Hollenstedt
Zeitzeugen zum Thema "Demokratie am Scheideweg"
- Die Zeitzeugen Hans-Jörg und Frauke Petershagen sowie Manfred Hüllen (v.li.) begrüßten rund 20 Gäste im Küsterhaus
- Foto: tb
- hochgeladen von Bianca Marquardt
Gelungene Premiere: Zum ersten Mal hatten jüngst Zeitzeugen zu einem Demokratie-Abend nach Hollenstedt eingeladen und diskutierten zweieinhalb Stunden lang mit rund 20 Gästen. Das Ehepaar Frauke und Hans-Jörg Petershagen sowie Manfred Hüllen sind normalerweise in Schulen zu Gast. Insofern war auch das Küsterhaus ein passender Veranstaltungsort, denn auch hier befand sich einmal eine Schule.
Hans-Jörg Petershagen (92) musste kurz vor Kriegsende als Zehnjähriger noch zwangsweise in das „Jungvolk“ der Nazis eintreten, eine militärisch organisierte Nachwuchsorganisation: Antreten, Marschieren, Kampfspiele und sogar Schießübungen standen auf dem Plan. "Wer nicht richtig grüßte oder nicht kam, dessen Eltern bekamen mächtig Ärger. Das war eine astreine paramilitärische Erziehung“, sagt Hans-Jörg Petershagen.
Die durchorganisierte Indoktrinierung erfuhr auch Frauke Petershagen (90), die in den Vierlanden aufwuchs: „Das ging schon im Kindergarten los und sorgte dafür, dass ich als kleines Mädchen eine glühende Hitler-Verehrerin war.“
Manfred Hüllen ist mit 87 Jahren der Jüngste des Trios. Dennoch sind ihm schreckliche Dinge bis heute präsent: In Thüringen, wohin seine Mutter mit zwei Kindern geflüchtet war, wurde seine große Schwester Ursula von einem Laster überfahren und starb neben ihm. "Und als bei Kriegsende die Russen einmarschierten, musste ich mit ansehen, wie sie seine Mutter vergewaltigten", berichtete er.
Mehrere Hundert Schulbesuche haben die Zeitzeugen, die dem Hamburger Seniorenbüro angeschlossen sind, in den letzten Jahrzehnten unternommen. Das Publikum kannte viele Erzählungen auch aus der eigenen Familie: Kohlenklau und die Pflicht, Holz und Briketts mit in die Schule zu bringen. Aber auch die Angst bei Silvesterknallerei oder dem sonnabendlichen Sirenentest.
Doch nicht nur um die Kriegserlebnisse sollte es an diesem Abend gehen. Die Frage lautete: „Demokratie am Scheideweg?“ „Die AfD ist völlig normal geworden“, sagte ein 35-jähriger dreifacher Vater. „Und ich frage mich: Was wird in 20 Jahren sein?“ Der Erfolg der AfD liege nicht unmaßgeblich im Agieren der anderen Parteien. Die Altparteien bräuchten wieder Politiker, die aufrichtig agieren und Klartext reden.
Resümee des Abends stand fest: Die Demokratie ist in Gefahr, aber es setzen sich auch viele Menschen für sie ein – zum Beispiel die Zeitzeugen: „Solange wir reden und in die Schulen gehen können, werden wir erzählen, was Diktatur und Krieg für die Gesellschaft und den einzelnen Menschen bedeuten", betonte Manfred Hüllen.
Wer sich als Zeitzeuge engagieren möchte, kann unter Tel. 040-30 39 95 – 07 oder per E-Mail an zeitzeugen@seniorenbuero-hamburg.de Kontakt aufnehmen. Infos auch unter www.seniorenbuero-hamburg.de/zeitzeugenboerse-hamburg.
Redakteur:Bianca Marquardt aus Tostedt |
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