Todesschüsse von Harsefeld: Warum musste Kamal I. sterben?
Polizei erschießt Flüchtling: Jetzt spricht ein Mitbewohner

Beamte der Spurensicherung waren am Tag nach den tödlichen Schüssen vor Ort
  • Beamte der Spurensicherung waren am Tag nach den tödlichen Schüssen vor Ort
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+++ Vorab-Anmerkung der Redaktion: Das Gespräch, auf dem dieser Artikel basiert, wurde bereits am Dienstag, 5. Oktober, geführt. Wie vereinbart, verzichtete das WOCHENBLATT aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes auf die Nennung des richtigen Namens des Gesprächpartners und auf ein Foto. Tage später hat sich unser Gesprächspartner nun an eine lokale Tageszeitung gewandt. Dort gibt er seinen vollen Namen preis und hat sich auch fotografieren lassen. Das WOCHENBLATT sieht sich daher nicht mehr an die ursprüngliche Vereinbarung gebunden. Um die Authenzität unserer Berichterstattung zu unterstreichen, sehen wir uns daher zu folgendem Hinweis veranlasst: Bei den im Artikel genannten Abdul S. handelt es sich um den 32-jährigen Abu Obeida Al-Taj aus dem Sudan. +++

jd. Harsefeld. Wäre Kamal I. noch am Leben, wenn er wegen seiner psychischen Probleme rechtzeitig Hilfe bekommen hätte? Diese Frage stellt sich, nachdem der 40-jährige Sudanese am vergangenen Sonntag von Polizisten niedergeschossen wurde und wenig später im Krankenhaus verstarb. Seine Mitbewohner in der Harsefelder Flüchtlingsunterkunft haben die Behörden nach eigenen Angaben wiederholt darauf hingewiesen, dass I. offenbar psychisch krank sei. Eine rechtzeitige Einweisung in eine Klinik oder eine entsprechende Therapie hätte den tragischen Ausgang dieses menschlichen Dramas wahrscheinlich verhindert.

"Kamal hätte Menschen gebraucht, die ihm helfen, und nicht welche, die ihn töten." Diese harten Worte stammen von Abdul S. (Name v.d. Red. geändert). Er ist einer der acht Mitbewohner des Getöteten. Seit mehreren Jahren leben die Männer gemeinsam in der Flüchtlingsunterkunft, die die Gemeinde in dem ehemaligen Bürogebäude eingerichtet hat. Die Bewohner stammen alle aus dem Sudan. Obwohl nur geduldet, gehen sie einer geregelten Arbeit nach. Bis auf I., dem es seit seiner Ankunft im Jahr 2017 nie so richtig gelang, Fuß zu fassen.

Abdul S. wirft den Verantwortlichen im Harsefelder Rathaus vor, nicht auf seine Hinweise reagiert zu haben. Seit Wochen sei I. verhaltensauffällig gewesen. Darüber habe er auch den für Geflüchtete zuständigen Mitarbeiter der Samtgemeinde informiert. "Ich habe ganz klar gesagt: Kamal ist krank. Bitte helft ihm."

Harsefeld: Polizisten erschießen sudanesischen Asylbewerber

"Wir rufen doch nicht grundlos die Polizei"

Er und die anderen Bewohner der Flüchtlingsunterkunft riefen auch mehrfach die Polizei. "Das machen wir doch nicht grundlos. Wir fühlten uns bedroht", so der 32-jährige Sudanese. "Doch wir hatten jedes Mal das Gefühl, dass die Polizisten uns nicht geglaubt haben." Das werde wahrscheinlich als Streit unter schwarzen Asylbewerbern abgetan, mutmaßt Abdul S. Er fordert, dass Polizei und staatliche Stellen in solchen Fällen künftig sofort reagieren, bevor eine Situation eskaliert.

"Kamal war ein ganz ruhiger Typ, aber ich hatte das Gefühl, dass er voller Ängste steckte", meint Abdul S. Seit dem Sommer soll I. sich spürbar verändert haben und aggressiv gegenüber den anderen aufgetreten sein. Bereits vor einem Monat soll es nach der Schilderung von S. zu einem ernsten Zwischenfall gekommen sein: I. bedrohte einen Mitbewohner mit einer Eisenstange, zog später noch ein Messer. "Schon da haben wir die Polizei gerufen. Die Beamten haben ihn mitgenommen und wollten ihn ins Krankenhaus bringen. Doch nach einer Stunde war er wieder zurück", berichtet S., der nach eigenen Angaben in den vergangenen Wochen rund zehnmal den Notruf 110 wegen I. gewählt hat.

