Tanken um kurz vor zwölf
Wenn der Literpreis den Charakter testet
- Langes Warten auf eine freie Zapfsäule
- Foto: sb
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Es ist kurz vor halb zwölf im Alten Land. Die Sonne scheint, die ersten Sträucher blühen – und an einer Tankstelle spielt sich ein kleines Drama des Alltags ab. Vier Zapfsäulen, aber nur ein Automat zum Bezahlen und eine Schlange, die eher an den Start eines Sommerschlussverkaufs erinnert als an einen gewöhnlichen Tankvorgang.
Der Grund: Seit dem 1. April dürfen Tankstellen ihre Preise nur noch einmal täglich erhöhen – pünktlich um 12 Uhr. Wer vorher kommt, spart. Wer zu spät kommt, zahlt. Und wer mittendrin steckt, braucht vor allem eins: Geduld.
Schon die Kennzeichen verraten: Hier tankt nicht nur das Alte Land. Wer sparen will, nimmt offenbar auch ein paar Kilometer mehr in Kauf. Doch angekommen, ist der günstige Literpreis nur der erste Schritt. Der zweite ist: überhaupt an die Zapfsäule zu kommen. Und der dritte? Den Platz danach wieder freizugeben. Genau daran scheitert es an diesem Mittag ein ums andere Mal.
Während die einen endlich mit ihrer Kreditkarte eine Zapfsäule zum Tanken freigeschaltet haben und den wertvollen Kraftstoff in ihr Fahrzeug füllen, bildet sich am Bezahlautomaten eine zweite, fast ebenso ambitionierte Schlange. Denn: Die Quittung nach Abschluss des Tankvorgangs muss sein. Man weiß ja nie. Vielleicht für die Steuer. Vielleicht fürs gute Gefühl. Vielleicht einfach, weil man schon immer eine wollte. Dass hinter einem Dutzende warten, die auf eine freie Säule warten und deren Ersparnis mit jeder Minute schmilzt – geschenkt.
- Viele Kunden stehen gleich zweimal an, weil sie unbedingt eine Tankquittung haben wollen
- Foto: sb
- hochgeladen von Stephanie Bargmann
Auch das gepflegte Gespräch hat Konjunktur. Schließlich sieht man sich nicht alle Tage zwischen Zapfsäule drei und vier. Und wenn man schon mal da ist, kann man auch kurz klönen. Die Uhr? Läuft ja nur für die anderen.
Besonders effizient agiert der Kunde, der gleich zwei Zapfsäulen blockiert – man gönnt sich ja sonst nichts. Auto und Kanister, alles vollmachen, solange der Preis noch stimmt. Dass dadurch alle anderen länger warten, ist bedauerlich. Aber eben auch nicht sein Problem.
Was hier passiert, ist mehr als nur ein kleines Organisationsproblem. Es ist ein Lehrstück darüber, wie Menschen reagieren, wenn Zeit plötzlich Geld wird – im wahrsten Sinne des Wortes. Rücksicht wird zur Verhandlungsmasse, Effizienz zur Glückssache. Vielleicht wäre die einfachste Lösung gewesen: ein bisschen mehr Tempo, ein bisschen weniger Schnack – und die Quittung einmal ausnahmsweise Quittung sein lassen. Dann hätten am Ende vielleicht mehr Menschen gespart. Aber das wäre vermutlich zu einfach gewesen.
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