrene Vermögensberater ausgeben, arbeiten mit allerlei psychologischen Tricks, um das Geschäft schmackhaft zu machen.

Die Vorgehensweise der Anlagebetrüger ist oft ähnlich wie im Fall von D.: Zunächst werden Aktien eines börsennotierten seriösen Unternehmens verkauft. Hat ein Kunde angebissen, wird dieses Aktienpaket angeblich gewinnbringend abgestoßen, um davon Anteile einer Fake-Firma zu kaufen. Der Kunde wird zu weiteren Käufen gedrängt, das Unheil nimmt seinen Lauf.

• Um nicht auf dubiose Investmentberater hereinzufallen, sollte man laut Experten einige Tipps beherzigen:

1. Nie auf telefonische Angebote eingehen, auch wenn der Anrufer noch so kompetent wirkt. Unseriöse Anlageberater melden sich oft unvermittelt am Telefon und versuchen, sich das Vertrauen des Angerufenen zu erschleichen.

2. Skeptisch gegenüber Homepages vermeintlicher Firmen aus Fernost sein, selbst wenn sie aufwändig gestaltet sind. Im Internet erscheinende Pressemitteilungen sind oftmals gekauft und kein Hinweis auf die wahre Existenz eines Unternehmens.

3. Wenn die Finanzberater in einem weit entfernten Land wie Taiwan sitzen, äußerste Vorsicht walten lassen. Deren Angaben können nur schwer überprüft werden.

4. Sich nie zu überhasteten Käufen drängen lassen. Mit dem Versprechen, Sonderkonditionen zu erhalten, wenn man sich sofort zum Aktienerwerb entschließt, soll der Kunde zu unüberlegtem Handeln verleitet werden.

5. Gerade dann besonders kritisch sein, wenn außergewöhnlich hohe Renditen versprochen werden. Die vom Anlageberater genannte Begründung mag plausibel klingen, entspricht aber nicht den Tatsachen.

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