"Tagsüber haben wir Kamal zuletzt kaum gesehen. Er hat sich in sein Zimmer zurückgezogen und war richtig dünn geworden, weil er kaum noch etwas aß", berichtet S. Die Nächte seien dann der Horror gewesen: "Kamal lief im Haus herum und klopfte manchmal stundenlang an unsere Zimmertüren. Wir haben nicht aufgemacht - aus Angst." Diese Situation sei nicht mehr zu ertragen gewesen. "Schließlich arbeiten wir ja alle und brauchen unseren Schlaf."

Todesschüsse von Harsefeld: Behörden halten sich bedeckt

"Im Rathaus wusste man, dass Kamal krank ist"

Noch am Montag vor den tödlichen Schüssen sei er im Harsefelder Rathaus vorstellig geworden und eindringlich darum gebeten, dass I. wegen seiner psychischen Auffälligkeiten behandelt wird, so S. "Dort hat man mir gesagt, man wisse, dass I. krank sei, und kümmere sich um die Angelegenheit." Die ganze Woche sei dann wieder nichts passiert. Die Aussage von Harsefelds Rathauschefin Ute Kück, wonach I. bereits vom Sozialpsychiatrischen Dienst des Landkreises betreut worden sei, kann Abdul nicht bestätigen: "Bei uns hier im Haus ist niemand von irgendeiner Behörde gewesen. Kamal hat auch keinen Arzt aufgesucht." Zu anderslautenden Medienberichten, wonach der Getötete seit Juni in psychologischer Behandlung bzw. Betreuung gewesen sei, sagt S. klipp und klar: "Das stimmt nicht."

An den vergangenen Sonntag erinnert sich S. nur ungern zurück. "Ich habe noch immer die Bilder dieser schrecklichen Nacht im Kopf." Der erste Vorfall habe sich bereits am späten Vormittag ereignet: I. bedrohte einen Mitbewohner mit dem Messer. Die alarmierten Polizisten hätten kurz mit I. gesprochen und seien wieder abgerückt. Wenig später habe I. erneut ein Messer gezückt, so S.: "Einige von uns saßen im Flur und rauchten Shisha. In der Aufregung ging die Shisha zu Bruch. Alle flüchteten auf ihre Zimmer."

Warum die Staatsanwaltschaft Stade ermittelt

Diesmal nahmen die Beamten I. mit. "Uns wurde gesagt, mit einem Richter werde geklärt, ob I. ins Krankenhaus eingewiesen wird. Auf jeden Fall solle er sonst die Nacht in Polizeigewahrsam verbringen", so Abdul S. Doch es kam anders: Der später Getötete war gegen 22 Uhr wieder zurück in der Unterkunft. Erneut pochte I. an die Zimmertüren und sprach Drohungen aus. Wieder riefen die Bewohner die Polizei.

Nach Angaben von S. trafen rund eine halbe Stunde vor Mitternacht vier Beamtinnen und Beamte ein. "Einer kam direkt zu mir, einer blieb im Flur stehen und zwei gingen die Treppe hoch ins Obergeschoss, wo I. sich aufhielt." Dieser habe die Polizisten aufgefordert, wieder zu gehen. "Dann ging alles ganz schnell. Jemand rief: 'Runter mit dem Messer.' Kurz danach fielen ganz schnell hintereinander vier Schüsse: tack-tack-tack-tack."

S. kann noch immer nicht fassen, was in dieser Sonntagnacht geschehen ist: "Kamal war krank und hat Hilfe benötigt. Jetzt ist er tot." Seine Gedanken kreisen um die Frage: "Warum hat uns vorher niemand ernst genommen und sich um Kamal gekümmert?" 

Lesen Sie dazu bitte auch den Kommentar:

KOMMENTAR: Behörden haben im Fall des getöteten Flüchtlings versagt
Alle Artikel über den Fall des erschossenen Flüchtlings
Autor:

Jörg Dammann aus Stade

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