Bedarf oder kein Bedarf?
Widerstand gegen Lärmschutzwand in Neukloster: Anwohner fürchten massive Eingriffe ins Ortsbild
- Da die Bahnschienen auf einem Damm verlaufen und der Garten deutlich tiefer liegt, wird die geplante Lärmschutzwand für die Anwohner noch höher. Dagegen protestieren u.a. (v. li.): Nadine Ehlen, Brigitte und Ulf Kröger sowie Nicole und Carsten Bergert
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In Buxtehude-Neukloster regt sich deutlicher Widerstand gegen die geplante Errichtung einer Lärmschutzwand entlang der Bahnstrecke. Ulf und Brigitte Kröger, Nadine Ehlen sowie Nicole und Carsten Bergert wohnen seit vielen Jahren in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Gleisen – und lehnen die Maßnahme ab. Gemeinsam haben sie rund 200 Unterschriften von Anwohnern gesammelt, die sich ebenfalls gegen den Bau aussprechen.
Ihr Hauptargument: Der Bahnlärm sei in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Hochgerechnet auf einen gesamten Tag würde die tatsächliche Lärmbelastung nur etwa 15 Minuten ausmachen. „Die optische Beeinträchtigung durch eine hohe, massive Mauer wäre viel schlimmer als die derzeitige Geräuschkulisse“, sagt Ulf Kröger. Besonders die Vorstellung, dass das Dorf durch die Mauer auf ganzer Länge zerschnitten werde, sorgt für Unmut. Nicht nur unmittelbare Anwohner seien betroffen, auch Spaziergänger und Radfahrer im Naherholungsgebiet sowie Pendler, die Neukloster regelmäßig passieren.
Wertsteigerung oder Wertverlust?
Die Gruppe äußert zudem Zweifel, ob der Immobilienwert der anliegenden Häuser tatsächlich steige. Vielmehr befürchten sie Wertverluste aufgrund der verschlechterten Wohnqualität. „Man fühlt sich von den zuständigen Stellen nicht ernst genommen“, betont Nadine Ehlen. Bedenken gibt es auch hinsichtlich der notwendigen Baumfällungen: Für die Betonsockel der Wand müssten zahlreiche Gehölze weichen. Bei einem Ortstermin im April hatten auch Mitglieder der Grünen-Fraktion aus Buxtehude umweltrechtliche Bedenken geäußert.
Ein weiterer Kritikpunkt: Die schleppende Information der Öffentlichkeit. Viele Anwohner erfuhren nur zufällig von dem laufenden Planfeststellungsverfahren – etwa durch einen Aushang im Dorfschaukasten. Eine direkte Benachrichtigung gab es nicht. Auch die Kommunikation seitens des Eisenbahnbundesamtes (EBA) und der Stadtpolitik wird als unzureichend empfunden.
Verdacht: „Quiter Route“ soll verhindert werden
Hinzu kommt der Verdacht, die Maßnahme könne strategische Gründe haben. Die Gruppe vermutet, dass durch den Bau der Schallschutzwände verhindert werden soll, dass die Strecke zur sogenannten „quieter route“ erklärt wird. Auf diesen besonders leisen Strecken gelten strengere Lärmgrenzwerte und Betriebsverbote für laute Güterwagen. Ist eine Strecke bereits mit aktiven Schallschutzmaßnahmen ausgestattet, sei diese zusätzliche Regelung oft nicht mehr notwendig.
Das Eisenbahnbundesamt widerspricht: Laut einer Sprecherin spielt der Bau von Lärmschutzwänden keine Rolle bei der Klassifizierung einer Strecke als „leise Strecke“. Maßgeblich sei ausschließlich die Zahl der Güterzüge in der Nacht. „Die Strecke Buxtehude–Neukloster wurde nicht als quieter route eingestuft, weil hier weniger als zwölf Güterzüge pro Nacht fahren“, heißt es aus Bonn. Auch die Deutsche Bahn betont, dass der Bau von Schallschutzwänden unabhängig von der Frage nach quieter routes erfolge. Zudem sei der Güterverkehr bereits weitgehend auf leise Flüsterbremsen umgerüstet worden.
Bahn und Eisenbahnbundesamt verweisen auf gesetzliche Vorgaben
Das Eisenbahnbundesamt stellt klar: Es handelt nicht selbst als Bauherr, sondern prüft als Planfeststellungsbehörde die Anträge der Deutschen Bahn. Dabei würden alle eingegangenen Einwendungen und Stellungnahmen – im Fall Neukloster etwa 100 Einwendungen und zwei Unterschriftenlisten – sorgfältig geprüft. „Ob ein Erörterungstermin stattfindet, entscheidet sich erst, wenn die Erwiderungen der Bahn vorliegen“, so eine Sprecherin des EBA.
Die Bahn wiederum verweist auf die gesetzliche Grundlage der Lärmsanierung. Die Auslösewerte für Schallschutzmaßnahmen seien klar geregelt: Bei über 64 dB(A) tagsüber oder 54 dB(A) nachts könne Lärmschutz gefördert werden. Die Werte würden anhand von Mittelwerten aus dem gesamten Bahnverkehr ermittelt, wobei Achszahlen, Zugtypen, Geschwindigkeit und Streckentopografie berücksichtigt werden. Die aktuellen Baupläne für Neukloster basieren auf diesen Vorgaben.
Beim Thema Naturschutz verweist das EBA darauf, dass die Bahn landschaftspflegerische Begleitpläne und artenschutzrechtliche Fachbeiträge eingereicht habe. Die untere Naturschutzbehörde habe dazu eine Stellungnahme abgegeben. Eine abschließende Bewertung stehe jedoch noch aus.
Ausblick: Entscheidung steht noch aus
Wie es in Neukloster weitergeht, ist derzeit offen. Die Bahn arbeitet an Erwiderungen auf die Einwendungen. Erst danach wird entschieden, ob es einen Erörterungstermin geben wird und wie dieser abläuft. Abschließend entscheidet das Eisenbahnbundesamt im Rahmen eines Planfeststellungsbeschlusses über die Zulässigkeit des Vorhabens.
Die Gegner der Lärmschutzwand hoffen weiterhin auf Änderungen oder eine Verhinderung der Maßnahme. „Wir sind nicht gegen Lärmschutz“, sagt Nicole Bergert. „Aber die Lösung muss auch für das Dorf passen – und nicht nur auf dem Papier gut aussehen.“
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