Protest geht weiter
Tierschützer kritisieren Behörden im Tierversuchslabor-Skandal

"Wir geben nicht auf", erklären die Tierschützer, die an sieben Tagen die Woche, 24 Stunden am Tag das Camp gegenüber dem LPT in Mienenbüttel besetzen
2Bilder
  • "Wir geben nicht auf", erklären die Tierschützer, die an sieben Tagen die Woche, 24 Stunden am Tag das Camp gegenüber dem LPT in Mienenbüttel besetzen
  • Foto: bim
  • hochgeladen von Bianca Marquardt

bim. Mienenbüttel. "Unser Schlachtruf lautet: 'LPT ist noch nicht zu, wir lassen die Behörden nicht in Ruh'", erklärt Tine Boll. Sie ist eine von den Tierfreunden, die seit Ende Oktober täglich vor dem LPT in Mienenbüttel friedlich protestieren. Die Ankündigung des LPT, den Standort Mienenbüttel Ende Februar 2020 schließen zu wollen, halten sie für ein Täuschungsmanöver des Laborbetreibers. Deshalb wollen sie auch mindestens bis zu dem Zeitpunkt weiter protestieren. Außerdem sind sie empört, dass die Behörden ihrer Auffassung nach nicht handeln und noch keine Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft Stade vorliegen.
"Die mangelnde Transparenz lässt vermuten, dass die Behörden ihre eigene Unfähigkeit und ihr Versagen verschleiern wollen", schimpft Uwe, ein anderer in Mienenbüttel protestierender Tierschützer. "Und Landrat Rainer Rempe äußert sich nicht", kritisiert Andreas. "Für den Normalbürger ist nicht nachvollziehbar, dass die Versuchstiere nicht beschlagnahmt werden." Wie berichtet, waren 76 der ca. 250 Affen in der Vorwoche zurück zum "Lieferanten" in die Niederlande gebracht worden. Es sollten aber besser alle Labortiere umgehend in die Obhut des Tierschutzes überstellt werden.
Und was die im Raum stehenden Betrugsvorwürfe angeht, nach denen mindestens ein während einer Versuchsreihe gestorbener Affe gegen einen anderen ausgetauscht und laut ehemaligen Mitarbeiterinnen auch Rattenstudien gefälscht oder geschönt worden sein sollen, müssten alle Versuche und Studien sofort gestoppt werden. Schließlich müssten die Ergebnisse sämtlicher Studien infrage gestellt werden.
Die Tierschützer sind sicher, dass mit der Schließung des ohnehin nicht weiter tragbaren LPT in Mienenbüttel nur die Öffentlichkeit beruhigt und zum Schweigen gebracht werden solle.
Sabine Brauer von der Neu Wulmstorfer "Lobby pro Tier" hat den Zorn der Tierfreunde in einem Schreiben an den Landrat auf den Punkt gebracht: "Wie lange wollen Sie die Bürgerinnen und Bürger noch im Unklaren lassen? Nach all den inzwischen vorliegenden Vorwürfen zu eklatanten nachweislichen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz und auch gegen die Tierschutz-Versuchstierverordnung sowie den zusätzlich aufgedeckten, anscheinend vorsätzlichen Manipulationen von Versuchsreihen, ist für die breite Öffentlichkeit nicht mehr erklärbar, warum diesem Betrieb bis heute nicht die Betriebserlaubnisse für die einzelnen Standorte entzogen oder zumindest vorübergehend ausgesetzt wurden, bis ihre eigenen Recherchen zu einem Endergebnis kommen."
Die Befürchtung der Tierfreunde: Der LPT-Betreiber schließe den Standort Mienenbüttel, um einer Betriebsuntersagung durch den Landkreis zuvorzukommen, und dann die anderen beiden Laborstandorte unbehelligt weiter betreiben oder gar neue Tierversuchslabore eröffnen zu können.
Dem widerspricht der Landkreis. Die Ankündigung des LPT, den Standort in Mienenbüttel Ende Februar 2020 schließen zu wollen, sei kein Anlass, das laufende Verfahren ruhen zu lassen. "Wir prüfen weiter bezüglich der Unzuverlässigkeit des Betreibers. Daran arbeiten wir mit Hochdruck und auch zusammen mit den Behörden in Hamburg und Schleswig-Holstein", betont Kreissprecherin Katja Bendig. Die Behauptung des LPT, es gebe eine Vereinbarung mit dem Landkreis über die Schließung, stimme nicht, so Bendig.
Oberstaatsanwalt Johannes Kiers teilt auf WOCHENBLATT-Anfrage zum Stand der Ermittlungen gegen das LPT mit: "Die Ermittlungen dauern noch an, und in einem laufenden Verfahren ist es immer schwer, die Dauer und die Art des Abschlusses abzuschätzen. Zu den Ermittlungen gehört auch die Sicherung und Bewertung der erforderlichen Beweise. Mit den anderen zuständigen Behörden stehen wir im Austausch."
Auch nach der Schließung des LPT sei das Thema nicht erledigt. "Es ist ja nicht nur hier, sondern in allen Tierversuchslaboren Tagesgeschäft. Wir brauchen keine Tierversuche mehr in Bereichen, in denen schon Erkenntnisse vorliegen", so die Tierfreunde.
• Am Samstag, 16. November (14 Uhr), demonstrieren Tierschützer erneut gegen das LPT am Hamburger Hauptbahnhof. Denn der Hauptstandort des LPT ist in Hamburg. Parallel dazu werden auch wieder zahlreiche Tierfreunde am LPT Mienenbüttel ihre Mahnwache abhalten.

