Kitzrettung im Landkreis Stade
Ehrenamtliche retten Rehkitze vor dem Mähtod
- Carola Hadler trägt Einmalhandschuhe und nutzt Gras, damit das Kitz keinen menschlichen Geruch annimmt
- Foto: Mandina Fähse
- hochgeladen von Nicola Dultz
Es ist 3.30 Uhr morgens irgendwo bei Beckdorf. Die Nacht hängt noch über den Feldern, nur vereinzelt leuchten Taschenlampen durch die Dunkelheit. Auf dem Hof eines Landwirts treffen sich Menschen, die eigentlich längst schlafen müssten. Stattdessen stehen sie hier freiwillig mitten in der Nacht – für den Tierschutz.
Carola Hadler aus Buxtehude gehört zu ihnen. Gemeinsam mit einem Drohnenpiloten, einem Jungjäger und weiteren Helfern bereitet sie sich auf einen langen Morgen vor. Rund 40 bis 50 Hektar Wiesen sollen heute abgesucht werden, bevor die Mähmaschinen anrollen.
„Das ist unser Beitrag zum Tierschutz“, sagt Hadler. Seit vier Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich bei der Kitzrettung der Jägerschaft Stade.
Doch die Helfer kämpfen nicht nur gegen Zeit und hohe Temperaturen. Immer wieder erleben sie ein Problem, das viele Spaziergänger nicht kennen: Gesicherte Rehkitze werden aus Unwissenheit wieder freigelassen – mit oft tödlichen Folgen.
Spaziergänger lassen gesicherte Kitze frei – mit fatalen Folgen
Die kleinen Rehkitze liegen während der Mahd geschützt in mit Gras ausgepolsterten Körben am Feldrand. Dort warten sie, bis die Wiese gemäht ist und der Landwirt sie wieder freilässt. Doch immer wieder entdecken Spaziergänger oder Hundehalter die Tiere und glauben, helfen zu müssen.
„Die Kitze werden dann aus den Körben genommen und laufen zurück ins hohe Gras“, berichtet Carola Hadler. „Wenn anschließend gemäht wird, haben die Tiere kaum eine Chance.“
Die gut gemeinte Rettung endet meistens tödlich. Für die Landwirte ist das nicht nur eine emotionale Belastung, sondern auch ein zusätzliches Problem: Gerät ein Tier ins Mähwerk, wird das Futter verunreinigt werden und im schlimmsten Fall Botulismus verursachen. Das Heu oder die Silage darf dann nicht mehr verfüttert werden.
Deshalb appellieren die Helfer eindringlich: Wer ein Rehkitz in einem Korb am Feldrand entdeckt, sollte es auf keinen Fall freilassen.
Mit Wärmebilddrohnen gegen den Mähtod
Die technisch unterstützte Kitzrettung gilt inzwischen als effektivste Methode, um die Tiere vor dem Mähtod zu bewahren. Denn die ersten Lebenswochen der Rehkitze machen die Suche besonders schwierig.
„Die Kitze haben in den ersten Tagen keinen Eigengeruch“, erklärt Hadler. Das schützt sie eigentlich vor Fressfeinden – macht aber auch Suchhunde nahezu wirkungslos.
Früher liefen Helfer oft in Menschenketten durch die Wiesen. Doch im hohen Gras sind die Tiere fast unsichtbar. Heute setzt die Jägerschaft Stade auf moderne Wärmebilddrohnen.
Noch vor Sonnenaufgang steigen die Drohnen über den Feldern auf. Über die Wärmebildkamera erscheinen die Körper der Tiere als helle Punkte im dunklen Gras. Doch auch das erfordert Erfahrung.
„Man muss lernen, die Bilder richtig zu lesen“, sagt Hadler. „Nicht jede Wärmequelle ist ein Kitz.“ Auch Hasen, Fasane oder sogar die warmen Liegestellen der Muttertiere tauchen auf dem Bildschirm auf.
