"Luthers Wirken nicht reduzieren"

Über die Straßenbenennung nach Martin Luther 
ist eine Debatte entbrannt
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Debatte um Straßenbenennung nach Reformator in Buchholz: Mehrheit spricht sich für Beibehaltung aus

os. Buchholz. Die Frage, ob eine Straße nach dem Reformator Martin Luther benannt werden soll, beschäftigt offensichtlich viele Menschen in Buchholz. Nach dem Aufruf im WOCHENBLATT erreichten zahlreiche Nachrichten die Redaktion. Die meisten Leser sprechen sich für die Beibehaltung der Entscheidung des Steinbecker Ortsrates aus.
Wie berichtet, hatte Buchholz' Ex-Bürgermeister Prof. Dr. Götz von Rohr angemahnt, die Straße in einem Neubaugebiet an der Bremer Straße wegen Luthers deutlich antisemitischer Haltung nicht nach dem Reformator zu benennen. Als Alternativen hatte er u.a. "Dreihausen" oder "Alte Heide" vorgeschlagen.
Einige Reaktion der WOCHENBLATT-Leser:
• "Es ist ausdrücklich zu bemerken, dass die Äußerungen und Schriften Luthers sich über die Jahrzehnte sehr verändert haben und Luther in den Juden nur die Religionsgruppe. nie aber die Rasse gesehen hat", schreibt Eberhard Unger aus Buchholz. Es habe eine allgemeine starke Aversion gegenüber dem Judentum geherrscht, es müsse berücksichtigt werden, dass Toleranz im modernen Sinne für Luther und seine Zeitgenossen ein Fremdwort war. Eine Ablehnung der Straßenbenennung sei absurd und reduziere das gesamte Wirken Luthers ausschließlich auf einen kleinen Aspekt seines gesamten Wirkens, betont Unger.
• Eine antisemitische Einstellung von Luther sei nicht zu bestreiten, erklärt Gerhard Klußmeier aus Rosengarten. Wenn man daraus aber einen Widerspruch gegen eine Straßenbenennung ableiten würde, müsste es konsequenterweise zu einer allumfassenden "Straßenbereinigung" kommen, so Klußmeier. U.a. Kant, Richard Wagner, Wilhelm Busch und Turnvater Jahn hätten sich ebenfalls antisemitisch geäußert.
• In Anbetracht der großen kulturellen Leistungen von Luther solle die Namensnennung beibehalten werden, fordert Leni Wolde aus Buchholz. "Ansonsten müssten ja auch das Luther-Denkmal in Erfurt abgerissen und der Bahnhof in der 'Lutherstadt Wittenberg' umbenannt werden. Das wäre in meinen Augen absurd."
• "Meines Erachtens passt die Straßenbenennung nach evangelisch-lutherischer Prägung ganz und gar nicht in das Konzept der Buchholzer Straßennamen", erklärt dagegen Renate Komm. Sie kenne das Gebiet noch aus den späten 1940er Jahren, kleine Wege führten damals durch schöne Heideflächen zu einzelnen Wochenendhäusern. Renate Komm: "Die Namen, die von der Stadtverwaltung und Herrn von Rohr vorgeschlagen wurden, sind für das Areal weitaus passender."
• "Man ehrt einen Menschen selbstredend nicht nach dem, was er mit seinen Zeitgenossen gemein hat", schreibt Wilfried Gerhard aus Jesteburg. Martin Luther habe den Antisemitismus und den Türkenhass der frühen Neuzeit geteilt. Das historisch grunstürzend Neue, das mit Luther in die Welt gekommen ist, sei an anderer Stelle zu suchen. "Wenn nur makellose Persönlichkeiten gewürdigt werden könnten, könnte überhaupt keiner mehr gewürdigt werden", betont Wilfried Gerhard.
• Das angrenzende Gebiet am Kattenberge trage laut Bebauungsplan von 1977 die Bezeichnung "Lutherklause", berichtet Claus Pohle. Von daher passe die Straßenbezeichnung gut. Zudem habe Luther die angeführten Sätze vor 475 Jahren geschrieben. Claus Pohle: "Ist das nicht tiefste Vergangenheit? Lasst uns lieber mit der Zukunft beschäftigen, denn nur da liegt unsere Chance."
