Frust über Flächenfraß - Harsefelder Landwirt kritisiert extreme Ausweitung von Neubaugebieten

Eick Klintworth würde wertvolles Ackerland verlieren, wenn Harsefeld seine Pläne für weitere Neubaugebiete umsetzt  Foto: jd
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jd. Harsefeld. In Harsefeld stehen die Signale weiter auf Wachstum. Im kommenden Jahr wird der letzte Abschnitt des Neubaugebietes am Redder erschlossen. Wenn dort die 50 letzten Bauplätze im Ort vergeben sind, soll der Bauboom der vergangenen Jahre an anderer Stelle fortgesetzt werden. Die Politik hat dafür bereits die Weichen gestellt: Im Frühjahr wurde eine F-Plan-Änderung auf den Weg gebracht, die Harsefeld bis zu 170 Hektar an neuen Wohngebieten bescheren soll. Doch der Geestflecken leistet sich dieses Wachstum auf Kosten anderer - nämlich der Landwirte. Die verlieren durch die Bebauung wertvollen Ackerboden.

"Es ist ein Scheißgefühl, einfach vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden", sagt Eick Klintworth. Der Landwirt steht auf einem Stoppelfeld neben der Harsefelder Ortsumgehung. Die Straße trennt die Wohnbebauung von seinem Maisacker. Für ihn stand fest, dass die Umgehungsstraße dauerhaft den östlichen Ortsrand markiert. Jetzt kommt wahrscheinlich alles anders. Aus den Ackerflächen soll nach dem Willen von Politik und Verwaltung Bauland werden.

Rund 40 Hektar fruchtbaren Bodens würde Klintworth verlieren - ein Viertel der von ihm bewirtschafteten Fläche. "Das ist existenzbedrohend", meint der Landwirt: "Wo soll ich denn in der Nähe Ersatzflächen herbekommen?" Auf der Stader Geest tobe schon jetzt ein Konkurrenzkampf um jeden Hektar Pachtland. Klintworth hat die Ackerflächen östlich von Harsefeld lediglich gepachtet. "Viele denken immer, wir Landwirte könnten uns doch 'gesundstoßen' mit dem Landverkauf", so Klintworth.

Das sei aber völlig falsch: "Die Flächen, auf denen Harsefeld die nächsten Neubaugebiete aus dem Boden stampfen will, gehören überwiegend Privatleuten, bei denen bereits die Großeltern den Hof aufgegeben haben." Diese Grundeigentümer hätten keinen Bezug mehr zur Landwirtschaft und würden daher auf das finanzielle Angebot der Gemeinde eingehen.

"Wenn es mein eigener Grund und Boden wäre, würde ich sofort verkaufen und mir in Ostdeutschland eine neue Existenz aufbauen", sagt der 43-Jährige. Denn in Harsefeld werde seinem Betrieb über kurz oder lang die wirtschaftliche Grundlage entzogen. Durch den von der Politik gewollten Flächenfraß werde die Wohnbebauung immer näher an seine Hofstelle heranrücken - mit allen Konsequenzen: "Ich müsste dann wahrscheinlich eine teure Abluftanlage für meinen Sauenstall installieren, um Geruchsbelästigungen zu vermeiden."

Früher befand sich Klintworths Betrieb direkt in Harsefeld. Er ist dann ausgesiedelt, um seinen Hof erweitern zu können. "Ich dachte, wir hätten hier Ruhe für die nächsten Jahrzehnte - und jetzt sollen uns die Häuser wieder auf die Pelle rücken."

Als weiteres Standbein neben Sauenzucht und Ferkelmast betreibt Klintworth eine Biogasanlage. Daraus ergibt sich das nächste Problem: "Jetzt baue ich den Mais größtenteils in Hofnähe an. Wenn ich diese Flächen verlieren sollte, müsste der Mais von woanders herangekarrt werden." Die Gemeinde habe ihn aber vertraglich verpflichtet, den Mais aus einem Radius von höchstens 15 Kilometern zu beschaffen. "Einerseits macht mir die Gemeinde solche Vorgaben, anderseits sorgt sie mit ihrem Expansionsdrang dafür, dass ich diese Vorgaben künftig nicht einhalten kann."

Klintworth fordert von den Verantwortlichen ein Umdenken: Die Politiker sollten endlich begreifen, dass sie das Höfesterben mit zu verantworten haben, wenn sie mit ihren Beschlüssen aktiv zum Flächenfraß beitragen. Die Ausweisung von immer neuen Baugebieten sei ein "Großangriff" auf die Landwirtschaft, so Klintworth: "Keine Partei ist vorher mal von sich aus auf mich zugegangen und hat mit mir über meine Probleme gesprochen."

Bauland sollte mehr kosten

Eick Klintworth hat sich schon öfter dieses Argument anhören müssen: Wenn Harsefeld keine Neubaugebiete schafft und nicht kontinuierlich die Zahl der Einwohner erhöht, kann es sich seine Infrastruktur mit Einrichtungen wie Eissporthalle oder Freibad bald nicht mehr leisten. Der Verkauf von Bauplätzen würde jede Menge Einnahmen in die Gemeindekasse spülen.

Dazu hat der Landwirt eine klare Meinung: "Müssen die Grundstücke wirklich zu einem Schleuderpreis von 120 Euro pro Quadratmeter vermarktet werden?" Andere Gemeinden würden auch wesentlich mehr Geld für Bauland verlangen. "Warum werden nicht mindestens 200 Euro genommen?"

Das hätte einen doppelten Effekt, so Klintworth: Einerseits gebe es dann weniger Interessenten und die Neubaugebiete würden sich deutlich langsamer füllen, wodurch der Flächenverbrauch geringer sei. Anderseits hätte die Gemeinde durch die höheren Preise fast die gleichen Einnahmen aus dem Verkauf von Bauland wie vorher.

Autor:

Jörg Dammann aus Stade

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