Zentimetergenau ins hohe Gras geführt
Hat die Drohne ein Kitz entdeckt, beginnt die eigentliche Arbeit. Per Funk lotst der Pilot die sogenannten Läufer durch das hohe Gras.
„Manchmal stehen wir direkt davor und sehen es trotzdem nicht“, erzählt Hadler. Erst im letzten Moment taucht das zusammengerollte Tier zwischen den Halmen auf.
Mit Einmalhandschuhen nehmen die Helfer das Kitz vorsichtig auf. Eigener Körpergeruch könnte dazu führen, dass die Mutter ihr Jungtier später nicht mehr annimmt. Anschließend wird das Tier in einen mit Gras gepolsterten Korb gelegt und sicher verschlossen.
Die Körbe stehen anschließend im Schatten am Rand der Wiese, bis der Landwirt mit dem Mähen fertig ist. Danach kehren die Muttertiere zurück und finden ihre Jungen über leise Ruflaute schnell wieder.
Ehrenamt zwischen Nachtschicht und Arbeitsplatz
Für Carola Hadler und die anderen Helfer endet der Einsatz oft nicht mit dem Sonnenaufgang. Viele fahren anschließend direkt zur Arbeit.
„Man steht morgens um halb vier auf und sitzt manchmal um acht schon wieder im Büro“, sagt sie und lacht.
Die gesamte Arbeit erfolgt ehrenamtlich. Finanziert werden die Einsätze überwiegend durch Spenden von Landwirten und Privatpersonen. In der Jägerschaft Stade engagieren sich derzeit knapp 60 Mitglieder, darunter vier feste Drohnenpiloten und weitere Helfer in Ausbildung.
Jede gerettete Minute zählt
Das Zeitfenster für die Suche ist klein. Sobald die Sonne höher steigt und der Boden sich erwärmt, wird es für die Wärmebildkameras schwieriger, die Tiere zu erkennen.
Deshalb zählt an solchen Morgenden jede Minute. Während langsam die ersten Sonnenstrahlen über die Felder ziehen, startet auf der Wiese bereits das Mähwerk.
Und irgendwo am Feldrand warten kleine Rehkitze in ihren Körben darauf, nach der Mahd wieder sicher zurück ins Gras zu dürfen.
Weitere Infos für alle Interessierten und Personen, die die Wildtierrettung unterstützen möchen: https://jaegerschaft-stade.de/kitz-dronenrettung/
FAQ zur Kitzrettung im Landkreis Stade
Warum müssen Rehkitze vor der Mahd gerettet werden? Rehkitze verstecken sich instinktiv im hohen Gras und laufen bei Gefahr nicht weg. Dadurch geraten sie häufig in Mähmaschinen und werden schwer verletzt oder getötet. Wie funktioniert die Kitzrettung mit Drohnen? Frühmorgens fliegen Helfer mit Wärmebilddrohnen über die Wiesen. Die Kameras erkennen die Körperwärme der Tiere im Gras. Anschließend sichern sogenannte Läufer die Kitze in Körben am Feldrand. Warum dürfen Spaziergänger die Kitze nicht freilassen? Die Tiere werden nur vorübergehend gesichert. Werden sie vor der Mahd freigelassen, laufen sie oft zurück ins Gras und geraten anschließend in die Mähmaschinen. Warum tragen die Helfer Einmalhandschuhe? Die Helfer vermeiden so, dass menschlicher Geruch auf die Kitze übertragen wird. Dadurch sinkt das Risiko, dass die Mutter ihr Jungtier ablehnt. Wer organisiert die Kitzrettung im Landkreis Stade? Die Einsätze werden von der Jägerschaft Stade organisiert. Unterstützt werden die Teams von ehrenamtlichen Helfern, Drohnenpiloten und Landwirten. Wie kann man die Kitzrettung unterstützen? Viele Teams freuen sich über ehrenamtliche Helfer oder Spenden. Informationen gibt es unter anderem bei der Jägerschaft Stade oder über bundesweite Kitzrettungs-Netzwerke.
Redakteur:Nicola Dultz aus Buxtehude |
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