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Sind härtere Abi-Noten wirklich notwendig?

Das Abi-Niveau sinkt, kritisiert der Deutsche Philologenverband und fordert eine strengere Benotung Fotos: archiv/Fotolia/contratswerkstatt
 
Hans-Ludwig Hennig
Aktuelle Leistungsdebatte: Schulleiter sehen grundsätzlichen Handlungsbedarf / Leserumfrage

tk. Landkreis. Das werden Schülerinnen und Schüler an Gymnasien nicht gerne hören: Der Deutsche Philologenverband fordert eine härtere und strengere Benotung von Abiturienten. Nur so könnten sie besser auf Studium oder Arbeitsleben vorbereitet werden. Das Leistungsniveau an Gymnasien sinke, warnt der Philologenverband. Ist die Forderung nach härteren Abi-Noten berechtigt? Das WOCHENBLATT hat mit Hans-Ludwig Hennig, Leiter des Albert-Einstein-Gymnasiums (AEG) in Buchholz, und seinem Buxtehuder Kollegen Ruprecht Eysholdt, Leiter des Gymnasiums Süd, gesprochen. Beide sind davon überzeugt, dass die aktuelle Debatte nicht auf Abi-Noten reduziert werden darf. Hennig: "Das wäre zu einfach." Eysholdt: "Es gibt viele Baustellen."

Was vor einigen Jahren in der Politik angestoßen worden sei, komme jetzt in den oberen Klassen an, so Hennig. Am AEG beobachte man seit einiger Zeit, dass Schüler kurz vor und während der Abiturphase das erforderliche Leistungsniveau nicht besäßen. Das liege unter anderem daran, so Hennig, dass es früher eine Übergangsquote von 28 Prozent aufs Gymnasium gegeben habe, die heute fast 45 Prozent betrage.
Dass die Schullaufbahnempfehlungen weggefallen seien, hält Ruprecht Eysholdt daher für einen schweren Fehler. "Die Folgen für die Kinder sind gravierend", sagt er. Sie würden sich beispielsweise in Klasse fünf und sechs durch die Schule quälen, bevor sie dann, oder noch später, doch abgehen würden. "Durch Misserfolge werden ganze Bildungsbiographien beschädigt", kritisiert der Buxtehuder Schulleiter. Statt Erfolge sammeln diese Schüler Misserfolgserlebnisse.

Sein Buchholzer Kollege beobachtet zudem, dass die Zahl der Schüler, die am Gymnasium "geparkt" werden, steige. "Die Eltern warten eigentlich darauf, dass etwa an einer IGS ein Platz frei wird." Hinzu käme ein "wachsender Schultourismus", so Hennig. Wenn es an Schule A nicht klappe, dann werde eben Schule B probiert. Statt sich auf die Abi-Noten zu fokussieren, müsse schon an der Grundschule angesetzt werden, so Eysholdt. "Bei vielen Kindern fehlen etwa Grundvoraussetzungen beim Lesen und Schreiben", kritisiert er. Und manches an Problemen müsse schon lange vor dem Abitur gelöst werden. Beispiel: In der Oberstufe wird die Rechtschreibung mitbewertet, davor nicht. Das findet Eysholdt falsch. "Das sind Brüche, die vermeidbar sind", sagt er.

Der Leiter des Gymnasiums Süd führt jenseits von strengeren Abi-Noten ein weiteres Problem ins Feld: Die Zahl sogenannter Nachteilsausgleiche steige, die häufig von Eltern für ihre Kinder eingefordert werden. Wenn Schülerinnen und Schüler etwa Probleme beim Rechnen und Schreiben haben, liege es im Ermessen der jeweiligen Schule, Fördermaßnahmen zu initiieren und - das ist entscheidend - den Nachteil in der Bewertung auszugleichen. Der entsprechende Erlass sei 2012 ausgelaufen und wurde nicht durch eine Neufassung mit eindeutigeren Regeln ersetzt, so Eysholdt. 

Und Hans-Ludwig Hennig sieht noch eine soziale Komponente in der vom Philologenverband kritisierten Schwächung des Abiturs: Kinder seien heute vielfach nach der Schule allein, weil beide Eltern in Vollzeit arbeiten. "Die Begleitung durch die Familien fehlt dann häufig." 

"Das Abitur ist einfacher geworden", bilanziert der Buchholzer Schulleiter. "Das ist ein schweres Feld mit vielen Themen", ergänzt sein Buxtehuder Kollege. Keiner von ihnen widerspricht der Forderung des Philologenverbands nach einer strengeren Benotung. Aber deutlich wird auch: Solange Bildungs- und Schulpolitik ein Spielfeld der Politik in jedem Bundesland ist, werden die Gesamtprobleme nicht gelöst. Als Beispiel führt Ruprecht Eysholdt die Digitalisierung der Schulen an, die vom Bund sogar per Grundgesetzänderung vorangetrieben werden soll. "Welches Wissen sollen die Schülerinnen und Schüler auf diesem Feld eigentlich erwerben?", fragt er. Das sei nämlich noch nicht geklärt.
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