Das Gedächtnis des Landkreises
Kreisarchiv bewahrt die Geschichte des Landkreises
- Kreisarchivar Arndt-Hinrich Ernst im Magazin des Kreisarchivs: Auf 900 Regalmetern befindet sich hier das historische Gedächtnis des Landkreises.
- Foto: Landkreis Harburg
- hochgeladen von Fotoarchiv
Wer das Kreisarchiv des Landkreises Harburg sucht, muss zunächst den Weg in das Dachgeschossbüro eines Verwaltungsgebäudes der Kreisverwaltung in der Winsener Innenstadt direkt an der Fußgängerzone gegenüber einer Filiale der Bäckerei Soetebier finden. Dort, im Gebäude C des Landkreises, das sich das Kreisarchiv mit dem Rechnungsprüfungsamt und dem Betrieb Abwasserbeseitigung des Landkreises teilt, scheint die Zeit an manchen Stellen tatsächlich ein wenig stehen geblieben zu sein. Trotz moderner Büroausstattung erinnert manches noch an die frühen 2000er-Jahre. Zwischen Akten, Fachliteratur und historischen Dokumenten arbeiten Kreisarchivar Arndt-Hinrich Ernst und seine Mitarbeiterin Katrin Lembke-Schlaaff hier daran, die Geschichte des Landkreises Harburg zu bewahren.
Verirren sich überhaupt Besucher hierher? Die Antwort kommt prompt. „Erheblich mehr, als man annehmen würde“, sagt Arndt-Hinrich Ernst. Das Kreisarchiv empfängt regelmäßig Menschen, die für wissenschaftliche Forschungsvorhaben, private Familiengeschichten, Ahnenforschung oder Erbangelegenheiten in historischen Akten recherchieren möchten.
Für den Historiker Ernst, der in Hamburg studiert und 2015 mit einem Master abgeschlossen hat, ist die Aufgabe des Kreisarchivs klar definiert: „Das Kreisarchiv ist einerseits das historische Gedächtnis, der zentrale Überlieferungsspeicher des Landkreises und der Kreisverwaltung.“ Andererseits erfülle es eine gesetzliche Pflichtaufgabe. „Historische Verwaltungsakten müssen gesichert, dauerhaft aufbewahrt und bei Bedarf zugänglich gemacht werden“.
Welche Schätze sich in diesen Aktenbeständen verbergen, wird schnell deutlich. Es finden sich Unterlagen zur Entwicklung des Schulwesens, zum Ausbau der Müllabfuhr, zu Kriegssachschäden nach dem Zweiten Weltkrieg, Bau- und Wegeakten, historische Amtsblätter sowie zahlreiche weitere Dokumente, die die Entwicklung des Landkreises über den Lauf mehrerer Jahrhunderte nachvollziehbar machen. Archiviert werden vor allem Akten abgeschlossener Verwaltungsvorgänge, die mindestens älter als 30 Jahre sind. Hinzu kommen Bestände aus Kommunen, Genossenschaften und anderen Einrichtungen.
Wie wertvoll diese Überlieferungen für Forschung und Wissenschaft sein können, erlebt Ernst regelmäßig. Derzeit wird gemeinsam mit dem Marstall-Museum Winsen zur Geschichte von Deichbau, Entwässerung und Wasserbau im Landkreis geforscht. Immer wieder staunen Historikerinnen und Historiker, renommierte Universitäts-Fachleute, welch spannende Quellen sich im Kreisarchiv finden lassen. „Ach, im Kreisarchiv haben Sie dazu auch etwas?“, hört Ernst nicht selten.
Doch nicht nur Wissenschaftler nutzen das Archiv. Auch Schülerinnen und Schüler recherchieren für Projekte und Facharbeiten. Zuletzt wurden Quellen zur Geschichte der Winsener Juden während der Zeit des Nationalsozialismus ausgewertet. Einen wichtigen Anteil der Gesuche um Einsicht ins Archiv machen zudem Familien- und Ahnenforscher aus.
Schmunzelnd erinnert sich Ernst an eine besonders engagierte Besucherin: Eine 93-jährige Dame recherchierte mit ihrem iPad zur Entstehung eines Weihnachtsmarktes an einem ehemaligen Möbelhaus in Marschacht. Solche Begegnungen zeigen, wie vielfältig und lebendig Geschichte sein kann.
Organisatorisch ist das Kreisarchiv seit 2004 am Freilichtmuseum am Kiekeberg angesiedelt. Gleichzeitig ist es Dienstleister für die Kreisverwaltung und berät als Kreisarchivpflege auch andere Archive im Landkreis.
Wer hier arbeitet, braucht besondere Fähigkeiten. „Man muss alte Akten lesen können“, erklärt Katrin Lembke-Schlaaff. Dazu gehören auch heute kaum noch gebräuchliche Handschriften wie Sütterlin oder die deutsche Kurrentschrift.
Für die Historikerin ist die Arbeit im Archiv weit mehr als ein Beruf. „Der perfekte Job für mich“, sagt sie. Schon als Kind hätten sie alte Dinge fasziniert. Vom Geschichtsstudium sei ihr zunächst abgeraten worden. Stattdessen leitete sie viele Jahre eine Ganztagsbetreuung in Maschen und zog ihre Kinder groß. Die Leidenschaft für Geschichte blieb jedoch. 2013 begann sie ein Studium der Geschichtswissenschaft an der Fernuniversität Hagen, das sie mit dem Masterabschluss erfolgreich beendete.
Bei einem Forschungsprojekt in Seevetal lernte sie Arndt-Hinrich Ernst kennen. Seit 2024 unterstützt sie ihn im Kreisarchiv. „Ich liebe es, alte Akten zu transkribieren, in die Vergangenheit einzutauchen und nachzuspüren, wie die Menschen damals gelebt haben. Das hat auch viel mit Empathie zu tun“, sagt sie. Gleichzeitig weiß sie, dass viele Menschen wenig Vorstellung von Archivarbeit haben. „Für viele ist das eine Blackbox. Ich werde oft gefragt: Wozu braucht man das?“
Die Antwort findet sich zwischen den Regalreihen des Kreisarchivs. Dort lagern inzwischen 13.429 Akten auf rund 900 Regalmetern – sorgfältig geschützt in säurefreien Archivmappen und feuerbeständigen Archivkartons. Zu den ältesten Dokumenten gehört eine Aufstellung des Bauholzes für den Bau der Kirche in Egestorf aus dem Jahr 1666. Ebenfalls erhalten ist eine Quittungsliste über ausgezahlte Armenunterstützung der Amtsvogtei Winsen – einer Vorläuferin heutiger Sozialverwaltungen.
Für Arndt-Hinrich Ernst liegt genau darin die Faszination seiner Arbeit. „Archivarbeit ist manchmal wie ein Detektivspiel“, sagt er. „Geschichte und Geschichten von Menschen liegen in den Akten verborgen, wenn man sie lesen kann.“ Und Stoff für viele weitere Entdeckungen gibt es genug. Eine Lebenszeit, so ist sich der Kreisarchivar sicher, reicht kaum aus, um alles zu erforschen, was im Gedächtnis des Landkreises Harburg aufbewahrt wird.
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.