• "Natürlich hat Prof. Dr. Götz von Rohr Recht, wenn er Martin Luther einen Antisemitismus und einen Judenhass zuschreibt. Er hat allerdings nicht Recht, wenn er Martin Luther auf diese, nach heutigen Maßstäben nicht nachvollziehbare dunkle Seite seines Wirkens, reduziert", erklärt Lothar Hillmann. Martin Luther sei eine der bedeutendsten Persönlichkeit unserer Kirchen- und Gesellschaftsgeschichte. "Er war ein
wichtiger Theologe, Begründer der Reformation, Sprachschöpfer. Sein Kampf gegen den in der damaligen Kirche praktizierten "Geschäftszweig Ablasshandel" war einer der Auslöser des Thesenanschlags", so Hillmann. "Unser heutiges Verständnis vom Verhältnis zwischen Kirche und Staat ist ohne die Reformation nicht denkbar". Auch die Aufklärung habe einen Teil ihrer Wurzeln im Wirken Luthers. Eine Benennung einer Straße nach Martin Luther oder nach seiner Ehefrau Katharina von Bora sei deshalb auch heute noch möglich, fordere aber auch eine durchaus kritische Auseinandersetzung. Hillmann: "Die evangelischen Kirchen setzen sich im Übrigen seit den 50er Jahren mit dem Antisemitismus des Martin Luther in mehren Denkschriften auseinander und distanzieren sich davon (Quelle: Wikipedia). Der Ortsrat Steinbeck handelt richtig, seine demokratische Entscheidung der Namensfestlegung zu verteidigen, zu erklären und noch einmal einstimmig, über alle Parteien hinweg, zu bestätigen."
• Helmut Flügger schreibt: "Ich folge der Argumentation des Orsrates. Die Einwände des Herrn von Rohr sind zwar diskussionswürdig, angesichts des Lebenswerkes des Reformators aber zu eng. Wir müssen unsere Geschichte akzeptieren und mit ihr leben.
Generell finde ich allerdings, daß wir viel zu viele Straßen mit mehr oder weniger großen Namen haben. Dieses Verfahren ist mir zu simpel und verwässert auch die vermeintliche Ehrung. Neutrale Straßennamen sind näher an der Alltagswirklichkeit, und die Vorschläge von Herrn von Rohr tauglich. Ausgesuchte historische Persönlichkeiten sollen aber öffentlich geehrt werden, und Martin Luther gehört zweifellos dazu. Außer Straßennamen bieten sich dafür Gebäude, Denkmäler, öffentliche Anlagen etc. an. In diesem Fall kann ich mir als Kompromiss vorstellen, Martin Luther an anderer, gut sichtbaren Stelle zu ehren und neutrale Straßennamen für das in Rede stehende Areal zu finden. Wenn das nicht geht, sollte der Beschluss des Ortsrates Bestand haben. Es geht nicht an, Martin Luther im Rahmen dieser Diskussion zu verleugnen. Das Leben mit der Geschichte geht vor."
• Christina Kaboth erklärt: "Ich halte es generell für problematisch, wenn Straßen nach Menschen oder Persönlichkeiten benannt werden, insbesondere aus der Religion oder der Politik, weil es hier immer Kontroversen geben wird, da immer irgendjemandem irgendwelche Äußerungen oder Fehlleistungen der betreffenden Person nicht passen. Man muss nur tief genug „graben“, um Problematisches zu finden.Herr von Rohr zeigt mit seinem Aufruf, dass es diese Problematik generell gibt, aber man sollte es meiner Meinung nach nicht nur an einem Punkt wie die Äußerungen in Luthers „Lügen“-Schrift festmachen. Daher denke ich, dass neutrale, bereits vorgeschlagene Straßennamen wie „Kiefernbogen“ und Goldlärchenweg“ optimaler wären. Daran gibt es nichts auszusetzen."
• "Auf jeden Fall sollte man Straßen nach verdienstvollen Menschen benennen und Martin Luther war einer der größten Deutschen überhaupt", schreibt Dieter Zeisberg. "Seine abfälligen Bemerkungen über die Juden würde er heute nicht mehr machen."

Autor:

Oliver Sander aus Buchholz

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