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Raus aus der Suchtfalle

Eine erstaunlich hohe Zahl! In Stade haben Spieler im vergangenen Jahr nach Angaben von Martina Kuhnt von der Landesstelle für Suchtfragen insgesamt 6,7 Millionen Euro in die 245 Automaten der Stadt gesteckt. Das sind fast 20.000 Euro am Tag (Foto: Kuhnt)
(bc). Spielhallen sind vielen Bürgern ein Graus, den Kommunen bringen sie meistens jedoch hohe Steuereinnahmen. Erst vor Kurzem erhöhte die Politik in Stade den Vergnügungssteuersatz von zehn auf 15 Prozent. Ein Teil der Mehreinnahmen soll in die Suchtprävention investiert worden. Klingt vorbildlich! Ist es das auch? Das WOCHENBLATT sprach mit Martina Kuhnt, Landeskoordinatorin für Glücksspielsucht. Im Rahmen eines Projektes betreut sie 24 Fachkräfte zur Prävention und Beratung von Glücksspielsucht in Niedersachsen.

WOCHENBLATT: Stimmt es, dass derzeit vielerorts in Niedersachsen - so wie jüngst in Stade - die Vergnügungssteuer angehoben wird?

Martina Kuhnt: Ja, das stimmt! Eine größere Zahl von Kommunen hat in den vergangenen Monaten eine Erhöhung der Vergnügungssteuer beschlossen. Alle Widersprüche der Anbieter wurden bislang abgewiesen. Es gäbe keine Existenzgefährdung. Vielfach ist sogar das Gegenteil der Fall: Die Einnahmen der Betreiber steigen weiterhin.

WOCHENBLATT: Wie beurteilen Sie dann diese Erhöhungen?

Kuhnt: Grundsätzlich begrüßen wir alles, das zu einer Begrenzung von Glücksspielangeboten führt. Zur Verhinderung oder Minderung von glücksspielsuchtbezogenen Problemen bedarf es aber weiterer regulierender Maßnahmen, im Sinne des Jugend- und Spielerschutzes.

WOCHENBLATT: Ist es dann nicht sinnvoll, wenn die Kommunen die zusätzlich generierten Einnahmen in Präventionsprojekte stecken?

Kuhnt: Definitiv! Wir fordern die Zweckbindung eines Teils der zusätzlichen Einnahmen für Präventionsmaßnahmen. Viele der Glücksspielsüchtigen haben als Jugendliche mit dem Spielen begonnen. Sie wurden auf der Suche nach dem schnellen Geldgewinn von den Glücksspielangeboten gelockt. Deshalb bedarf es gezielter Präventionsangebote in Schulen, Jugend- und berufsbildenden Einrichtungen.

WOCHENBLATT: Welcher Betrag wäre notwendig um nachhaltige Vorbeuge-Arbeit zu leisten?

Kuhnt: Einmalige Aktionen haben wenig nachhaltige Wirkung. Will die Kommune ernsthaft Prävention betreiben, muss diese inhaltlich und konzeptionell eingebunden werden Wir empfehlen die Anbindung an das bestehende Suchthilfesystem, das in diesen Bereichen langjährige Erfahrung hat. Für Nachhaltigkeit ist die Investition in Personal sinnvoll. Minimum sollte die Finanzierung einer halben Personalstelle über einen mehrjährigen Zeitraum sein.

WOCHENBLATT: Trügt das Gefühl, dass sich in jüngster Vergangenheit wieder mehr Leute in Spielhallen tummeln?

Kuhnt: Das Glücksspielangebot in Spielhallen und Gaststätten wächst seit Jahren. Niedersachsen liegt in der „Versorgung“ mit Geldspielgeräten über dem Bundesdurchschnitt, Stade belegt bezogen auf die Einwohnerzahl niedersachsenweit einen traurigen Platz 18 von 196 betrachteten Kommunen. Auf ein Gerät kommen 184 Einwohner. Deutschlandweit sind es 378, in Niedersachsen 325 Einwohner.

WOCHENBLATT: Wieviel Geld stecken die Spieler in Stade denn in die Automaten?

Kuhnt: Allein im vergangenen Jahr waren es hier 6,7 Mio Euro, die Spieler in die 245 Automaten im Stadtgebiet gesteckt haben. Die Aufwendungen der Spieler haben sich in Stade in den letzten zehn Jahren verdreifacht, in Buxtehude haben sie sich immerhin verdoppelt.

WOCHENBLATT: Zum Schluss das Beispiel Lehrte: Dort hat der Stadtrat die Glücksspielsteuer auf satte 20 Prozent angehoben! Für 2014 werden Einnahmen in Höhe von 600.000 Euro erwartet. 35.000 Euro pro Jahr will die Stadt in die Prävention stecken. Für sie ein Vorzeigemodell?

Kuhnt: Ja, ich kann es nur begrüßen, wenn eine Kommune für ihre Bürgerinnen und Bürger Suchtprävention zu einem festen Bestandteil ihrer Vorsorgeleistungen macht.

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