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Drei von 25 Kindern einer Schulklasse brauchen Hilfe

Schulsozialarbeiter Klaus Tasche sitzt auf dem roten Sofa in seinem Büro. Darauf nehmen sonst Schüler zu Gesprächen Platz Fotos: ts
 
Schulleiter Rolf André vor dem Eingang der Grundschule Maschen

Bereits Grundschüler zeigen Verhaltensauffälligkeiten / Mit welchen Problemen der Schulsozialarbeiter Klaus Tasche in Maschen konfrontiert wird

ts. Maschen. Einzelne sechs bis zehn Jahre alte Kinder entwickeln eine Brutalität, die in Ausnahmefällen in einem Tritt gegen den Kopf eines anderen Kindes enden kann. Kleine Jungen und Mädchen verschaffen sich über das Internet Zugang zu Filmen mit freizügigen Sexszenen und sind anschließend verstört. Manche Väter und Mütter finden wegen ihrer Arbeitszeiten nur noch an den Wochenenden Zeit für längere Gespräche mit ihren Söhnen und Töchtern. Die Lebensumstände in den Familien haben sich heute so verändert, dass Schulsozialarbeiter an Grundschulen eine zunehmend wichtigere Rolle spielen.
Der Schulausschuss des Gemeinderates Seevetal hat am Montagabend mit großer Mehrheit empfohlen, die Schulsozialarbeiter an den Grundschulen Maschen und Ramelsloh jeweils in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis bei der Gemeinde Seevetal anzustellen. Bisher waren die Arbeitsvertärge auf ein Jahr befristet. Die Gemeinde wird die Schulsozialarbeit so lange finanziell sichern, bis das Land Niedersachsen die Kosten übernimmt.
Einer der Schulsozialarbeiter ist Klaus Tasche (38). An der Grundschule in Maschen kümmert er sich um Kinder mit Problemen. Schulsozialarbeiter erlangen ihre Qualifikation über ein Studium. Klaus Tasche hat sechs Semester "Soziale Arbeit" an der Fachhochschule Suderburg bei Uelzen studiert. Als Akademiker begegnet er den Lehrern auf Augenhöhe.
Wenn Klaus Tasche in der großen Pause über die beiden Schulhöfe geht, grüßt ihn beinahe jedes Kind. Einige Jungen und Mädchern haben das Bedürfnis, sich kurz an ihn drücken und ihn umarmen zu dürfen. Kein Zweifel, der Schulsozialarbeiter ist eine Vaterfigur für diese Kinder.
Selbst Grundschulkinder verbringen heute mehr Zeit in der Schule als zu Hause mit den Eltern. Die Grundschule Maschen ist eine Ganztagsschule. Einige Jungen und Mädchen beginnen den Schultag um 7.35 Uhr und bleiben bis 17 Uhr. "Manchmal holen Väter und Mütter ihre Kinder erst um 17.30 Uhr, weil sie auf dem Weg von ihrem Arbeitsplatz mit dem Auto im Stau gestanden haben", sagt Schulleiter Rolf André. Die Grundschule bildet den Lebensmittelpunkt der meisten sechs bis zehn Jahre alten Kinder. 225 Schüler besuchen die Grundschule in Maschen, davon sind mehr als 200 in der Ganztagsbetreuung.
Jungen Eltern fällt es heute offenbar zunehmend schwerer, ihr Berufsleben und die Erziehung ihrer Kinder in Einklang zu bringen. Hinzu kommt, dass es vielen jungen Müttern und Vätern nicht gelingt, ihnen Söhnen und Töchtern Grenzen zu setzen. "Eltern möchten die besten Kumpels ihrer Kinder sein. Ich beobachte zunehmend, dass Kinder die Grenzen setzen", sagt Klaus Tasche.
Eltern würden ihre Kinder in Watte packen. "In den zwei Stunden am Abend, die Eltern mit ihren Kindern verbringen, möchten sie, dass jeder Tag so schön wie Silvester ist", sagt Klaus Tasche. Die Folge: Kinder gewännen deshalb nicht die Fähigkeit, Konflikte auszutragen.
Klaus Tasche erzählt von einem zehn Jahre alten Mädchen, das mit dem Mobiltelefon seine Mutter anruft, als es von Mitschülern geärgert wurde. Die Fähigkeit, solche banalen Streitigkeiten selbst zu lösen, bringt der Schulsozialarbeiter den Jungen und Mädchen bei. Er macht sie also lebensfähig für eine Gesellschaft, in der Werte wie Respekt vor anderen und eine gewaltfreie Konfliktlösung gelten sollen.
Gelingt das nicht, kann es zu extremen Gewaltausbrüchen kommen. Klaus Tasche berichtet von einem Jungen, der einen anderen auf dem Schulhof gegen den Kopf getreten hat. Er hat auch eine Erklärung für den Exzess: "Der Junge hat so etwas im Internet gesehen und hält das für normal", sagt er.
Auch kleine Kinder hätten die technischen Möglichkeiten und Fähigkeiten, im Internet Filme mit Szenen von Gewalt und Sex zu sehen. Davon verstört, verändere das ihr Verhalten. Ein zehn Jahre alter Junge hat den Schulsozialarbeiter aufgesucht, weil er Ärger mit seiner Mutter habe. Die Mutter hatte entdeckt, dass er pornografische Filmszenen im Internet gesehen hat. Der Junge habe lediglich bei einer Internetsuchmaschine den Begriff "Kinderpornos" eingegeben und war auf die verstörenden Sexszenen gestoßen. Der Junge habe gedacht, der Film sei für Kinder, sagt Klaus Tasche. Kinder hätten Zugang zu Gewalt und Sex. Eltern würden das unterschätzen.
"In der Grundschule sehen wir die Phänomene zuerst und wir können hier früh Lösungen finden", sagt Schulleiter Rolf André. Er spricht von Werteunsicherheit, die sich breit mache. "Kinder scheitern vermehrt an Kleinigkeiten, deshalb ist Schulsozialarbeit so wichtig", sagt er. Die Grundschule sei ein Abbild der Gesellschaft. Hier seien Förderschulkinder und Hochbegabte unter einem Dach.
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Die meisten Jungen und Mädchen an Grundschulen zeigen trotz altersüblicher Probleme keine bedenklichen Verhaltensweisen. "Es sind etwa drei Kinder pro Schulklasse mit jeweils 25 Kindern, die Unterstützung brauchen", sagt Rolf André.