Ex-Lokal als Zwischenlösung
Jugendzentrum der Samtgemeinde Lühe zieht in die "Schöne Fernsicht"
- Der Umzug des Jugendzentrums in die "Schöne Fernsicht" läuft. Rathauschef Timo Gerke (im grünen Hoodie) packt mit an
- Foto: SG Lühe
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Kartons packen, Möbel schleppen und Räume für die neue Nutzung vorbereiten: Für das Jugendzentrum der Samtgemeinde Lühe beginnt ein neues Kapitel. Nach monatelanger Suche ist ein Ersatz für die bisherigen Räumlichkeiten in der Bürgerei in Steinkirchen gefunden. Künftig können sich die Kinder und Jugendlichen in der traditionsreichen „Schönen Fernsicht“ in Grünendeich treffen. Der Umzug läuft auf Hochtouren. Dabei packt Samtgemeindebürgermeister Timo Gerke selbst mit an.
Die Erleichterung dürfte groß sein. Schließlich stand zwischenzeitlich sogar eine Containerlösung am Schulzentrum Steinkirchen im Raum. Nun bekommt die offene Jugendarbeit stattdessen ein festes Dach über dem Kopf – und das in einem Gebäude, das selbst auf eine ausgesprochen wechselvolle Geschichte zurückblickt.
130 Quadratmeter für die Jugendarbeit
Rund 130 Quadratmeter stehen dem Jugendzentrum in der „Schönen Fernsicht“ künftig zur Verfügung. Neben Gemeinschaftsräumen gibt es Büros, Lagerflächen und sanitäre Einrichtungen. Auch der große Saal des Dorfgemeinschaftshauses kann nach vorheriger Absprache genutzt werden. Zwar fällt das Raumangebot damit um einiges kleiner aus als am bisherigen Standort in Steinkirchen. Dafür eröffnet die neue Unterbringung die Möglichkeit, die Jugendarbeit ohne längere Unterbrechung fortzusetzen.
„Ich bin wirklich froh und erleichtert, dass wir nach vielen Gesprächen und intensiver Suche gemeinsam eine gute Lösung gefunden haben“, sagt Gerke. Ihm sei es immer wichtig gewesen, dass für die Kinder und Jugendlichen eine vernünftige Lösung gefunden wird.
Möglich wurde der Umzug durch eine Vereinbarung mit der Gemeinde Grünendeich, die Eigentümerin der "Schönen Fernsicht" ist. Grünendeichs Bürgermeister Nikolai Müller hat einen besonderen Bezug zur Jugendarbeit: Er war selbst zu Beginn seiner ehrenamtlichen Tätigkeit in diesem Bereich aktiv. „Hier entstehen Freundschaften, hier finden Jugendliche Ansprechpartner und einen Ort, an dem sie sich wohlfühlen und entwickeln können“, betont Müller bei der Unterzeichnung des Mietvertrages im Rathaus von Steinkirchen.
Ein Haus mit einer bewegten Vergangenheit
Die "Schöne Fernsicht" war einst eines der beliebtesten Ausflugslokale im Alten Land. Ausflügler kamen Anfang des 20. Jahrhunderts mit Dampfschiffen und später mit Bussen, genossen den großen Kaffeegarten und den Blick auf die Elbe. Seit Anfang der 1980er Jahre befindet sich die Immobilie im Eigentum der Gemeinde Grünendeich. Zahlreiche Pächter versuchten im Laufe der Jahrzehnte, dort einen erfolgreichen Gastronomiebetrieb aufzubauen. Dauerhaft gelang das keinem.
Besonders bitter war das Jahr 2015: Nachdem die Gemeinde zuvor rund 1,1 Millionen Euro in die Sanierung des historischen Gebäudes investiert hatte, musste die Betriebsgesellschaft Insolvenz anmelden. Auch öffentliche Fördermittel waren in die Modernisierung geflossen. Es folgten weitere gastronomische Anläufe, die allesamt scheiterten. Die meisten Betreiber gaben vorzeitig auf. Deshalb hatte die Gemeinde bereits vor Jahren beschlossen, die Immobilie zum Verkauf anzubieten. Ein Käufer fand sich bislang nicht.
Nun kehrt erneut Leben in das geschichtsträchtige Gebäude ein. Eine endgültige Lösung ist der Umzug des Jugendzentrums in die "Schöne Fernsicht" allerdings nicht. Die Gemeinde Grünendeich hält an ihren Verkaufsabsichten fest. Damit bleibt ungewiss, wie lange das Jugendzentrum tatsächlich in dem historischen Gebäude bleiben kann.
Gerke will deshalb weiter nach einem dauerhaften Standort Ausschau halten. Als eine Möglichkeit nennt er einen Neubau im Bereich des Schulzentrums Steinkirchen. Auch die Umnutzung vorhandener kommunaler Gebäude soll geprüft werden.
Forderungen des bisherigen Vermieters
Mit dem Umzug endet zugleich ein Mietverhältnis, das zuletzt von erheblichen Meinungsverschiedenheiten geprägt war. Der Eigentümer des bisherigen Jugendzentrums in der Bürgerei hatte den Mietvertrag zu Anfang November gekündigt. Hintergrund war unter anderem die sanierungsbedürftige Heizungsanlage. Wie das WOCHENBLATT bereits berichtete, hatte Gerke die Verantwortung für deren Instandsetzung beim Vermieter gesehen. Eine Reparatur oder der Einbau einer neuen Heizung sei Eigentümerpflicht und könne nicht einfach der Samtgemeinde aufgebürdet werden.
Bemerkenswert sind vor diesem Hintergrund die Angebote, mit denen der Vermieter die Samtgemeinde doch noch zum Verbleib bewegen wollte. In einem Schreiben stellte er gleich drei Modelle vor. Sein bevorzugter Vorschlag: ein Mietvertrag bis Ende 2036. Im Gegenzug bot er an, die Kosten von rund 35.000 Euro für eine neue Heizungsanlage zu übernehmen. Eine Sanierungsmaßnahme, die üblicherweise ohnehin der Eigentümer übernehmen müsste.
Als Alternative schlug der Vermieter vor, die Investition in die Heizung über zehn Jahre abzuschreiben. Bei einem vorzeitigen Auszug sollte die Samtgemeinde den noch nicht abgeschriebenen Anteil erstatten. Nach einem Jahr wären das beispielsweise 90 Prozent der nachgewiesenen Heizungskosten gewesen.
Besonders irritierend ist allerdings eine weitere Forderung: Der Vermieter beziffert angeblich aufgelaufene Instandhaltungs- und Substanzschäden auf rund 50.000 Euro. Diese Summe soll die Samtgemeinde jetzt bei der Vertragsbeendigung für die bisherigen Räumlichkeiten in Steinkirchen zahlen. Inwieweit solche Schadensersatzforderungen berechtigt sind, bleibt dahingestellt. Angesichts von Gerkes bisheriger Haltung ist kaum vorstellbar, dass sich der Samtgemeindebürgermeister auf die pauschal geltend gemachten 50.000 Euro ohne Weiteres einlassen wird.
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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