Die Ruhe der Toten achten
Kirchenvorstand der St.-Martins-Kirche möchte Gewerbegebiet rund um den Friedhof verhindern

"Der Friedhof bleibt ein Ort der Ruhe" - die Mitglieder des Jesteburger Kirchenvorstands hoffen, das Gewerbegebiet rund um den Friedhof stoppen zu können (v. li.): Larissa Aldag, Peter Börke, Pastor Dr. Bernd Vogel, Christine Streichert, Dr. Thorwald Winkler und Matthias Lüschen.
Gelingt das nicht, würde dies für das Foto bedeuten, Trauernde schauen auf Industriehallen statt auf endlose Weiden.
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  • "Der Friedhof bleibt ein Ort der Ruhe" - die Mitglieder des Jesteburger Kirchenvorstands hoffen, das Gewerbegebiet rund um den Friedhof stoppen zu können (v. li.): Larissa Aldag, Peter Börke, Pastor Dr. Bernd Vogel, Christine Streichert, Dr. Thorwald Winkler und Matthias Lüschen.
    Gelingt das nicht, würde dies für das Foto bedeuten, Trauernde schauen auf Industriehallen statt auf endlose Weiden.
  • hochgeladen von Sascha Mummenhoff

mum. Jesteburg. Friedhöfe sind besondere Orte. Trauernde suchen dort die Nähe ihrer verstorbenen Familienmitglieder. Ein Friedhof ist aber auch Teil der Dorfgeschichte, denn die alten Grabsteine erzählen von den Bürgern des Dorfes. So ist es auch mit dem noch relativ jungen Friedhof an der Lüllauer Straße. Wie eine Gemeinde ihre Toten ehrt, sagt viel über ihre Bürger aus. Die Jesteburger Politik hat sich dazu entschlossen, ihren Friedhof mit einem Gewerbegebiet zu umgeben. Zumindest sehen dies die Pläne vor. Zwischen den Straßen Am Allerbeek und Lüllauer Straße soll die WLH Wirtschaftsförderung im Landkreis Harburg ein etwa zehn Hektar großes Gewerbegebiet entwickeln (das WOCHENBLATT berichtete). Das sorgt für Kritik. "Wir sehen die Qualität des Friedhofs im Falle einer noch höheren Gewerbedichte in der direkten Nachbarschaft derart reduziert, dass wir eine Erweiterung des Gewerbegebietes nicht befürworten können", sagt Dr. Thorwald Winkler, Mitglied des Kirchenvorstands der evangelisch-lutherischen St.-Martins-Kirchengemeinde.
Die Position der Kirche wurde im Zuge der Bauausschuss-Sitzung zwar zur Kenntnis genommen. Konsequenzen erwuchsen daraus allerdings nicht, da CDU und SPD sich gegen UWG Jes! und Grüne durchsetzten.
Wenige Tage später fasste der nicht-öffentliche Verwaltungsausschuss einen Aufstellungsbeschluss. Konkret bedeutet dies: Die Politik steht hinter dem Standort. Demnächst soll im zuständigen Wirtschaftsausschuss lediglich über die Umsetzung diskutiert werden.

