Politik will Kartenzahlungspflicht durchsetzen
Karte statt Kleingeld – kommt jetzt die Pflicht?
- Die Politik möchte für alle Händler die Pflicht einführen, bargeldlose Zahlungen zu akzeptieren
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Wenn ein Brötchenkauf zum Politikum wird, steckt meist mehr dahinter als Mehl und Hefe. Bei der Bäckerei Soetebier in Winsen gibt es demnächst wieder zwei Prozent Rabatt – aber nur für Kunden, die mit Karte bezahlen. „Ich wünsche mir, dass mindestens 80 Prozent meiner Kunden mit Karte zahlen“, sagt Geschäftsführer Frank Soetebier. Für ihn ist das kein Marketinggag, sondern eine betriebswirtschaftliche Entscheidung: „Barzahlung ist einfach deutlich teurer für uns.“
Der Hintergrund: Union und SPD haben sich darauf verständigt, dass Gewerbetreibende künftig verpflichtet werden sollen, neben Bargeld auch mindestens eine elektronische Bezahlmöglichkeit anzubieten. Was nach kleinem Schritt klingt, ist in Wahrheit eine weitreichende Veränderung für viele Betriebe. Denn aktuell darf jeder Laden selbst entscheiden, ob er überhaupt Kartenzahlung akzeptiert.
Politik will Wahlfreiheit und Steuertransparenz
Ziel des Vorstoßes ist es, die Wahlfreiheit der Verbraucher zu stärken. Niemand soll gezwungen sein, mit Bargeld zu zahlen – schon gar nicht in einer zunehmend digitalisierten Gesellschaft. Ein weiterer Beweggrund: Digitale Zahlungen sind lückenlos nachvollziehbar, was Steuerhinterziehung erschwert. „Moderne Zahlungsmethoden gehören zum Alltag. Es ist an der Zeit, sie überall verfügbar zu machen“, heißt es von Seiten der Befürworter im Bundestag.
Für Frank Soetebier ist klar: Das Bargeld verursacht im Alltag weit mehr Aufwand. „Ich brauche Sicherheitsvorkehrungen, das Geld muss gezählt, verpackt, abgeholt werden. Und dann kommen noch Verwaltungs- und Abrechnungskosten dazu. Ganz zu schweigen vom Diebstahlrisiko.“ Deshalb hat er vorgesorgt: In jeder Filiale stehen Notfallgeräte bereit, falls einmal das Kassensystem ausfallen sollte. Kartenzahlung sei also „immer möglich“.
Kartenzahlung ist auf dem Vormarsch – besonders bei Jüngeren
Ein ähnliches Bild zeigt sich bei famila in Winsen. Torben Gedrath, Warenhausleiter des großen Vollsortimenters, berichtet: „Rund 70 Prozent der Umsätze laufen über Kartenzahlung. Und ich sehe, dass das stetig zunimmt.“ Viele Kunden zücken nicht mal mehr die Karte – sie bezahlen per Smartphone oder sogar über die Smartwatch. Besonders jüngere Menschen nutzen bargeldlose Angebote ganz selbstverständlich.
Was früher undenkbar war – ein belegtes Brötchen mit der Karte bezahlen – ist heute Standard. Auch im privaten Umfeld beobachtet Gedrath, wie sich das Verhalten ändert. „Wenn ich zu einem Konzert nach Hamburg fahre, nehme ich kein Portemonnaie mehr mit. Da geht alles mit der Karte.“
Self-Checkout nur noch bargeldlos – Bargeld aber weiter verfügbar
Bei famila ist Bargeld dennoch nicht verschwunden. Wer für mindestens zehn Euro einkauft, kann sich an der Kasse gebührenfrei Bargeld auszahlen lassen. Ein Service, den viele nutzen, gerade weil die Zahl der Geldautomaten sinkt – auch aus Kostengründen. Gleichzeitig gibt es seit dem letzten großen Umbau Self-Scanning-Kassen, an denen ausschließlich bargeldlos gezahlt werden kann. Eine bewusste Entscheidung, um den Kundenfluss zu beschleunigen und Ressourcen zu schonen.
Hof Holtermann: Digitalisierung mit Fingerspitzengefühl
Dass Fortschritt nicht automatisch Ausschluss bedeuten muss, zeigt der Hofladen Holtermann in Harsefeld. Vivian Santjer bringt es auf den Punkt: „Wir wollen mit der Zeit gehen – aber keine Türen verschließen.“ Der familiengeführte Betrieb bietet Kartenzahlung an, weil sie von vielen jüngeren Kunden geschätzt wird. Doch sie weiß auch um die Sorgen älterer Menschen: „Viele fühlen sich mit Bargeld sicherer. Für sie ist Kartenzahlung eher mit Unsicherheit verbunden.“
Darum bleibt man flexibel. Wer mit dem Handy zahlt, ist ebenso willkommen wie jemand, der ein paar Scheine aus dem Portemonnaie zieht. „Unser Ziel ist es, niemanden zu verlieren – und trotzdem modern zu bleiben“, sagt Santjer. Ihr Plädoyer wirkt wie ein Bindeglied zwischen den Extremen.
Marktbesuch? Karte nicht vergessen
Auch auf dem Winsener Wochenmarkt verändert sich das Zahlungsverhalten. Susanne Schepelmann, bei der Stadt verantwortlich für die Organisation der Märkte, beobachtet: „Kartenzahlung nimmt auch hier immer mehr zu.“ Einige Händler bieten längst kontaktloses Bezahlen über Geräte wie SumUp an.
„Das ist auch aus Kundensicht eine tolle Entwicklung“, findet Schepelmann. Gerade beim Bummeln durch den Markt entstehe oft spontan der Wunsch, etwas Leckeres mitzunehmen – da sei Kartenzahlung praktisch. Die Technik sei heutzutage unkompliziert. „Voraussetzung ist eine gute Internetverbindung – aber die bringen viele mittlerweile selbst mit.“
Bargeld bleibt – aber verliert an Selbstverständlichkeit
Klar ist: Bargeld wird nicht verschwinden. Aber seine Sonderrolle als einzig wahres Zahlungsmittel schwindet zusehends. Konzerte, Stadien, Festivals – hier wird schon jetzt fast ausschließlich digital gezahlt. Auch kleine Betriebe, die früher auf Bargeld gesetzt haben, öffnen sich zunehmend dem digitalen Wandel. Nicht zuletzt, weil es sich für sie rechnet – im wahrsten Sinne des Wortes.
Die geplante gesetzliche Verpflichtung ist deshalb eher eine politische Nachjustierung als eine Revolution. In der Region jedenfalls sind viele schon weiter als die Gesetzgeber in Berlin.
Redakteur:Anika Werner aus Winsen |
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