Diskussion um Wiedereinführung der Wehrpflicht
"Jeder Deutsche sollte etwas zurückgeben“

Ausriss aus dem WOCHENBLATT-Artikel: Mit ihrer Aussage, "die Aussetzung der Wehrpflicht war ein Riesenfehler", hat die Wehrbeauftragte Eva Högl eine interessante Diskussion ausgelöst
  • Ausriss aus dem WOCHENBLATT-Artikel: Mit ihrer Aussage, "die Aussetzung der Wehrpflicht war ein Riesenfehler", hat die Wehrbeauftragte Eva Högl eine interessante Diskussion ausgelöst
  • hochgeladen von Sascha Mummenhoff

Zahlreiche WOCHENBLATT-Leser beteiligen sich an Diskussion um Wiedereinführung der Wehrpflicht / Deutliche Mehrheit für Dienstjahr.

(mum).
Angesichts rechtsextremistischer Vorfälle in der Bundeswehr stellt die neue Wehrbeauftragte Eva Högl (SPD) eine Wiedereinführung der Wehrpflicht zur Diskussion (das WOCHENBLATT berichtete). "Ich halte es für einen Riesenfehler, dass die Wehrpflicht ausgesetzt wurde", sagte sie den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. "Wir müssen diese Entscheidung sehr kritisch analysieren." Während Högl aus ihrer eigenen Partei und auch vom CDU-geführten Verteidigungsministerium keine Unterstützung bekommt ("Es tut der Bundeswehr jedenfalls sehr gut, wenn ein großer Teil der Gesellschaft eine Zeit lang seinen Dienst leistet"), beantworten 65,63 Prozent der WOCHENBLATT-Leser die Frage "Soll die Wehrpflicht wieder eingeführt werden?" mit einem klaren "Ja". Immerhin 34,38 Prozent sehen das nicht so.

Zahlreiche WOCHENBLATT-Leser nutzten die Gelegenheit, ihre Meinung via E-Mail mitzuteilen. Leider können wir nicht alle Zuschriften veröffentlichen. Hier eine Auswahl:

