Chor-Szene vor Umbruch: Nachwuchssorgen waren vorauszusehen

Der Konzertchor Buchholz bei einem seiner Auftritte
  • Der Konzertchor Buchholz bei einem seiner Auftritte
  • Foto: Konzertchor Buchholz
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(kb). "Die Stimmen sind verstummt" titelte das WOCHENBLATT kürzlich und berichtete über die Auflösung des Jesteburger Chores "Seevetal" nach über 100 Jahren des Bestehens. Dass der Chor in Jesteburg nicht der einzige ist, dem es an Nachwuchs mangelt, beweist die große Resonanz auf den WOCHENBLATT-Aufruf an die Gesangsgruppen im Landkreis. "Auch wir standen kurz vor der Auflösung", schreibt z.B. Sabine Dreyer, 1. Vorsitzende des Nordheide Frauenchores aus Marxen. Der Frauenchor Heideklang aus Sprötze hat in den vergangenen vier Jahren zwölf Sängerinnen verloren, berichtet die 1. Vorsitzende Helga Rietzke.
Um den Nachwuchssorgen zu begegnen, setzen viele Chöre auf eine Verjüngung des Repertoires, offene Chorproben oder zeitlich begrenzte Chorprojekte. So z. B. auch der Herz-Jesu Chor aus Tostedt, der für das Konzert "Misa Criolla" die Zahl der Sänger fast verdoppeln konnte. "Einige der neuen Gesichter sind uns auch nach dem Projekt treu geblieben", sagt Stephanie McGauran. Beim Konzertchor Buchholz mangelt es besonders an Männern. "Um neue Mitglieder zu gewinnen, veranstalten wir jedes Jahr eine 'öffentliche Probe", setzen aber vor allen auf die persönliche Ansprache", sagt Antonie Hartmann. In Marxen wurden vor einigen Jahren der Kinderchor "Kling & Klang" und der gemischte Chor "Pur Calluna" mit modernerem Repertoire gegründet, um Nachwuchssänger anzusprechen.
Für Kreis-Chorleiter und Musikwissenschaftler Stefan Roßberg ist das Nachwuchsproblem bei vielen Chören kein Phänomen, das überraschend kommt. "Wir erleben seit einigen Jahren eine Art 'Pillenknick' in der Chorlandschaft, der vor allen Dingen Chöre im ländlichen Raum betrifft. Dieser Knick wurde durch eine Neuausrichtung der Musikpädagogik in den 1950er und 1960er Jahren ausgelöst", erklärt Roßberg. Das Singen in Gruppen, politisch-ideologisch instrumentalisiert in der Zeit des Nationalsozialismus, sei in Abgrenzung zur frühen gesellschaftlichen Geschichte verpönt gewesen. Singen sei systematisch von den Unterrichtsplänen und aus der Lehrerausbildung gestrichen worden. "In Folge dessen wuchsen Kinder und Schüler in Kindergärten und allgemeinbildenden Schulen ohne Singen auf. Das betrifft genau die Zielgruppe der heute 50- bis 65-Jährigen, die für die Chöre interessant sind", so Roßberg.
Leider habe es der Deutsche Chorverband und auch viele Chöre selbst in den vergangenen 25 Jahren versäumt, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. "Für viele Chöre ist es jetzt fast unmöglich, die bestehende Situation zu ändern. Im Zweifel empfehle ich, sich mit der Entwicklung zu arrangieren", sagt Roßberg. Man könne z.B. überlegen, ob ein Chor mit anderer Literatur auch in einer kleineren Gruppe weiter zusammen singen kann. Die Problematik der zu besetzenden Vorstandsämter bei eingetragenen Vereinen könne man umgehen, indem man in den Status eines "nicht eingetragenen Vereins" wechsle.
Wichtig ist Roßberg, dass Chöre nicht um jeden Preis ihr Repertoire ändern, um jüngere Mitglieder zu werben. "Chöre sollten ihre musikalische Identität bewahren", sagt der Kreis-Chorleiter. Attraktiv seien derzeit Projektchöre oder auch spezielle inhaltliche Ausrichtungen wie z.B. Gospel. Grundsätzlich sieht Roßberg die Chor-Landschaft vor einem großen Umbruch: "In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird es drastische Veränderungen geben, viele traditionelle Chöre werden von der Bildfläche verschwinden, neue kleinere und junge Chöre werden sich etablieren. Die Chor-Szene wird sich neu erfinden."

Wer Lust aufs Singen hat - diese Chöre freuen sich besonders über neue Mitglieder:

Marxen: Gemischter Chor "Pur Calluna" (moderneres Repertoire), Proben montags, 20 bis 21.30 Uhr, Männerchor, Proben donnerstags von 19.30 bis 21.00 Uhr, Frauenchor, Proben donnerstags von 19.30 bis 21 Uhr jeweils in der Alten Schule (Unter den Eichen 5); Infos: http://www.nordheide-chor.de .

Holm-Seppensen:
Chor "Spätlese" (Shantys, Volkslieder und Schlager), Proben montags von 19.30 bis 21 Uhr im Germuth-Scheer-Hus (Pappelweg 9); Infos bei Reinhard Mordek, Tel. 04187 - 1459, oder Klaus Bahrke, Tel. 04181 - 4599.

Sprötze: Frauenchor "Heideklang", Proben montags von 20 bis 22 Uhr im Sportlerheim (Sportplatz Sprötze); Infos unter Tel. 04186 - 8402.

Tostedt: Herz-Jesu Chor, Proben montags von 20 bis 21.45 Uhr im Gemeindehaus der katholischen Kirche (Poststr.).

Buchholz: Konzertchor Buchholz, Proben mittwochs von 20 bis 22 Uhr in der Rudolf Steiner Schule in Kakenstorf; Infos auf http://www.konzertchor-buchholz.de .

Hittfeld: "Mauritius Gospel Singers", Proben mittwochs, 19.30 bis 21.30 Uhr im Gemeindehaus (Schillerplatz).

Bendestorf: Gospelchor Bendestorf, Proben montags ab 20.15 Uhr im Gemeinderaum der Bendestorfer Kirche. Infos bei Chorleiterin Gudrun Scheske unter Tel. 04181 - 35668.

Autor:

Katja Bendig aus Seevetal

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