Auf Hausbesuch mit dem Kassenärztlichen Notdienst

Jeder kennt die Nummer 112, aber was verbirgt sich hinter der 116117? Der Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigungen ist für Menschen gedacht, die nicht lebensbedrohlich erkrankt sind, die aber außerhalb der Sprechzeiten dringend ärztliche Hilfe benötigen. Das WOCHENBLATT hat Dr. Jörn Jepsen (Foto re.) und Rettungssanitäter Reinhard Schmidt einen Tag lang bei ihren Hausbesuchen begleitet
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  • Jeder kennt die Nummer 112, aber was verbirgt sich hinter der 116117? Der Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigungen ist für Menschen gedacht, die nicht lebensbedrohlich erkrankt sind, die aber außerhalb der Sprechzeiten dringend ärztliche Hilfe benötigen. Das WOCHENBLATT hat Dr. Jörn Jepsen (Foto re.) und Rettungssanitäter Reinhard Schmidt einen Tag lang bei ihren Hausbesuchen begleitet
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„Ärztlicher Bereitschaftsdienst, Jepsen“, meldet sich Dr. Jörn Jepsen am Handy. Aufmerksam notiert er sich Namen, Adresse und Symptome. „Wir kommen vorbei. Es kann aber etwas dauern, bis wir da sind.“ „Wir“, das sind Dr. Jörn Jepsen, Facharzt für Allgemein- und Rettungsmedizin mit eigener Praxis in Hanstedt, und Rettungssanitäter Reinhard Schmidt. Im Rahmen des Kassenärztlichen Notdienstes sind sie an einem Samstagvormittag unterwegs, um Hausbesuche zu machen. „Im Gegensatz zum Notarzt oder Rettungswagen sind unsere Patienten nicht lebensbedrohlich erkrankt. Der Kassenärztliche Notdienst springt außerhalb der regulären Praxissprechstunden, also nachts, an Feiertagen und am Wochenende, ein“, erklärt Dr. Jepsen. Im Krankenhaus (Steinbecker Str. 44) in Buchholz befindet sich eine Bereitschaftspraxis. In Fällen, in denen ein Patient nicht in die Praxis kommen kann, macht der Notdienst Hausbesuche.
Der erste Patient ist ein 87-jähriger Rentner. Er hat schon länger Schmerzen in der Brust und an der Seite. Als erstes horcht der Arzt ihn ab. Jepsen fragt nach. Wo genau treten die Schmerzen auf? Bei welchen Bewegungen? Jepsen und Schmidt sind ein eingespieltes Team. Während der Arzt den Patienten untersucht, liest Schmidt dessen Krankenkassenkarte ein und bereitet die Unterlagen vor. Jeder Patient erhält einen Befund, in dem für den Hausarzt festgehalten wird, was untersucht wurde, wie die Diagnose des Notdienstes lautet und was dem Patienten empfohlen wurde. Auch den Blutdruck misst Jepsen beim Patienten, es scheint aber alles in Ordnung zu sein. Ein EKG soll Klarheit schaffen. Wenig später die Entwarnung: Das EKG hat nichts Auffälliges gezeigt. „Wahrscheinlich kommen die Schmerzen nicht vom Herzen, sondern vom Muskel“, vermutet Jepsen. Die Erleichterung ist dem Senior deutlich anzusehen.
Jepsen und seine Kollegen wechseln sich mit der Bereitschaft ab. Egal ob Allgemeinmediziner, Hautarzt oder Augenarzt: Pro Halbjahr müssen die niedergelassenen Ärzte drei Mal 24 Stunden Notdienst übernehmen. Der Bereitschaftsdienst für das Gebiet „Landkreis Harburg West“ betreut Patienten von Neu Wulmstorf über Hittfeld bis Heidenau, Ramelsloh, Egestorf und Handeloh. „Das ist ein großes Gebiet, aber in der Regel ist das gut zu schaffen“, sagt der Mediziner. Allerdings müssen die Patienten bei den Hausbesuchen auch längere Wartezeiten in Kauf nehmen.