  • Werner Intelmann (81, Bendestorf): "Ich bin für die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Ich habe 1958 gedient und mir hat das eine Jahr nicht geschadet. Im Gegenteil, ich habe Disziplin und Kameradschaft kennengelernt. Außerdem hatte die Bundeswehr damals keine Probleme, Zeitsoldaten zu rekrutieren. Heute gehen offensichtlich bewusst Rechtsradikale zur Bundeswehr."
  • Werner Müller (61, Drestedt): "Wehrdienst steht für eine gestohlene, sinnlose Zeit und für die Nachwuchsarbeit einer nutzlosen, schon lange überflüssigen Armee. Ich muss Herrn Mummenhoff widersprechen. Ich könnte aus meiner 15-monatigen Wehrpflichtzeit ganz andere Geschichten erzählen als er. Wir benötigen keine Armee mehr. Für Friedenseinsätze sollte man Profis ranlassen. Aber die noch viel bessere friedensstiftende Maßnahme wäre, endlich aufzuhören, in die jeweiligen Krisengebiete Waffen zu liefern."
  • Kai Rauten (43, Buchholz): "Ich habe ganz ähnliche Erinnerungen an meine Dienstzeit wie Redakteur Sascha Mummenhoff. Auch meine Grundausbildung war kein Zuckerschlecken. Die persönliche Freiheit war eingeschränkt, die Freundin sah man die ganze Woche nicht und einen richtigen Feierabend hatte man auch nicht. Mit etwas Abstand betrachtet, denke ich jedoch gern an die Zeit zurück. Wir waren auch ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der sonst nie etwas miteinander zu tun gehabt hätte. Wir mussten tagelang miteinander auskommen - nicht nur in der Kaserne, sondern auch unter widrigen Bedingungen im Wald. Man lernte nicht nur Disziplin und Ordnung, sondern auch seine egoistischen Bedürfnisse zurückzustellen, eine gewisse Leidensfähigkeit und genügsam zu sein. Ich bin daher für die Einführung einer Dienstpflicht. Allerdings unter anderen Vorzeichen. Man sollte frei wählen dürfen, ob man seinen Dienst bei der Bundeswehr, im Pflegeheim oder etwa der Feuerwehr absolviert. Und noch einen Fehler gilt es zu korrigieren: Im Sinne der Gleichberechtigung muss diese Dienstpflicht für alle Geschlechter gelten."
  • Eckehard Klee (65, Buchholz): "Die Wehrpflicht war ein Zwangsdienst nur für Männer. In der heutigen Zeit gehört der Wehrdienst abgeschafft. Ein soziales Jahr - für Frauen und Männer - ist eine gute Idee."
  • Jan Behrens (Buchholz): "Ich habe meinen Wehrdienst 1997 absolviert. Damals nur noch zehn Monate als Fallschirmjäger. Interessant an den Kommentaren der beiden Redakteure ist, dass beide Seiten Pro-Argumente liefern. Die von Herrn Sander aber nicht als solche reflektiert werden. Er sagt, es war ein 'absolut verschenktes Jahr'. Nur um dann aufzuzählen, dass er in diesem Jahr Kontakte geknüpft, Durchhaltevermögen und die Fähigkeit zur Teamarbeit erlernt hat. Außerdem lese ich noch eine gesunde Skepsis gegenüber allem Militärischen und eine realistische Einschätzung der Bedeutung von "Krieg" heraus. Mein Zugführer sagte damals gern: Soldaten sind die eifrigsten Pazifisten: Sie wissen, dass der Krieg ihren eigenen Tod bedeutet. Ist eine Wehrpflicht militärisch sinnvoll? Natürlich nicht! Aber: Je mehr auch die zivile Bevölkerung über Kriegsführung weiß, desto genauer wird sie ihren Einsatz prüfen und den eingesetzten Soldaten Respekt entgegenbringen. Das Gegenteil erleben wir in den USA. Dort fällt es reichen Senatoren leicht, tausende von Soldaten zu opfern."
  • Karl-Heinz Lemm (Tostedt): "Eine Wehrpflicht ist die beste Lösung, unsere Jugend von ihrer liebsten Tätigkeit, dem 'Handy-Gedaddel', abzulenken. Es kann auch nicht schaden, sein Bett mal nicht gemacht zu bekommen. Es sind doch nur ein paar Monate. Das lässt sich doch aushalten - und es gibt auch noch Geld dafür. Aber ich hoffe, dass die ganze Aktion nicht dazu dient, genügend Wehrdienstverweigerer zu bekommen, um diese dann als billige Arbeitskräfte und Lückenbüßer in die Pflege zu vermitteln."
  • Sascha Tiedemann (35, Buxtehude): "Nicht schlecht gestaunt habe ich, als ich mich auf dem offiziellen Foto der Bundeswehr beim Artikel gesehen habe. Es entstand im Mai 2016 bei einer Übung für eine militärische Evakuierungsoperation in Belgien. Ich möchte ein paar Gedanken zur Thematik nach nunmehr 15 Dienstjahren in der Bundeswehr wiedergeben. 2011 wurde die Wehrpflicht vom damaligen Minister zu Guttenberg aus einem echten und einem unechten Grund aufgehoben: Der echte Grund war die Auflage der Kanzlerin an alle Ressortinhaber, Kosten einzusparen. Der unechte Grund war die vorgeschobene 'Wehrgerechtigkeit'. Letztendlich wurde das Ziel erreicht und es konnten Milliarden gespart werden. Doch was ist geblieben? Eine große Personallücke beim Militär (hierbei darf man nicht vergessen, dass sich eine Reihe von späteren Soldaten auf Zeit und Berufssoldaten aus der Wehrpflicht selbst rekrutiert haben - es war also ein dynamisch laufendes, eigenes Assessment) und viel schlimmer: die Lücke im sozialen Sektor. Wie konnte man diesen Schritt damals in einer immer älter werdenden Gesellschaft gehen? Fehlen die jungen Leute beim Militär? Ja, teilweise schon. Doch viel schlimmer trifft es den sozialen Bereich durch fehlende Zivildienstleistende. Ich spreche mich deutlich nicht für eine neue Form eines freiwilligen Dienstes aus, sondern für einen verpflichtenden Dienst an der Gesellschaft für Männer und Frauen, egal ob in Kindergärten, Krankenhäusern, Senioreneinrichtungen, der Feuerwehr, dem THW oder eben dem Militär. Dieses Land gibt uns sehr viel, in welcher Phase des Lebens auch immer, und jeder Deutsche sollte etwas zurückgeben. Ein verpflichtender Dienst an der Gesellschaft ist meiner Meinung nach wichtiger denn je und der angesprochenen 'Generation Selfie' hilft es bei der Berufsorientierung und den Punkten, die Herr Mummenhoff angeführt hat. Dass Herr Sander so schlechte Erfahrungen Anfang der 1990er Jahre gemacht hat, ist schade. Ich darf Ihnen aber als ehemaliger Kompaniechef einer Grundausbildungseinheit (2016-2019) sagen, dass sich die Zeiten geändert haben, so wie das Militär selbst."
  • Ingmar Schmidt (Buchholz): "Ich habe meinen Wehrdienst abgeleistet und zwei Jahre dadurch verloren. Da der Wehr- beziehungsweise Ersatzdienst damals aber gesellschaftlich anerkannt war, ist das ok. Heute sieht die Sache anders aus, denn um eine gesellschaftliche Akzeptanz herzustellen, geht es auch um Wehrgerechtigkeit. Wenn nur ein Bruchteil der jungen Menschen eingezogen wird, dann ist das ein Lotteriespiel und ungerecht gegenüber denjenigen, die nicht eingezogen werden und direkt nach der Schule eine Lehre oder ein Studium aufnehmen oder ins Berufsleben einsteigen können. Dass die Wehrpflichtigen dem Rechtsextremismus innerhalb der Truppe vorbeugen sollen, ist eine falsche Annahme. Rechtsextreme Auswüchse gab es vor der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 und es gibt sie danach."
  • Jens Timmermann (47, Appel): "Da ich meinen Dienst von 1992 bis 1994 in Hamburg-Fischbek abgeleistet habe und seit 1997 im Reservistenverband bin, habe ich mit meinen 47 Jahren schon diverse Diskussionen über dieses Thema begleitet. Dass die Wehrpflicht überstürzt ausgesetzt wurde, ist allen, die sich mit diesem Thema ein wenig auskennen, eine nicht nachvollziehbare Handlung gewesen. Vom Staat im Staate und dem Rechtsdrall wurde ja gewarnt. Man hätte die Wehrpflicht grundlegend in eine Dienstpflicht für alle umbauen sollen, in erster Linie ein Dienst im sozialen Bereich und wem dieses nicht liegt, hätte das Jahr bei der Bundeswehr ableisten oder sich bei der Feuerwehr verpflichten können. Bei der Bundeswehr lernt man sich und seine persönlichen Belange zurückzustellen, sodass der eigene Egoismus sich unterzuordnen hat. Im sozialen Bereich lernt man im Allgemeinen den Dienst am Leben eines anderen. Beides sehe ich als eine große Bereicherung für unsere Gesellschaft."

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Autor:

Sascha Mummenhoff aus Jesteburg

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