Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer üben Kritik an der Zusammenarbeit mit den Behörden
"Wir werden einfach nicht ernst genommen!"

"Die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter klappt überhaupt nicht", kritisieren Flüchtlingshelfer aus Fleestedt und Rosengarten (v. li.): Nicole und Gerrit Krüger, Petra Görn, Flüchtlingshelferkoordinator Jörg Leiteritz und Fatima Koschmall
  • "Die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter klappt überhaupt nicht", kritisieren Flüchtlingshelfer aus Fleestedt und Rosengarten (v. li.): Nicole und Gerrit Krüger, Petra Görn, Flüchtlingshelferkoordinator Jörg Leiteritz und Fatima Koschmall
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as. Tötensen. Unverständliche Bescheide, oft nicht nachvollziehbare Zahlen und keine Möglichkeit, einen Ansprechpartner zur Klärung zu erreichen - "das hat System", üben die Flüchtlingshelfer aus dem Landkreis Harburg heftige Kritik am Jobcenter.
Sie helfen bei Bewerbungen, bei der Wohnungssuche oder beim Beantragen von Leistungen des Jobcenters. Die Flüchtlingshelfer im Landkreis Harburg sind unzählige Stunden im Einsatz - und das ehrenamtlich. Insbesondere bei den Geflüchteten, die sich mittlerweile einen Job und eine Wohnung gesucht haben, ist der Betreuungsbedarf hoch. Doch die Helfer sind frustriert, fühlen sich von den Behörden nicht nur allein gelassen, sondern regelrecht blockiert. "Ausgerechnet die Leute, die sich integrieren wollen, die sich eine Arbeitsstelle gesucht haben, werden von den Behörden bestraft", sagte Fatima Koschmall von der Flüchtlingshilfe Rosengarten bei einem Treffen von Flüchtlingshelfern aus Rosengarten und Seevetal.
Die Helfer aus den beiden Gemeinden sind nicht allein, auch die Flüchtlingshilfe Tostedt kritisiert die mangelnde Kooperationsbereitschaft des Jobcenters. Der Tenor der Helfer: "Wir werden von den Behörden einfach nicht ernst genommen!"

