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Wenn die Polizei nicht kommt

Helmut Böhm zeigt auf das zerbrochene Fenster. Er ist sich sicher, dass dort jemand einbrechen wollte
Einbrüche, Diebstähle, Vandalismus und Körperverletzungen - die Zeitung ist voll von diesen Meldungen. Ein paar Beispiele aus dieser Woche: In Tostedt randalierten ausländische Wanderarbeiter und richteten einen Schaden in Höhe von etwa 10.000 Euro an. Die Behörden sahen tatenlos zu.
In Stade wird ein junger Mann im Park überfallen. In Jesteburg und Egestorf fühlen sich Anrufer des „110“-Notrufs nicht ernstgenommen.
Das WOCHENBLATT nimmt diese Beispiele zum Anlass und fragt: Wie sicher sind die Bürger in den Landkreisen Harburg und Stade?

Bürger haben den Notruf gewählt und wurden von den Beamten vertröstet - oder war es nur ein Missverständnis?


(mum). Bereits Kinder lernen, dass sie in einer Notsituation die „110“ wählen sollen. „Die Polizei - dein Freund und Helfer - kommt dann schnell herbeigeeilt“, heißt es. Doch ist das wirklich der Fall? Zwei Vorfälle aus den vergangenen Tagen erwecken den Eindruck, dass die Polizei eben nicht sofort zur Verfügung steht, wenn Hilfe erforderlich ist.
„Ich bin von der Polizei enttäuscht“, sagt Helmut Böhm. Der 60-jährige Egestorfer hatte sich am Nachmittag zum Schlafen hingelegt. „Plötzlich hörte ich, wie eine Scheibe zu Bruch ging“, erinnert sich Böhm. Er sei zur Terrasse gelaufen und habe durch die zerbrochene Türscheibe einen Schatten verschwinden sehen. „Ich habe dann sofort die Polizei angerufen und erwartet, dass ein Streifenwagen geschickt wird.“ Doch laut seiner Schilderung, habe ihn der Beamte in der Notrufzentrale nur vertröstet. „Ich sollte am nächsten Tag in der Salzhäuser Wache anrufen“, so der 60-Jährige.
Polizeisprecher Jan Krüger schildert den Fall anders. „Herr Böhm hat während des Notrufs angegeben, dass er geschlafen habe. Nach dem Aufwachen habe er eine zerbrochene Scheibe entdeckt. Von einem flüchtigen Täter sei nicht die Rede gewesen.“ Zudem wäre die Polizei zuletzt häufiger zu dem Haus gerufen worden, in dem drei Mietparteien wohnen. Es hätte dort häufiger Streitereien unter den Mietern gegeben. „Die Beamten, die dann einen Tag später vor Ort waren, gehen von Sachbeschädigung und nicht von einem versuchten Einbruch aus“, so Krüger.
• Ein weiteres Beispiel: Auch Hilde Giesen (80) hatte Angst, rief die Polizei und ist enttäuscht. „Als ich abends nach Hause gekommen bin, waren alle Lichter in meinem Haus ausgeschaltet. Auch das elektrische Tor ließ sich nicht öffnen“, so die Frau, die allein am Rande eines Waldes wohnt. Weil sie sich gefürchtet habe und nicht allein auf das Grundstück gehen wollte, rief sie den Notruf an. „Der Mann am Telefon sagte zu mir, dass die Polizei nicht für einen Stromausfall zuständig sei und daher auch niemanden schicken würde“, erinnert sich Hilde Giesen. Erst als ihr Nachbar gedroht habe, die Presse zu informieren, habe der Beamte angekündigt, einen Streifenwagen zu schicken. Dieser sei 80 Minuten später - gegen 23.15 Uhr - eingetroffen.
Hilde Giesen betont, dass die beiden Polizisten, die schließlich zu ihr geschickt wurden, sehr freundlich und zuvorkommend waren. „Ich fühlte mich bei ihnen sehr gut aufgehoben.“ Tatsächlich hatte es sich nur um einen Stromausfall und nicht um einen Einbruch gehandelt.
Polizeisprecher Jan Krüger erklärt: Während des Notrufs sei der Eindruck vermittelt worden, es handele sich um einen Stromausfall. „Dafür ist die Polizei nicht zuständig.“ Dennoch habe man umgehend einen Streifenwagen geschickt. „Dieser musste jedoch die Fahrt nach Jesteburg wegen eines anderen Notrufs unterbrechen, bevor er das Haus von Frau Giesen erreichte.“

Wie funktioniert der Notruf:
Wer im Landkreis Harburg die Notrufnummer „110“ wählt, erreicht nicht die Beamten der Polizeiinspektion in Buchholz, sondern wird in die Lage- und Führungszentrale (LFZ) „Luna“ nach Lüneburg umgeleitet. Dort werden zudem die Anrufe aus den Landkreisen Lüchow-Dannenberg und Uelzen bearbeitet. Damit ist die Leitstelle für etwa 570.000 Bürger zuständig.
Nach der Erfassung werden die Notrufe per Funk oder Telefon an die jeweils zuständigen Einsatzfahrzeuge und Polizeidienststellen weitergegeben. In der Regel sind drei von sechs Beamten pro Schicht bei „Luna“ ausschließlich für die Notrufannahme zuständig. Pro Tag gegen etwa 380 Notrufe ein.


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