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Freundschaft mit dem Feind

Zeitzeugin Gisela Miesch
 
Der Grieche "Mimi" (Foto: Miesch privat)

Gisela Miesch (89): "Todeszug hielt hinter meine Elternhaus" / Hilfe für einen Hungernden / Bombenattacke überlebt

tp. Stade. "Ich wusste ja nichts von den Konzentrationslagern", sagt Gisela Miesch (89) aus Stade in Erinnerung an die schrecklichen Eindrücke, die sie als junge Frau wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges gewann und ihr eine Vorstellung von den grausamen Auswüchsen des Holocaust gaben. Hinter ihrem Elternhaus bei Magdeburg hielt in den letzten Kriegstagen ein Zug mit jüdischen KZ-Häftlingen aus dem Lager Bergen-Belsen. Mit einem der kranken und hungernden Gefangenen, einem jungen Griechen, freundete sie sich an.

"Den 13. April 1945 habe ich noch klar vor Augen", sagt Witwe Gisela Miesch, die in einem Seniorenheim in Stade lebt. Die damals 19-Jährige verbrachte den Tag zu Hause im Magdeburger Vorort Farsleben, wo ihr Vater ein Baugeschäft hatte. In der Spedition in Magdeburg, bei der sie im Büro beschäftigt war, stand wegen der Kriegswirren der Betrieb still.

In dem Wohnhaus der Familie waren ein Dutzend Flüchtlinge einquartiert. Plötzlich fiel einer Mitbewohnerin hinter den Büschen im Garten ein langer Güterzug auf. Er hielt auf den Bahngleisen, auf denen seit Wochen kein Zug mehr fuhr. Die jungen Frauen eilten zum Bahndamm. "Durch die Schlitze der Viehwaggons schauten Menschen“, sagt Gisela Miesch. "Gebt uns Wasser und etwas zu Essen", habe eine Frau gebettelt. "Wir wussten nicht, woher der Zug stammte und was wir tun sollten. An den Gleisen patroullierten bewaffnete NS-Soldaten", berichtet Miesch, die erst viel später erfuhr: Der Zug mit mehr als 40 Vieh-Anhängern war einer von drei Todestransporten, die rund 2.500 jüdische Gefangene vom typhusverseuchten KZ Bergen-Belsen wenige Tage vor dessen Befreiung ins KZ Theresienstadt transportieren sollten. Dort sollten die Gefangenen ermordet werden.

Während des Aufenthaltes in Farsleben ging der Krieg zu Ende. Die Nazi-Soldaten verschwanden, amerikanischen Truppen kamen und die Soldaten öffneten die Waggons aus denen halbverhungerte Menschen strömten und auf Bauernhöfen mit bloßen Händen Viehfutter aus unterirdischen Lagern ausgruben. Sie wurden in öffentlichen Gebäuden untergebracht und versorgt. Viele starben in den Folgewochen.

Gisela Miesch half in einer Notküche im Pfarrhaus. Dort kam sie mit einem jungen Mann ins Gespräch: "Er erzählte, er hätte sich in seiner Not mit dem Vorsatz aufrecht gehalten, sollte er das Martyrium überleben, den ersten Deutschen umzubringen, der ihm begegnet", sagt Gisele Miesch. "Dieser Feind wäre ich gewesen." Doch zwischen ihr und dem Überlebenden, der sich Mimi nannte, entwickelte sich eine kurze, intensive Freundschaft. Der junge Jude war gebildet, sprach Deutsch und hatte Medizin studiert. Die Mutter des Geretteten erlag im Zug ihrer Typhus-Erkrankung. Gemeinsam besichtigten Gisela Miesch und Mimi den entleerten und desinfizierten Zug, wo kurz zuvor die entkräfteten Gefangenen auf dem harten Fußboden gelegen hatten. „Ich war bestürzt und habe mich geschämt", sagt Gisela Miesch.

Mimi zog wenige Tage später auf nimmer Wiedersehen gen Westen. Zum Abschied ließ er Gisela Miesch ein Foto von sich in seiner Heimatstadt Athen zurück und schenkte ihr einen kleinen Engel aus Wachs. Das Foto mit der Widmung: "Du wirst für immer in meinem Herzen sein", hat sie bis heute aufbewahrt.

Was es bedeutet, mit knapper Not dem Tod zu entrinnen, hat sie selbst am eigenen Leib erlebt: Während eines Luftangriffs der alliierten Streitkräfte, bei dem die Innenstadt Magdeburgs zerstört wurde, flüchtete Gisela Miesch mit einer Arbeitskollegin in einen Luftschutzkeller. Doch die Tür war bereits verriegelt. Die jungen Frauen legten sich vor die Tür sahen das mehrstöckige Haus über sich zusammenbrechen. "Plötzlich war da nur noch Himmel und wir waren über und über mit Staub bedeckt", so Gisela Miesch. Ihre zwei Brüder hatten nicht so viel Glück. Sie starben beide im Krieg.