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Chemie-Pannen in Stade: Initiative macht Druck

Gefahrgut-Einsatz am Güterbahnhof Fotos: tp
 
Initiativen-Sprecher Jochen Brockmann

"Pro Industriegleis" ist wieder aktiv / Verdacht: Wartungsmangel an Waggons

tp. Stade. "Was ist, wenn einmal mehr als nur ein paar Tropfen austreten?", fragt Jochen Brockmann (53) von der Bürgerinitiative "Pro Industriegleis" nach zwei Zwischenfällen, bei denen in Stade innerhalb von rund zwei Wochen giftige Chemikalien aus Kesselwaggons austraten (das WOCHENBLATT berichtete). Die BI fordert die gründliche Aufklärung der Fälle.

Die BI befürwortet die Industrie in Bützfleth, setzt sich aber für die Verlegung des alten, siedlungsnahen Industriegleises ein. Die Mitglieder sahen sich eigentlich am Ziel, nachdem Stadt, Land und Deutsche Bahn ein Abkommen trafen, im Zeitrahmen von rund einem Jahrzehnt ein neues Gleis für den Güterverkehr direkt bis zum Bützflether Industriegebiet zu bauen, und stellte ihre Arbeit ein.

Dann die sonderbare Duplizität der Ereignisse: Am Donnerstag, 13. Juli, tropfte in Campe hochgiftiges und entzündliches Epichlorhydrin aus einer defekten Steigleitung eines Chemikalienwaggons. Am Mittwoch, 2. August, trat am Güterbahnhof durch ein Leck an einem Kesselwagen der Gefahrstoff Dichlormethan aus. Anlass für die BI, ihr Engagement wieder aufzunehmen.

BI-Sprecher Jochen Brockmann, Kulturmanager und Klavierpädagoge, beschäftigt sich seit seiner Jugend mit Eisenbahntechnik und sieht die Bahn als "das Verkehrsmittel der Zukunft - sofern Sicherheit gewährleistet ist". Er richtet nach den Zwischenfällen Kritik an die Verantwortlichen der Deutschen Bahn, den Chemiegiganten Dow, der die Gefahrstoffe abfüllte, den Stader Zulieferer Olin und an die Firma VTG als Bereitsteller der Waggons, bei denen er Wartungsmängel vermutet.

"Wir sind betroffen von dem lässigen Umgang mit Gefahrgütern auf dem Stader Bahnhof. Grundsätzlich wird erst nach Ende eines Vorfalles festgestellt, dass es nie zu einer Gefährdung der Bevölkerung geführt haben könnte. Was, wenn aber doch?" Jochen Brockmann warnt vor Dichlormethan: Bei der Verbrennung könne daraus das hochgiftige Phosgen entstehen, das als Kampfmittel im Ersten Weltkrieg eingesetzt worden sei. Laut Brockmann riskant: Direkt neben der Unfallstelle am Güterbahnhof ist eine Baustelle. Er fordert die Dow auf, die Sicherheitsvorkehrungen außerhalb des Werksgeländes zu verschärfen.

Die Initiative fordert einen risikofreien Abtransport der giftigen und explosiven Chemieprodukte von Bützflethersand. Die Aktivisten halten den Stader Bahnhof für ungeeignet für solche Transporte, da die Waggons aufgrund der Lage des alten Industriegleises bis in den Personenbahnhof und in dessen dicht besiedeltem Umfeld hin und her rangiert werden müssen. Unter anderem interessiert sich die BI dafür, ob entlang der Strecke bereits unbemerkt giftige Substanzen aus Waggons austraten.

Ferner fordert die BI die Beauftragung eines Gutachters zur unabhängigen Untersuchung der jüngsten Vorfälle und eine sofortige Stellungnahme der Industrie.

Olin-Pressesprecher Jörg Renken und Dow Sprecher Carsten Müsing weisen auf "höchste Sicherheitsstandards" und eine Sorgfaltspflicht hin, die nicht hinterm Werkstor ende. Der Waggon habe das Werk "knochentrocken verlassen", so Renken. Er sei zwischenzeitlich unter Behördenaufsicht geleert, gereinigt und ins Dow-Werk gebracht worden. In Zusammenarbeit mit VTG-Experten, die nach Stade eingeladen wurden, soll mit bestimmten technischen Verfahren nach der Schadensursache geforscht werden - vorerst ohne externen Gutachter. Dow und Olin fordern selbst eine nahtlose Aufklärung und wollen die Öffentlichkeit sowie die BI über die Ergebnisse auf dem Laufenden halten.