Fragen und Antworten zum LPT

bim/nw. Winsen. Den Landkreis Harburg erreichen nach wie vor zahlreiche Anfragen der Presse, aber auch seitens der Bürgerinnen und Bürger zum Tierversuchslabor LPT in Mienenbüttel. Das große Bedürfnis der Öffentlichkeit nach Informationen ist absolut nachvollziehbar. Viele der Fragen werden wiederholt gestellt, weshalb der Landkreis an dieser Stelle noch einmal auf die wesentlichen Punkte eingeht.
Warum beschlagnahmt der Landkreis Harburg nicht die im LPT befindlichen Tiere?
Weil die Ermittlungen derzeit noch nicht vollständig abgeschlossen sind, fehlt dem Veterinäramt derzeit eine Rechtsgrundlage für eine Beschlagnahme der Tiere, die sich im Eigentum des LPT befinden. Das Veterinäramt kontrolliert die Haltungsbedingungen und den Zustand der Tiere engmaschig. Derzeit befinden sich im Eigentum des LPT am Standort Mienenbüttel noch 139 Affen, 201 Hunde und 49 Katzen. Das LPT muss dem Veterinäramt mitteilen, wenn Tiere getötet werden oder das Tierversuchslabor verlassen.
Warum erlaubt der Landkreis den Abtransport von Tieren?
Der Abtransport von Tieren, wie in der vergangenen Woche geschehen, ist legal. Findet ein Transport statt, ist das Veterinäramt vor Ort und kontrolliert die Einhaltung der tierschutzrechtlichen Vorgaben. Dazu gehören der Zustand der Tiere, die Verladung, der tierschutzgerechte Transport und die Berechtigung des neuen Halters, diese Tiere zu halten. Sofern alle tierschutzrechtlichen Vorgaben eingehalten werden, hat das Veterinäramt keine Handhabe, den Transport zu untersagen, und auch keinen Einfluss darauf, an wen die Tiere abgegeben werden. In der vergangenen Woche sind 76 Affen, die sich noch in keinem Tierversuch befunden haben, an den Lieferanten der Tiere zurückgegangen. Bei den Tieren handelt es sich nicht um relevante Beweismittel in einem Strafverfahren.
Warum wird das LPT nicht sofort geschlossen?
Die Schließung des LPT seitens des Landkreises Harburg setzt den Nachweis der Unzuverlässigkeit des Betreibers voraus. Das uns vorliegende Videomaterial wie auch die inzwischen abgestellten Mängel bei der Haltung der Affen stellen juristisch gesehen aber noch keinen hinreichenden Grund für die Schließung des LPT dar. Der Landkreis Harburg arbeitet mit Hochdruck gemeinsam mit allen beteiligten Behörden daran, die umfangreichen Ermittlungen schnell abzuschließen. Um das laufende Verfahren nicht zu gefährden, können keine weiteren Details zum Inhalt und zu Erkenntnissen aus den Kontrollen und Prüfungen genannt werden.

Auf ein Wort: Schuld sind immer die anderen ...

Nach den von der "Soko Tierschutz" veröffentlichten Bildern von gequälten Hunden, Affen und Katzen und aufgedeckten Missständen liegen gegen das LPT in Mienenbüttel diverse Anzeigen vor - wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz, mehrfachen gewerbsmäßigen Betrugs und Körperverletzung durch gefährliche Medikamente. Dem WOCHENBLATT liegt ein internes Schreiben vor, das Anfang November von der LPT-Führung an die Mitarbeiter gegeben worden sein soll. Darin macht die LPT-Spitze für die für Februar angekündigte Schließung jedoch nicht eigene Fehler, sondern einknickende Behörden und die Druck machenden Medien verantwortlich. Wörtlich heißt es: "Leider hält jedoch die Behörde dem medialen Druck nicht stand."
Weiter steht in dem auf den 8. November datierten Scheiben: "Uns wurde im Zuge der gestrigen Besprechung mit den Behördenvertretern deutlich gemacht, dass man, frei nach dem Florian-Prinzip, grundsätzlich Tierversuche nicht ablehnt, jedoch diese, insbesondere an Katzen, Hunden und Affen, in Deutschland nicht mehr wünscht und diese möglichst verhindern wird. Auf der Basis dieser Grundhaltung der Behörde müssen wir davon ausgehen, dass ab sofort jede Prüfung, die wir für Mienenbüttel anzeigen werden, nicht auf wissenschaftliche Vertretbarkeit behördlich geprüft werden wird, sondern mit dem Bestreben, diese Prüfung (zu) verhindern." Daher habe man keine andere Wahl, als die Prüfungen an Katzen, Hunden und Affen einzustellen.
Und es wird kein Hehl daraus gemacht, dass die Tierversuche an den anderen Standorten fortgesetzt werden sollen. "Wir versichern Ihnen jedoch, dass wir uns bemühen, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu erhalten, da die Prüfungen in unseren Betriebsstellen Neugraben und Löhndorf uneingeschränkt fortgesetzt werden." Und: "Es tut uns sehr leid, dass wir diesen Weg - auch zu Ihrem Schutz - gehen müssen! Wir werden jedoch unsere übrigen Aufgabenfelder verstärkt bewerben und weiter ausbauen."
Da sich inzwischen diverse Unternehmen von einer Zusammenarbeit mit dem LPT distanzieren, dürfte dieser Schritt nicht nur aus ethischen, sondern wohl auch aus wirtschaftlichen Gründen erforderlich werden.
Bianca Marquardt

"Wir geben nicht auf", erklären die Tierschützer, die an sieben Tagen die Woche, 24 Stunden am Tag das Camp gegenüber dem LPT in Mienenbüttel besetzen
Mit Natodraht und durch Security abgesichert: 
der LPT-Standort in Mienenbüttel
Autor:

Bianca Marquardt aus Tostedt

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.