Erinnern an Opfer des Nazi-Regimes
Skandal um Gedenkstelen in Harsefeld

Die Stelen mit den Namen der NS-Opfer sollen in das bestehende Kriegerdenkmal integriert werden
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jab. Harsefeld. Den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft soll künftig in Harsefeld durch zwei Stelen gedacht werden. Doch diese sollen ausgerechnet in das Kriegerdenkmal am Denkmalsweg in der Nähe der Kirche integriert werden. "Eine Unmöglichkeit", meint Michael Quelle, Stader Geschichtsforscher und Mitglied im Beirat der Stiftung der Niedersächsischen Gedenkstätten.

Diese Empfehlung des Kulturausschusses der Samtgemeinde Harsefeld sorgte bei Quelle für mehr als nur Kopfschütteln. Eine Gedenkstätte für Opfer des Nazi-Regimes in ein bereits bestehendes Kriegerdenkmal zu integrieren, passe einfach nicht in die heutige Erinnerungs- und Gedenkkultur, so Quelle. Er mache den Ausschussmitgliedern allerdings keinen Vorwurf. "Vermutlich ist ihnen der Gedenkdiskurs nicht bekannt." Zudem habe er das Verhalten des Ausschusses im Vorweg durchaus als positiv bewertet. Schließlich habe die Samtgemeinde dem Gedenken an die Opfer zugestimmt. Auch der ernsthafte sowie sensible Umgang mit dem Thema und die Beispiele seitens des Gremiums, wie die Gedenkstätte an einem separaten, aber öffentlich zugänglichen und zentralen Ort aussehen könnte, seien gut gewesen.

Die Vorschläge, die dann aber letztendlich vorgelegt wurden, seien ein Skandal. Als möglicher Standort wurde der Friedhof Ehrenberg genannt, der vom Ausschuss direkt ausgeschlossen wurde. Denn er entsprach nicht den Vorgaben. Die Alternative dazu war die Kriegsgedenkstätte im Denkmalsweg.

Dieses Denkmal ist laut Quelle ein "Sammelsurium" des Gedenkens, da hier Gefallene, Tote und Opfer des Krieges an einem Ort zusammengefasst wurden. Nun sollen also an diesem Standort auch noch die Stelen für die Opfer rassischer Verfolgung, der Zwangsarbeit, der Euthanasiemorde, umgekommene Kriegsgefangene und Kinder von Zwangsarbeiterinnen aufgestellt werden - links und rechts in das bestehende Denkmal integriert und das auch noch im gleichen Farbton wie die Feldsteinmauer. "Das wird nirgends mehr so gemacht", so Quelle.

Zudem weist der Geschichtsforscher darauf hin, dass die Opfer - rund 35 Namen sammelte Quelle in Zusammenarbeit mit dem Samtgemeindearchiv - durch zwei Stelen getrennt würden. Ein einheitliches Gedenken sei so nicht möglich. Als Beispiel dafür nannte er die Kranzniederlegung am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar.

Allerdings ist der Denkmalsweg für Quelle schon der richtige Ort für die Stelen. Eine geeignetere Art des Gedenkens wäre für ihn aber, wenn die beiden Gedenkstätten sich gegenüberstünden und so korrespondierten. Auch eine klare Trennung beider Denkmäler wäre denkbar. Auf jeden Fall sollten die Stelen nicht in das bestehende Denkmal integriert werden, meint Quelle. "Das ist keine würdige Form des Gedenkens an die NS-Opfer." Wie gedankenlos ist das denn? Es ist durchaus löblich, dass sich die Samtgemeinde Harsefeld dazu bereit erklärt, der NS-Opfer öffentlich und gut sichtbar für jeden zu gedenken. In Zeiten, in denen rechte Parteien in Europa wieder erstarken und auch rechtes Gedankengut vermehrt in der deutschen Gesellschaft kommuniziert wird, ist das ein richtiges und wichtiges Zeichen: Die Geschichte ist nicht vergessen und sie darf sich nicht wiederholen.

Kommentar: Wie gedankenlos ist das denn?

Doch was sich die Ausschussmitglieder dabei gedacht haben, die Stelen in ein Kriegerdenkmal zu integrieren, erschließt sich mir in keinster Weise. Hier werden alle Opfer - sei es von Krieg, Vertreibung oder der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft - in einen Topf geworfen. Eine Differenzierung findet nicht statt. Zumal die zwei getrennt aufgestellten Stelen (es soll also nicht einmal einen einzigen Ort des Gedenkens geben) auch noch die gleiche Farbe wie die Feldsteinmauer erhalten sollen und somit optisch in den Hintergrund gerückt werden. Sind gerade die Opfer von Zwangsarbeit, der Verfolgung aufgrund des Rassenwahns, der Euthanasiemorde oder die Kriegsgefangenen in Harsefeld Opfer zweiter Klasse? Sind sie lediglich Beiwerk der Gedenkstätte? Ein würdiger Umgang gerade bei einem so sensiblen Thema sieht in meinen Augen anders aus.
Jaana Bollmann

Die Stelen mit den Namen der NS-Opfer sollen in das bestehende Kriegerdenkmal integriert werden
Michael Quelle brachte sein Wissen unter anderem bei der Gedenkstele in Stade vor der St. Wilhadi-Kirche ein

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