Für die Kirchengemeinde gibt es viele Gründe, die gegen das neue Gewerbegebiet sprechen. "Die zu erwartenden Geräusch-Emissionen werden eine negative Wirkung auf den Friedhof haben", so Winkler. "Die angedachten Grundstücksflächen zwischen 5.000 und 7.000 Quadratmeter lassen auf große gewerbliche Betriebe schließen." Außerdem sei mit einer deutlich höheren Verkehrsbelastung auch durch Schwerlastverkehr zu rechnen, die die Friedhofsruhe erheblich stören würde. "Der Friedhof soll ein Ort der Ruhe und des Friedens bleiben, so dass eine respektvolle Ehrfurcht den Toten und deren Angehörigen gegenüber weiterhin möglich ist", so Winkler.
Um ihrer Stimme mehr Gewicht zu geben, hat sich die Kirche dazu entschlossen, eine Unterschriften-Sammlung zu starten. "Wir hoffen, dass wir die Politik noch dazu bewegen können, von den Plänen Abstand zu nehmen", sagt Pastor Dr. Bernd Vogel, der die Position des Kirchenvorstands mitträgt. Daher liegen die Unterschriftenlisten auch nach den Gottesdiensten aus. Wer sich eintragen möchte, kann dies auch im Kirchenbüro oder im Gemeindehaus (tagsüber geöffnet) machen. Zudem besteht die Möglichkeit, online zu unterschreiben. Unter www.openpetition.de findet sich ein entsprechendes Formular (Stichwort: Jesteburg).
"Uns ist bewusst, dass es aufgrund der Corona-Krise schwierig ist, die Menschen zu erreichen", sagt Winkler. "Aber davon lassen wir uns nicht entmutigen."
Am Rande des Friedhofs findet sich eine besondere Grabstätte - dort werden Kinder beerdigt. Die Gräber sind liebevoll gestaltet, eine Bank lädt zum Verweilen ein. Wer dort Platz nimmt, schaut auf schier grenzenlose Weiden, auf denen Pferde grasen. Werden die Erweiterungspläne umgesetzt, hat diese Idylle ein Ende. Trauernde Eltern und Geschwister blicken dann im besten Fall auf einen Wall, im schlimmsten Fall auf riesige Industriehallen.

Auf ein Wort
Es besteht kein Grund zur Eile
Jesteburg hat über Jahre versäumt, Gewerbe anzusiedeln. Wohl auch, weil das aus Sicht mancher Politiker nicht ins Bild der selbsternannten Kunst- und Kulturmetropole passt. Doch eben diese Kunst und Kultur - sowie die vielen anderen freiwilligen Leistungen, die Jesteburg seinen Bürgern trotz angespannter finanzieller Lage bietet, müssen finanziert werden. Die Frage ist nur, ob ein neues Gewerbegebiet der richtige Weg ist.
Das Beispiel Hanstedt zeigt, dass auch die WLH mitunter scheitert. Das Areal "Auepark" (5,5 Hektar) an der Landesstraße 213 funktionierte viele Jahre überhaupt nicht. Zuletzt sorgten Pläne, passend zum Hunde- auch noch ein Pferde-Krematorium zu installieren, nicht gerade für Jubelstürme im Nachbarort.
Und in Jesteburg? Aktuell soll das ehemalige Gelände des Reitvereins an einen Investor abgegeben werden. Zwar stehen dort je nach Interpretation "nur" zwischen 11.000 und 15.000 Quadratmeter zur Verfügung. Aber wäre das nicht ein erster Schritt, um Gewerbe anzusiedeln? Und dann gibt es da ja auch noch das Sandbarg-Areal. Sollte die Gemeinde die Entwicklung tatsächlich anschieben, würden mit dem Umzug von Rewe und Aldi weitere Flächen im bestehenden Gewerbegebiet Allerbeeksring freiwerden. Es gibt also schon jetzt Optionen.
Vor diesem Hintergrund verstehe ich nicht, warum die Gemeinde ihre schönste Ortseinfahrt Knall auf Fall opfern will. Geht es vielleicht doch nur um das Wohl einiger weniger? Wer würde von einem neuen Gewerbegebiet profitieren? Die Eigentümer der Weiden entlang der Lüllauer Straße mit Sicherheit.
Sascha Mummenhoff

Der Link zur Online-Petition:
Erhalt der Friedhofsruhe

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Gelingt das nicht, würde dies für das Foto bedeuten, Trauernde schauen auf Industriehallen statt auf endlose Weiden.
Die Skizze zeigt die Ausmaße des neuen Gewerbegebiets. Der Friedhof würde quasi im Zentrum liegen
Autor:

Sascha Mummenhoff aus Jesteburg

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