Erweckt aus dem Dornröschenschlaf
Älter als die Pyramiden: Dieser mystische Ort im Landkreis Stade kann wieder betreten werden
- Landrat Kai Seefried (li.) und Kreisarchäologe Daniel Nösler haben sich vor Ort die Situation bei den Großsteingräbern angeschaut
- Foto: Landkreis Stade
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Sie sind älter als Stonehenge und die Pyramiden von Gizeh. Sie haben 5.500 Jahre überdauert, wurden geplündert, von mächtigen Buchen umwachsen und in jüngster Zeit beinahe unter Brombeeren begraben. Nur eines konnten die Großsteingräber von Grundoldendorf lange nicht sein: ein Ausflugsziel. Seit 2017 ist der geheimnisvolle Wald „Im Dohrn“ gesperrt. Jetzt endet die lange Wartezeit. Noch in dieser Woche soll der Weg zu einem der faszinierendsten Orte im Landkreis Stade wieder frei sein.
- Achtung Lebensgefahr: Seit 2017 ist das Gelände auf der Anhöhe bei Grundoldendorf gesperrt
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Wer auf die bewaldete Kuppe bei Grundoldendorf blickt, ahnt kaum, welcher Schatz sich zwischen den Bäumen verbirgt. Vier gewaltige Großsteingräber liegen dort. Bis zu 51 Meter lang sind die Anlagen, errichtet um 3.500 vor Christus von Menschen der Jungsteinzeit. Generation um Generation kam und ging – die tonnenschweren Findlinge blieben.
Für Kreisarchäologe Daniel Nösler dürfte mit der Freigabe der historischen Stätte für die Öffentlichkeit ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung gehen. Schon vor Jahren bezeichnete er die Tatsache, dass dieser besondere Ort nicht besucht werden konnte, als „sehr unbefriedigend“. Jetzt sind Baumpfleger mit Säge und Klettergeschirr „Im Dohrn“ im Einsatz. Nach Abschluss ihrer Arbeiten soll die seit 2017 bestehende Sperrung aufgehoben werden.
- Einige der alten Buchen sind bereits umgestürzt
- Foto: Landkreis Stade
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Betreten verboten wegen Lebensgefahr
Lange Zeit war das auf einer kleinen Anhöhe gelegene Wäldchen ein beliebtes Ziel für Wanderer, Radfahrer und Geschichtsinteressierte. Wer die Anhöhe betrat, fand einen ungewöhnlichen Ort vor: alte Buchen, deren Stämme wie Säulen in die Höhe ragten, und dazwischen die mächtigen Steine einer längst vergangenen Kultur. Doch vor knapp zehn Jahren war damit Schluss. „Achtung Lebensgefahr! Betreten streng verboten“, hieß es auf den Schildern. Nicht die uralten Gräber waren das Problem, sondern die Bäume über ihnen. Viele der alten Buchen hatten nach rund 250 Jahren das Ende ihrer natürlichen Lebenszeit erreicht. Äste brachen herunter, ganze Bäume stürzten um. Was jahrhundertelang zur besonderen Atmosphäre des Platzes beigetragen hatte, wurde zur Gefahr für Menschen.
Die Sperrung hatte noch eine weitere Folge: Wo früher Besucher entlanggingen und die Gräber sichtbar im Wald lagen, eroberte sich die Natur das Gelände zurück. Junge Buchen und Ahorn wuchsen nach, vor allem Brombeeren breiteten sich massiv aus. Einige der mächtigen Findlinge verschwanden schließlich vollständig unter dem Bewuchs.
Ein Ort, der die Fantasie beflügelt
Vielleicht passt es sogar zu Grundoldendorf, dass sich die Gräber für fast ein Jahrzehnt hinter Verbotsschildern und Dickicht versteckten. Denn kaum ein archäologischer Ort der Region ist derart von Geheimnissen und Geschichten umgeben. Selbst während der Sperrung zog es offenbar Menschen heimlich in den Wald. Kreisarchäologe Nösler berichtete von Kerzenwachs auf den Steinen, aus Zweigen gelegten Zeichen, Blüten, Moosgebilden und sogar Tarotkarten, die neben den Gräbern gefunden wurden. Wer dort welche Rituale vollzog und was sie bedeuten sollten, blieb rätselhaft. Dass gerade dieser Ort eine solche Anziehungskraft besitzt, überrascht kaum.
- So sah das Areal aus, als die Großsteingräber noch frei zugänglich waren
- Foto: Landkreis Stade
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Bestattungen über 2.000 Jahre hinweg
Die jungsteinzeitlichen Menschen errichteten hier monumentale Grabstätten. Die vier Hünenbetten sind zwischen 29 und 51 Meter lang und sechs bis acht Meter breit. In ihren aus mächtigen Findlingen gebauten Kammern wurden mehrere Tote bestattet. Obwohl Grabräuber schon in früher Zeit in die Anlagen eindrangen, fanden Archäologen noch Keramikgefäße, Geräte aus Feuerstein und menschliche Knochen. Die Gräber wurden über einen Zeitraum von rund 2.000 Jahren bis in die Bronzezeit hinein genutzt. Wer die Steine betrachtet, steht vor Bauwerken aus einer Zeit, in der Menschen gerade begonnen hatten, dauerhaft sesshaft zu werden, Ackerbau zu betreiben und Vieh zu halten.
Dass die Gräber jetzt wieder zugänglich werden können, ist das Ergebnis einer Aktion, die so behutsam wie möglich verlief. 25 Bäume unmittelbar an oder auf den vier Megalithgräbern wurden einzeln untersucht. Je nach Zustand und Gefährdung werden sie gefällt oder auf mehrere Meter Höhe eingekürzt. Wo es möglich ist, bleiben die Stämme als stehendes Totholz erhalten – und damit als Lebensraum für geschützte Tiere.
Gelände ist ein wertvolles Biotop
Einfach mit schweren Maschinen in den Wald fahren und aufräumen? Undenkbar. Das könnte die Bodendenkmale beschädigen. Deshalb arbeiten Fachleute mit Seilklettertechnik. Gleichzeitig wird Totholz beseitigt und der Bewuchs auf den Grabanlagen entfernt. Rund 12.000 Euro kostet die Aktion, bezahlt wird sie vom Land Niedersachsen. Es ist ein Balanceakt. Denn „Im Dohrn“ ist nicht nur eine archäologische Schatzkammer, sondern auch ein wertvolles Biotop. Gerade die alten Bäume bieten unter anderem geschützten Fledermäusen Lebensraum. Bereits 1939 wurde das Waldgebiet ausdrücklich zum Schutz der Bodendenkmale als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen.
- Nach Einbruch der Dunkelheit herrscht eine geradezu mystische Atmosphäre rund um die Großsteingräber
- Foto: Museen Stade
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Künftig regelmäßige Pflege
„Jetzt wurde nach mehreren Jahren ein wichtiger Schritt unternommen, um eines der bedeutendsten archäologischen Denkmäler im Landkreis Stade wieder erlebbar zu machen“, sagt Landrat Kai Seefried. Die vier Anlagen gehören nach Angaben des Landkreises zu den am besten erhaltenen Großsteingräbern ihrer Art in Niedersachsen. Damit es nicht wieder bei einer einmaligen Rettungsaktion bleibt, soll das Gelände künftig regelmäßig gepflegt werden. Der Aufwuchs rund um die Gräber muss jährlich kontrolliert beziehungsweise entfernt werden. Außerdem sollen neue Informationstafeln folgen.
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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