Der nächste Patient wartet schon. Seine besorgte Frau hat die 116117 gewählt, nachdem ihr Mann nach einer Transplantation am Zeh über starke Schmerzen klagt. Noch am Vortag hat sich eine Wundärztin den Zeh angeschaut, wollte aber bis Montag abwarten. Jetzt sind die Schmerzen so unerträglich geworden, dass der Mann sich nicht mehr auf den Beinen halten kann. Vorsichtig öffnet Dr. Jepsen den Verband und untersucht den Fuß. Der Stumpf ist pechschwarz. Der Zeh wird nicht mehr richtig durchblutet, das Gewebe ist bereits abgestorben. „Sie müssen sofort ins Krankenhaus“. Jepsen stellt eine Einweisung aus, in der Zwischenzeit organisiert Schmidt einen Krankenwagen für den Transport.
Schon kurze Zeit später sitzen die beiden wieder im Wagen. Das Fahrzeug ist ihre kleine Arztpraxis mit EKG, Defibrillator und den wichtigsten Medikamenten. Auch dabei: Eine Taschenlampe. „Die Lampe ist wichtig. Wir brauchen sie, um nachts im Dunkeln die Hausnummern lesen und finden zu können, da leider nicht alle Häuser beleuchtete Hausnummern haben“, erklärt Jepsen.
Der nächste Einsatz führt die beiden in ein Pflegeheim. Eine 94-jährige Patientin kann ihren linken Arm nicht mehr bewegen, Verdacht auf Schlaganfall. „Eigentlich wäre das ein Fall für den Rettungswagen, aber die Patientin hat verfügt, dass sie nicht ins Krankenhaus möchte und dass sie keine lebenserhaltenden Maßnahmen will“, erklärt Jepsen. Von einer Pflegekraft werden Jepsen und Schmidt in ein kleines Zimmer geführt. Eine magere Frau liegt regungslos auf dem Rücken in ihrem Bett. Die Augen sind geschlossen, der Mund ist weit geöffnet, die Patientin röchelt, scheint aber zu schlafen. Ihre Atmung setzt immer wieder aus. Sanft streichelt Jepsen das Gesicht der Patientin. „Guten Tag.“ Die Patientin öffnet irgendwann die Augen, blickt aber ins Leere. „Ich glaube, dass es an diesem Wochenende mit ihr zu Ende geht“, sagt Jepsen ernst. „Die Patientin hat nicht auf Ansprache und Berührungen reagiert.“ Jepsen gibt die Anweisung, der Frau mehr Wasser zuzuführen, mehr kann er aufgrund der Patientenverfügung nicht tun.
Ältere Menschen, die Schmerzen in der Brust haben, oder Kinder mit hohem Fieber - der Notdienst fährt zu allen, die nicht in die Bereitschaftspraxis kommen können. „Wir haben gut zu tun, gerade jetzt, wo die Erkältungszeit wieder losgeht“, sagt Jepsen. Akute Schmerzen sind der Hauptgrund, weswegen die Menschen beim Notdienst anrufen. Allerdings beobachten Jepsen und seine Kollegen auch, dass sich das Anspruchsdenken der Bevölkerung ändert. „Häufig hören wir: 'Ich habe schon seit drei Wochen dies oder das' - wieso gehen die Patienten dann nicht zu ihrem Hausarzt?“, fragt Jepsen. Während des heutigen Dienstes haben sich auch mehrere Patienten mit Durchfall gemeldet. „Wenn man einen Tag Durchfall hat, muss man nicht unbedingt den Arzt rufen. Wir können auch nichts machen, außer Zwieback empfehlen, trotzdem haben die Patienten den Anspruch, dass ein Arzt vorbeikommt“, sagt der Allgemeinmediziner. Anke Settekorn

Wann ist 116117 erreichbar?

Zu diesen Zeiten ist der Bereitschaftsdienst unter der Telefonnummer 116117 erreichbar: montags, dienstags, donnerstags sowie samstags, sonntags und an Feiertagen von 18 bis 8 Uhr, mittwochs und freitags von 13 bis 8 Uhr. Die Bereitschaftspraxis ist montags, dienstags und donnerstags von 19 bis 22 Uhr, mittwochs und freitags von 17 bis 22 Uhr sowie samstags, sonntags und an Feiertagen von 9 bis 13 Uhr und von 17 bis 20 Uhr geöffnet.
In lebensbedrohlichen Notfällen und bei schweren Unfällen muss der Notruf 112 gewählt werden.

Autor:

Anke Settekorn aus Rosengarten

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