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Transsexuelle auf Jobsuche: eine Chance für Leoni aus Drochtersen

Selbstbewusst in Frauenkleidern: Leoni hieß früher Ralf
 
Leoni am Laptop: Sie sucht einen Umschulungsplatz in der IT-Branche

Frust nach vielen Absagen: Wer bietet einen Umschulungsplatz in der IT-Branche?

tp. Drochtersen. "Das ist jedes Mal wie ein Schlag ins Gesicht", sagt die transsexuelle Leoni* (45) aus Drochtersen angesichts zahlreicher Absagen potenzieller Arbeitgeber. Leoni, die früher ein Mann war und Ralf hieß, hoffte so sehr auf eine Umschulungsstelle in ihrem Traumberuf, Fachinformatikerin in der Fachrichtung Systemintegration. Doch sämtliche Bemühungen seien bislang ins Leere gelaufen.

Nach eigenem Bekunden schrieb Leoni bereits rund 60 Bewerbungen, die entweder negativ beschieden wurden oder unbeantwortet blieben. Sie glaubt, zumindest ein Teil der von ihr kontaktierten Unternehmen aus den Landkreisen Stade und Harburg sowie aus Hamburg würden eine Anstellung wegen ihrer besonderen geschlechtlichen Disposition und ihres Äußeren scheuen.

Anders können sich Leoni und ihre Ehefrau Natalie* (45) die aus ihrer Sicht unentschlossene bis ablehnende Haltung der Firmen kaum vorstellen. Denn zum einen herrsche dringender Fachkräftebedarf in der IT-Branche, zum anderen verfügt Leoni als gelernte Chemikantin und frühere Speditions-Disponentin über die erforderlichen Zugangsvoraussetzungen und reichlich Berufserfahrung, und sie ist mobil.

Überdies käme auf den Ausbildungsbetrieb keine finanzielle Last zu. Die Kosten für die Umschulung, die wegen einer Allergie-Erkrankung bei Leoni nötig wurde, trägt die Deutsche Rentenversicherung. Darin enthalten sind Gehalt, Arbeitsmittel wie Computer und bei Bedarf Nachhilfeunterricht.

Bereits vor rund einem Jahr berichtete das WOCHENBLATT über Leonis langen und beschwerlichem Weg zur Geschlechtsumwandlung. Die entscheidende Operation, eine komplette Geschlechtsangleichung, soll im Jahr 2021 erfolgen. Die begleitende Sexualtherapie verläuft nach ihren Angaben erfolgreich: "Ich bin ganz ich", sagt Leoni, die sich inzwischen mit Frauenkleidern in der Öffentlichkeit zeigt, sich schminkt, lange Fingernägel und Pumps und Größe 44 trägt. In ihrem Outfit begleitete Leoni ihre Frau Natalie, die als mobile Friseurin arbeitet, bereits mehrere Monate zu Kunden, die ihr zum allergrößten Teil mit Zuspruch und Sympathie begegnet seien.

Unterdessen räumt Leoni Bedenken wegen längeren Ausfalls durch die bevorstehende OP aus. Der Eingriff inklusive Heilung dauere sechs Wochen. Dafür würde sie ihren Jahresurlaub am Stück nehmen.

Dank des neu gewonnenen Selbstbewusstseins begann sie nun mit viel Enthusiasmus ihre persönliche Bewerbungsoffensive. Doch nach den vielen Rückschlägen glaubt sie: "Die Ablehnung richtet sich gegen mich persönlich."

Das WOCHENBLATT fragte bei einigen Unternehmen nach, die Leoni eine Absage erteilten. Beim Elbe-Klinikum Stade nennt man terminliche Umstände als Grund für eine erste Absage. In einem zweiten Fall habe sich Leoni auf eine Fachstelle und nicht für einen Ausbildungsplatz beworben, sagt Betriebsratsvorsitzender Kai Holm und macht Leoni Mut für einen weiteren Anlauf. Im Elbe-Klinikum sei erst vor Kurzem ein transsexueller Azubi eingestellt worden.

Beim EDV-Berater P&H Systempartner Stade, der mit Leoni ein vielversprechendes mehrstündiges Einstellungsgespräch führte und ihr am Ende aus internen Gründen doch absagen musste, ermutigt man Leoni, sich für das kommende Ausbildungsjahr erneut zu bewerben: Einer der Geschäftsführer, Raphael Hübner, sagt: "Wir sind ein aufgeschlossenes, unvoreingenommenes und modernes Unternehmen und heißen Menschen unterschiedlichster Herkunft und verschiedenster Persönlichkeiten als Mitarbeiter willommen."

Das Institut für Berufliche Bildung (IBB) möchte Leoni laut Bereichsleiterin Katrin Crepon in Cadenberge, Stade oder Buxtehude "gern konkrete Beratungstermine anbieten". Der gescheiterte Erstversuch könnte an Verwechslungen der verschiedenen Standorte des bundesweit arbeitenden Unternehmens gelegen haben.

Beim Roten Kreuz, Kreisverband Stade, seien IT-Stellen generell knapp. Die vielen Bewerber würden nach dem Gleichheitsprinzip behandelt, erklärt Personalleiter Uwe Lütjen. "Und wir haben schon Transsexuelle eingestellt."

Bei einem großen Mode-Onlinehandel für Männer und Frauen indes bleibt eine erneute Initiative wohl aussichtslos. Dort, so Leoni, haben man ihr am Telefon mitgeteilt: „So etwas wie Sie suchen wir nicht, da sie keiner Zielgruppe entsprechen, sehen Sie von weiteren Bewerbungen ab."

Wer Leoni eine Chance geben will, meldet sich unter Tel. 04143 - 912556.
Leoni und Natalie sind Gründer der Selbsthilfegruppe Trans-Fem. E-Mail: trans-fem@online.de

*Name v. d. Red. gekürzt