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Das letzte "Genie" der alten Schule: Arno Kochmann aus Stade

Betreibt Physik und Astronomie mit Rechenschieber, Papier und Bleistift: Arno Kochmann
 
Arno Kochmann in seinem Büro: Alte Möbel, Bücher, Geräte - alles wird zu Eine benutzt

Weniger ist mehr: Universaltalent mahnt zu Sparsamkeit und globaler Verantwortung

tp. Stade. Einfachheit ist schön und intelligent, denn selbst komplexe Naturphänomene gehen auf simple Elemente zurück. "Vereinfache dein Leben" heißt ein neuer Trend. Immer mehr Menschen ersetzen die Lust am Materiellen durch die Suche nach der Einfachheit. Einer, der es schon lange vormacht, ist Arno Kochmann (64) aus Stade. Er lud das WOCHENBLATT ein in seine bescheidene Welt, in der umso mehr Platz ist für geistigen Tiefgang.

Zusammenhänge des Weltalls kalkuliert Arno Kochmann mit dem Rechenschieber, architektonische Skizzen zeichnet er mit dem Bleistift, Fachwissen über Ur-Pflanzen bezieht er aus alten Büchern: Er nennt sich selbst mit einem Schmunzeln "eines der letzten 'Genies' der alten Schule". Nicht nur beruflich pflegt das eigenwillige Universaltalent die Einfachheit, auch durch Sparsamkeit und Zurücknahme im Privaten setzt er ein Zeichen gegen überbordende Technisierung und Verschwendung.

"Den Lebensstil habe ich von meinen Eltern übernommen, die die Entbehrungen zweier Weltkriege erlebt haben", sagt Kochmann. Seine ersten Lebensjahre verbrachte er in einer Stader Barackensiedlung. Bücher über Sternenkunde und ein einfaches Teleskop waren der Luxus seiner Jugend. Noch heute erkundet der Hobby-Astronom, der sich kritisch mit Einsteins Theorien auseinandersetzt, die Bewegung kosmischer Objekte am liebsten ohne Computer.

Viele Erklärungen liefert der gelernte Schriftenmaler, studierte Hochbauingenieur und heutige hauptberufliche Organist und Kirchenmusiker durch Handzeichnungen. Jüngst brachte sich Kochmann in die Diskussion um die Gestaltung von Neubaufassaden in der historischen Stader Altstadt mit seinen an die Fachwerktradition angelehnten Gebäudeskizzen und Wiederverwendung von Hölzern aus der Abrissmasse ein. Auch hier wurde seine Maxime deutlich: Bewahren statt zerstören.

Kochmann lebt es vor: Sein Mobiliar ist Jahrzehnte alt, Regale und Handtuchhalter zimmert er aus Sperrmüllfunden, das Haus heizt er minimal, Wäsche wäscht er mit der Hand in aufgefangenem Regenwasser. Die meisten Elektrogeräte sind uralt.
Ausnahme: eine energiesparende Induktionskochplatte. Sein Auto, das er sich "mit einem Kumpel teilt", steht ungenutzt auf der Auffahrt. Zu seinen Einsätzen als Organist bei Trauerfeiern fährt er bis zu 20 Kilometer weit mit dem Rad. Alles persönliche Beiträge zur Schonung natürlicher Ressourcen.

Seine Wertschätzung gegenüber der Schöpfung bringt Kochmann in der intensiven Beschäftigung mit Pflanzen zum Ausdruck: Der Tausendsassa betreibt Urpflanzen-Forschung (Paläobotanik). Aktuell untersucht er die Blattstruktur von Gingko-Bäumen. In seinem kleinen Wohnzimmer überwintert eine riesige urtümliche Araukarie. Sein Büro zieren Topfpflanzen, die andere Leute in den Müll warfen. Stolz berichtet der an Heilpflanzen interessierte Naturfreund, dass er vor Jahren sein entzündetes Auge mit einer selbst gemachten Tinktur aus Spitzwegerich kurierte. Und er spendet regelmäßig an die Organisation "Rettet den Regenwald".

Angesichts der aktuellen Weltlage sieht sich der Querdenker in seinen radikalen Bemühungen bestätigt: Terrorismus, so der praktizierende Christ, der auch den Koran gelesen hat, sei vor allem eine Folge von eines von Überfluss geprägten westlichen Lebensstils, von dem große Teile der Erdbevölkerung ausgeschlossen seien.