Demokratie in Gefahr
Stirbt mit Zeitzeugen die Erinnerung an die Grausamkeiten von Diktatur und Krieg?
- Manfred Hüllen engagiert sich für die Demokratie - auch als Ein-Mann-Demonstration
- Foto: bim
- hochgeladen von Bianca Marquardt
Immer wieder kommt es in den vergangenen Jahren, insbesondere im Wahlkampf, zu körperlichen Attacken auf Politiker unterschiedlicher Parteien, deren Programm nicht in das Weltbild oder die politische Überzeugung der Täter passt. Anfeindungen auf Social Media sind auch vielen heimischen Politikern, die zumeist ehrenamtlich Verantwortung übernehmen, nicht fremd. Manche Menschen wünschen sich in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten gar wieder eine Diktatur, ungeachtet dessen, was das für die persönliche (Meinungs-)Freiheit bedeuten mag.
Dabei ist in den weltweit zunehmenden autokratisch regierten Ländern zu erleben, was mit Andersdenkenden geschieht. Sie werden verfolgt, mundtot gemacht oder gar getötet.
Zeitzeugen, die ein solches Regime unter Hitler erlebt haben, mahnen, die Vergangenheit nicht zu vergessen. Aber ihre Zahl nimmt ab - aus "biologischen Gründen", wie Zeitzeuge Manfred Hüllen (86) aus Hollenstedt sagt. Denn diese Menschen sterben aus.
Manfred Hüllen, der selbst zweimal Morddrohungen erhielt, fürchtet um den Bestand der Demokratie.
Darum sind Gedenktage und
Erinnerungen von Zeitzeugen wichtig
Jeder zehnte politisch Engagierte gibt aufgrund von Anfeindungen und Drohungen aus dem digitalen Raum auf. Das ist das Ergebnis einer Studie der Technischen Universität München in Zusammenarbeit mit der Menschenrechtsorganisation HateAid, für die mehr als 1.000 politisch engagierte Personen befragt wurden. Rund ein Drittel aller Befragten, die digital angegriffen wurden, wurde auch physisch attackiert. Mehr als die Hälfte der Betroffenen hat ihr Verhalten geändert – von eingeschränkter Kommunikation bis hin zum geplanten Rückzug aus dem politischen Engagement.
Mit Morddrohungen sah sich in der Vergangenheit auch Manfred Hüllen konfrontiert, der als Zeitzeuge mahnt, dass sich die Gräueltaten des Dritten Reichs nicht wiederholen dürfen. In seinen Vorträgen, die er schon in vielen Schulen in der Region gehalten hat, thematisiert er u.a. die Verbrechen der Reichspogromnacht am 9. November 1938, die Bombardements auf Hamburg im Sommer 1943, die Kindheit - geprägt durch den Krieg und Nationalsozialismus - und den persönlichen Schmerz, den der Krieg über die Menschen und ihre Familien gebracht hat.
Auch Manfred Hüllen ist politisch engagiert. Er ist seit 48 Jahren Mitglied der SPD und ist immer mal wieder als Ein-Mann-Demonstration gegen rechte Tendenzen zu erleben. Er berichtet: "Es mehren sich die Rücktrittsfälle von politischen Funktionsträgern, die nach Bedrohungen von extremen Gruppen, meistens Rechtsextremen, Ihre demokratisch erworbenen Ämter niederlegen. Wenn man sie fragt, warum sie dieses gemacht haben, war Ihre Antwort: "Nicht weil ich und meine Familie extrem bedroht wurden habe ich diesen Schritt getan, sondern aus dem gesamten Umfeld hat sich niemand für mich eingesetzt!"
Auch als zweimal Morddrohungen in seinen Briefkasten gesteckt wurden, habe er keinerlei moralischen Beistand erhalten. Hüllen möchte von den WOCHENBLATT-Leserinnen und -Lesern erfahren: "Wenn nun dieses in unserer Region passiert, wie würden Sie sich verhalten? Wollen wir nur Zuschauer sein, wie unsere Demokratie beschädigt wird?"
Am 17. November 2025 ist Manfred Hüllen erneut als Zeitzeuge an einer Schule zu Gast, diesmal in Harburg.
Er ruft alle Menschen, die aus der Zeit von 1933 (aus der Familie) bis 1950 über ihre Jugend-Erlebnisse im Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit berichten möchten, dazu auf, sich als Zeitzeuge zu engagieren. Anfragen an das Senioren-Büro Hamburg Tel: 040-30399507, E-Mail: zeitzeugen@seniorenbüro-hamburg.de.
"Zwischen Steppenwind und Rotem Asphalt"
Ein Buch über die Grausamkeiten des Krieges hat 2018 Marion Christiansen (76) aus Tostedt gemeinsam mit ihrer früheren Arbeitskollegin, der Autorin Beate Werst, verfasst. In dem Werk mit dem Titel "Zwischen Steppenwind und Rotem Asphalt" haben die beiden die Aufzeichnungen aus den Tagebüchern von Marion Christiansens Urgroßmutter Helene Hartmann (1862 - 1949) ausgewertet und veröffentlicht. "Außer solcher und anderer Zeitzeugen, die an die Grausamkeiten erinnern, steht uns nichts zur Verfügung. Die Sorge vor einem Krieg wächst von Tag zu Tag. Oft ist gerade jungen Menschen nicht bewusst, mit welcher Brutalität Kriege geführt werden", sagt Marion Christiansen.
Helene Hartmann hatte beide Weltkriege und die Russische Revolution erlebt, ein für heutige Generationen unvorstellbar entbehrungsreiches Leben geführt. Eine ihrer Aussagen im Tagebuch nach all ihren einschneidenden Erlebnissen von Leid, Hunger, Flucht und Not: "Mag ein Mensch, der so etwas noch nie erlebt hat, begreifen, was es bedeutet, fliehen und all das, was das bisherige Leben ausgemacht hat, aufgeben zu müssen. Wie es sich anfühlt, Dinge, die einem lieb geworden und ans Herz gewachsen sind, zurücklassen zu müssen und einem ungewissen Schicksal entgegenzugehen."
• Erhältlich ist das Buch "Zwischen Steppenwind und Rotem Asphalt" zum Preis von 10,99 Euro (ISBN: 978-3-7467-3376-0) im Buchhandel oder bei Marion Christiansen, Tel. 04182-3165, E-Mai: marychristiansen@gmx.de.
Redakteur:Bianca Marquardt aus Tostedt |
|
| Webseite von Bianca Marquardt | |
| Bianca Marquardt auf Facebook | |
| Bianca Marquardt auf YouTube | |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.