"Mittlerweile fragen wir uns, ob das Verhalten der Jobcentermitarbeiter System hat", sagt Fatima Koschmall, Flüchtlingshelferin aus Tötensen. "Wir sind es leid, immer wieder dieselben E-Mails zu schreiben, ohne eine vernünftige Antwort zu erhalten. Das ist einfach respektlos", so die Flüchtlingshelferin.
Wie weitere Helfer aus Fleestedt berichten, wechseln die Ansprechpartner häufig - und jedes Mal aufs Neue müssen die Flüchtlingshelfer u.a. eine Vollmacht ihres Schützlinges vorlegen, dass sie berechtigt sind, mit dem Jobcenter über den Flüchtling zu sprechen. "Das ist doch Schikane. Es muss doch möglich sein, solche Dokumente zentral zu speichern", sagt Gerrit Kröger.
Einem Flüchtling aus Rosengarten wurde im November vergangenen Jahres die Heizung abgestellt, weil das Jobcenter ihm die Nebenkosten gekürzt hat - ohne ihn darüber zu informieren. Zwar hatte der junge Mann im September beim Jobcenter im Beisein einer Flüchtlingshelferin einen Antrag auf die Übernahme der Heizkostennachzahlung gestellt, doch nichts passierte - bis die Situation eskalierte und der Energieversorger den Anschluss sperrte.
Die Ehrenamtlichen versuchten sofort, den Sachverhalt mit dem Jobcenter zu klären. Aber niemand sei bereit gewesen, sich mit dem Anliegen der Flüchtlingshelfer auseinanderzusetzen. Stattdessen seien sie von Ansprechpartner zu Ansprechpartner weitergeleitet worden. Drei Wochen war der Flüchtling ohne Heizung. Auch fünf Monate später sei der Sachverhalt noch immer nicht endgültig geklärt. Das Jobcenter bestreitet, den Antrag auf Übernahme der Heizkosten jemals erhalten zu haben. Die Flüchtlingshelferin bezeugt jedoch, dass der Antrag bei der Behörde abgegeben wurde. Mehrfach hätten die Helfer versucht, einen Termin für ein klärendes Gespräch zu erhalten - ohne Erfolg. "Den Rechtsweg konnten wir nicht beschreiten, da es vorher unmöglich war, mit dem Jobcenter in Verbindung zu treten, und jetzt ist die Frist abgelaufen", ärgert sich Fatima Koschmall. "Das Jobcenter hüllt sich in Schweigen und erstellt einen falschen Widerspruchsbescheid, der die Tatsache nicht widerspiegelt und die Aussage unserer Flüchtlingshelferin außen vor lässt." Nach Ansicht der Flüchtlingshelfer sollten die Kosten des Sperrens und Entsperrens des Anschlusses, rund 65 Euro, vom Jobcenter übernommen werden. "Für den Flüchtling ist das viel Geld. Wir sehen nicht ein, dass er diesen Betrag zahlen soll für einen Fehler, den nicht er, sondern das Jobcenter gemacht hat, zumal er sich ja bemüht hat, alles richtig zu machen", so Koschmall.
Das Jobcenter sieht kein Problem in der Kommunikation. "Die Kommunikation erfolgt sehr rege. Probleme in der Zusammenarbeit sind nur in Einzelfällen bekannt", teilt Jenny Pinkohs, Pressesprecherin des Jobcenters im Landkreis Harburg, dem WOCHENBLATT auf Nachfrage mit. Es habe eine eigene Hotline für Angelegenheiten der Flüchtlinge gegeben, diese wurde jedoch wieder eingestellt. "Mit Beginn der Flüchtlingswelle hat das Jobcenter organisatorische Maßnahmen getroffen, um schnell eine Vielzahl von Anfragen klären zu können", sagt Pinkohs. Mit dem Abebben der Flüchtlingswelle seien die Fragen aber allgemeiner geworden und hätten keinen besonderen Kontext mehr zur Flucht gehabt. "Die Servicenummer wurde daher Ende 2018 eingestellt."
Das Jobcenter sei telefonisch über ein Service-Center erreichbar (Tel. 04171 / 60 60 70 oder 04181 / 99 00), dort sollen alle allgemeinen Fragen direkt geklärt werden. "Nur weitergehende Fragen werden in die Jobcenter weitergeleitet und es erfolgt dann ein zeitnaher Rückruf aus den Fachbereichen", erklärt Pinkohs. Die Öffnungszeiten des Service-Centers  (Mo-Fr 08 -18 Uhr) seien deutlich weiter gefasst als die Öffnungszeiten des Jobcenters, sodass die Ehrenamtlichen auch am späten Nachmittag noch Anrufe tätigen könnten. Direkte Durchwahlen erhielten ehrenamtliche Mitarbeiter nicht, so die Pressesprecherin. Die Kollegen würden zurückrufen, wenn eine Nachricht durch das Service-Center gesendet wird. "Dies hat den Vorteil, dass die Kollegen sich im Vorwege einen Überblick über den Sachverhalt machen können und die Anfragen qualifiziert beantwortet werden können." Regelmäßig fänden in der Arbeitsvermittlung Beratungen der Kunden statt. Seit Jahresbeginn nutze das Jobcenter zudem zur Unterstützung in seiner Beratungsarbeit eine Dolmetscherhotline.

Auf ein Wort

Mangelnde Transparenz

Das Jobcenter spricht von Einzelfällen, bei denen es Probleme mit der Kommunikation gibt. Die Flüchtlingshelfer kennen jedoch unzählige Fälle wie den aus Rosengarten. Mag sein, dass durch das Service-Center eine bessere Erreichbarkeit gegeben ist - die Transparenz steigert es nicht.
Dass in dem Fall aus Rosengarten in fünf Monaten kein Gesprächstermin zustande gekommen ist, zeigt, dass das Interesse an offener Kommunikation mit den Flüchtlingshelfern nicht allzu groß ist. Das sorgt zu Recht für Frust bei den Menschen, die ihre Freizeit opfern, um Geflüchteten aus Krisengebieten bei der Integration in den Arbeitsmarkt zu helfen. Anstatt zu begrüßen, dass jemand sich in die Gesellschaft einbringt, werden den Flüchtlingen und ihren Helfern Steine in den Weg gelegt. Sollen die Geflüchteten lieber dem Staat auf der Tasche liegen? Anke Settekorn

Lesen Sie auch: 3.865 Flüchtlinge leben im Landkreis Harburg

Autor:

Anke Settekorn aus Rosengarten

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