Angst bleibt ihr Begleiter

Eine brutale Gewaltat hat das Leben des Opfers verändert
  • Eine brutale Gewaltat hat das Leben des Opfers verändert
  • Foto: Adaobe Stock/Jonathan Stutz
  • hochgeladen von Alexandra Bisping


Ein Überfall-Opfer aus dem Landkreis Stade berichtet über die Zeit danach

(ab).(ab). Sie war früher sportlich, stundenlang mit ihrem Hund unterwegs, jetzt bereiten ihr alltägliche Handgriffe wie Zähneputzen, Eincremen und Schminken Schmerzen: Annette F.*, ihre Familie und die Freundin ihres Sohnes wurden im vergangenen Spätsommer im Landkreis Stade Opfer gewalttätiger Schläger und bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt.

Besonders hart getroffen hat es die Mutter: Mit einer gebrochenen Nase, einem Jochbein- und einem Kieferhöhlenwandbruch, gebrochenen Zähnen und einem faustgro-ßen Hämatom am Kopf wird Annette F. ins Krankenhaus eingeliefert. Die 53-Jährige wird stundenlang operiert, unter anderem müssen Titanplatten im Gesicht eingesetzt werden. "Ich kann mich an vieles nicht mehr erinnern", sagt sie, vermutet aber, dass sie außer Schlägen auch Tritte gegen den Kopf erhalten hat. Passanten fanden die Schwerverletzte in einer Seitenstraße.

Annette F. sagt: "Das Leben ist jetzt anders: Die erste Zeit nach dem Überfall bin ich nur in Begleitung meines Mannes vor die Tür gegangen." Erst seit wenigen Monaten traut sie sich das wieder alleine zu. Um das furchtbare Erlebnis besser verarbeiten zu können, macht sie eine Traumatherapie. Auch vom "Weissen Ring" hat sie Unterstützung erhalten. Neben der traumatischen Erfahrung und der Angst, die bleibt, seien die Schmerzen das Schlimmste: "Schon beim Eincremen meines Gesichts schmerzt die Stelle, an der die Titanplatte sitzt."
Medikamente kann die 53-Jährige nicht beliebig einnehmen - Annette F. hatte Krebs. Und: Sie ist nicht zum ersten Mal überfallen worden.

"Niemand weiß, wie es in mir aussieht"

(ab).Eine Familie besucht im Spätsommer 2018 gemeinsam mit der Freundin des Sohnes ein Straßenfest und wird dort nach einer verbalen Auseinandersetzung brutal zusammengeschlagen. Und zwar so schlimm, dass einige Familienmitglieder das Bewusstsein verlieren und mit mehreren Brüchen ins Krankenhaus kommen. Jetzt warten die Geschädigten auf die Gerichtsverhandlung.

Die Mutter der Familie, Annette F.*, hatte es besonders schlimm erwischt. Ihre Brüche konnten teilweise nur mit Titanplatten zusammengefügt werden. Jetzt lebt sie mit Angst, Schmerzen und der Hoffnung, dass die Täter eine gerechte Strafe bekommen.
"Zum Glück sieht man mir äußerlich nichts an", sagt Annette F.. Ihre Wunden im Gesicht sind abgeheilt. Aber wie es in ihr aussehe, das wisse niemand. "Ich wurde bei dem Angriff so ausgeknockt, dass ich mich nicht mehr an viel erinnern kann. Aber ich dachte: Das wars mit meinem Leben."

Annette F. versucht mit dem schrecklichen Erlebnis fertig zu werden, indem sie an ihren früheren Alltag anknüpft. Inzwischen arbeitet sie auch wieder, denn "zu Hause herumzusitzen bringt mich auch nicht weiter", so die 53-Jährige.

Nach dem Überfall war Annette F. lange krankgeschrieben, doch nicht nur sie hatte die gewalttätige Attacke übel mitgenommen. Ihr Sohn (23) war ebenfalls lange krank, dessen Freundin musste sogar zweieinhalb Monate in einer Trauma-Ambulanz behandelt werden.

Ebenfalls traumatisch: Für Annette F. war es nicht der erste Überfall. Bereits als junge Frau wurde sie in der damaligen DDR attackiert. Der damalige Täter sei erwischt worden und hätte eine Geldstrafe erhalten, erzählt sie.

Aus beruflichen Gründen sei sie mit ihrer Familie im Landkreis Stade sesshaft geworden. "Hier habe ich mich immer wohl und sicher gefühlt. Das ist jetzt vorbei", sagt F. Nach dem Übergriff hatte sich das Opfer auch beim "Weissen Ring" gemeldet. Ein Mitarbeiter habe sie betreut und informiert, beispielsweise über das Opferschutzgesetz.

Dass der Haupttäter seine gerechte Strafe erhält, sieht Annette F. skeptisch. "Wenn Täter einen guten Anwalt haben, verlassen die möglicherweise lachend die Gerichtsverhandlung." Aber sie hofft, dass es bald zu einer Gerichtsverhandlung kommt. Denn erst dann, ist sie sicher, kann sie mit dem Fall abschließen und versuchen, wieder ein einigermaßen normales Leben zu führen.

• In Meckelfeld im Landkreis Harburg wurde 2015 auf einem Dorffest ein Polizeibeamter attackiert: Mit nur einem einzigen Faustschlag schlug der Täter ihn ins Koma. Der mutmaßliche Schläger ist bekannt, der Fall noch nicht abgeschlossen. Im sogenannten Komaschläger-Prozess verurteilte die 9. Kleine Strafkammer am Lüneburger Landgericht im Dezember 2017 einen 34-jährigen Seevetaler zu drei Jahren und sechs Monaten Haft. Der Anwalt des Mannes ging in Revision. Aufgrund von Formfehlern kassierte das Oberlandesgericht das Urteil. Die Abstimmungen über den Prozessbeginn laufen. Bis zu einem endgültigen Urteil bleibt der Mann auf freiem Fuß. Das Opfer hat mit den Folgen immer noch schwer zu kämpfen.
* Name von der Redaktion geändert

Hier bekommen Opfer Hilfe
Wer Opfer eines Überfalls, Einbruchs oder einer anderen Gewalttat wurde, findet Unterstützung beim "Weissen Ring". "Wir stehen den Opfern zur Seite", sagt Peter-Michael Reiß. Er ist Ansprechpartner des "Weissen Rings" in Stade.
Durch Mitarbeiter des "Weissen Rings" erhalten Opfer eine rechtliche Beratung und werden dabei über das Opferschutzgesetz und ihre rechtlichen Möglichkeiten aufgeklärt. "Bei Bedürftigen gibt es eine Soforthilfe von 300 Euro", erläutert er. "Das entscheiden wir ad hoc. In Anspruch nehmen können das beispielsweise Hartz-IV-Empfänger." In jedem Fall kann das Opfer sich für eine erste rechtliche Beratung einen Anwalt aussuchen. Die Kosten von 190 Euro übernimmt der ,Weisse Ring'. Auch bei einer psychologischen Untersuchung wie der Trauma-Ambulanz in Stade werden Kosten übernommen. Die größte Leistung des "Weissen Rings" bestehe allerdings in der ehrenamtlichen Betreuung der Opfer. "Anrufen, informieren, mitgehen oder, wenn gewünscht, das Opfer permanent zu begleiten, ist sehr zeitintensiv", sagt Reiß. "Aber wir machen das alle sehr gerne."
• www.weisser-ring.de
• Auch bei der Stiftung Opferhilfe Niedersachsen gibt es Unterstützung unter www.opferhilfe.niedersachsen.de oder unter ( 04141 - 4030430.

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