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Akw-Abbruch in Stade: Pyramidenbau - nur rückwärts

Marc Poppe übernahm die technische Leitung des Kernkraftwerks Stade von Michael Klein (re.)
 
Bis Ende 2022 seoll das stillgelegte Stader Kernkraftwerk abgerissen sein

Neuer Technischer Leiter im stillgelegten Kraftwerk: Marc Poppe übernimmt die Regie von Michael Klein


tp. Stade. Vor ihm liegt ein tonnenschwerer Koloss aus Stahl und Beton - teils atomar verunreingt - und im Rücken sitzen ihm ein eng gesteckter Zeitplan und ein enormer Kostendruck: Marc Poppe (42) ist neuer Technischer Leiter des Kernkraftwerks Stade. Seine Aufgabe ist die Koordination des eine Milliarde Euro teuren Rückbaus der seit 2003 stillgelegten Anlage: Bis Ende 2022 soll das Gelände an der Elbe in Bassenfleth - mit mehreren Jahren Verzögerung - wieder unbebautes Land sein.

Im April übernahm Maschinenbau-Ingenieur Marc Poppe, der zuletzt in der Zentrale des Betreibers Preussen Elektra in Hannover tätig war - den Posten von seinem erfahrenen Vorgänger Michael Klein (65), der sich in den Ruhestand verabschiedet. Die Übergabe des Fachwissens erfolgt behutsam über mehrere Monate. Es gibt komplizierte atomrechtliche und gewerbliche Bestimmungen zu beachten und die unterschiedlichsten Arbeitseinsätze zu managen: Im Atomkraftwerk (AKW) Stade (Baujahr 1971) sind 41 eigene sowie durchschnittlich 60 externe Mitarbeiter - von Bürokräften über Portiers bis zu Handwerkern - beschäftigt.

Der Rückbau des Kraftwerks gliederte sich in fünf Phasen, die bis 2015 hätten abgeschlossen sein sollen: Doch im Jahr 2014 wurde im Sockelbereich (Kalotte) des Reaktorgebäudes radioaktiv kontaminierte Kondensnässe nachgewiesen, die vermutlich aus Leckagen im Primärwasserkreislauf während des Betriebs stammten.

Derzeit arbeiten sich die mit dem Abbruch beschäftigten Spezialisten in Phase vier in den ganz unten unter der markanten Kuppel liegenden Bereich vor. Die Arbeit gleicht einem Pyramidenbau - nur rückwärts. Dazu schneiden geschulte Fachleute insgesamt rund 1.000 Blöcke in der Größe eines Seecontainers aus dem 22.000 Tonnen schweren Bauwerksteil, das an den Rohbau eines Hochhauses erinnert. Die kontrollierten Abrissarbeiten erfolgen in dem besonders geschützen Kontrollbereich in den extra ein riesiger Spezialkran eigebaut wurde.

Bevor das Abbruchmaterial das Werk auf dem See-, Schienen oder Straßenweg verlassen darf, wird es mit Spezialwerkzeug von nuklear kontaminierten Teilen u.a. durch Bohren und Meißeln befreit. Der geplante Abtransport zum Endlager Schacht Konrad in Salzgitter hat noch nicht begonnen. Bis auf Weiteres lagert das kontaminierte Material in einem werkseigenen Zwischenlager in Stade.

Nur knapp vier Prozent des anfallenden Stahls und Betons ist atomarer Müll. Der Rest wird zermahlen und z.B. im Straßenbau oder der Metallindustrie verwendet oder auf gewerblichen Deponien entsorgt. Ende 2021 soll laut Marc Poppe der nukleare Abbruch beendet sein und in Phase fünf der konventionelle Abriss der übrigen Gebäude beginnen. Wenn alles glatt läuft, ist das Gelände zwischen Elbufer und Obstplantagen Ende 2022 wieder grüne Wiese. Danach hofft Marc Poppe, den nach eigenem Bekunden "das Multi-Projektmanagement reizt", dass ihn sein Arbeitgeber mit einem weiteren AKW-Rückbau in Deutschland betraut.

Bis dahin genießt der aus dem Schwarzwald stammende Familienvater zweier Kinder (3 und 1) und Handball-Fan die Freizeit in der Natur. Seine Wahlheimat Norddeutschland erkundet er am liebsten mit dem Rad.