Von Pfennigabsätzen und Flickschusterei

Fritz Dehrmann "schustert" noch immer gern in seiner Werkstatt
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Fritz Dehrmann (84) arbeitet seit 70 Jahren im Schuhmacher-Handwerk

kb. Seevetal. Stöckelschuh, Stiefel, Sandalen - Schuhe sind für Fritz Dehrmann (84) aus Hittfeld viel mehr als nur Fußbekleidung. Sie sind seine Leidenschaft. Seit 70 Jahren arbeitet der Schuhmachermeister in seinem Beruf. „Mir hat das immer Spaß gemacht. Ich wollte nie etwas anderes machen“, sagt er. Auch wenn er sich inzwischen nur noch aus Spaß und für einzelne Stammkunden in die Werkstatt setzt - Genauigkeit, Qualität und ein Auge für Details bestimmen wie schon in den Anfangstagen seine Arbeit.
Fritz Dehrmann stammt aus Handorf. 1948 begann er seine Lehre bei Schuhmachermeister Ernst Detjen in Scharmbeck. Zu verdanken hatte er die Stelle seiner Tante, die direkt neben dem Schuhmacher wohnte. Fritz' Ausbildungs-Salär von 25 Reichsmark ging für Kost und Logis bei seiner Tante drauf - viel Geld war das auch 1948 schon nicht.
Die Dienste von Fritz Dehrmann und seinen Kollegen waren gefragt. „Damals gab es noch in fast jedem Dorf einen Schuhmacher“, erinnert sich Fritz Detjen. Was Ende der 1940er, Anfang der 1950er Jahre hingegen Mangelware war, war Arbeitsmaterial wie z.B. Leder. „Da wurde dann eben nur das Loch geflickt, anstatt die komplette Sohle zu erneuern“, erzählt Dehrmann. Pechdraht und Schweineborsten waren für ihn alltägliche Werkstoffe. „Heute kennt das kaum noch jemand“, so Dehrmann. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung ließen sich die Leute bald auch wieder Schuhe anfertigen. Für ein paar Stiefel ging allerdings schon mal ein ganzer Monatslohn drauf.
1951 wurde Fritz Dehrmann freigesprochen, 1959 machte er seinen Meister, 1960 eröffnete er seine eigene Werkstatt in Hittfeld. 1973 zog der Schuhmachermeister schließlich an den endgültigen Betriebsstandort. An seine Werkstatt grenzte ein kleiner Schuhladen, in dem seine Frau Ingrid arbeitete. Für die gelernte Bauzeichnerin zunächst fremdes Terrain. „Ich hatte allerdings als Jugendliche mal auf einem Befragungsbogen 'Schuhverkäuferin' als Traumberuf angegeben. Somit war das wohl Schicksal“, erzählt Ingrid Dehrmann (72) und lacht.
In den 1960er Jahren hatte der Pfennigabsatz Konjunktur. In Fritz Dehrmanns Werkstatt stapelten sich die Pumps, denn die schmalen hohen Absätze erforderten von ihrer Trägerin nicht nur einen eleganten Gang, sie waren auch reparaturanfällig. „Man lief ein paar Meter und dann war der Absatz hin“, schildert Ingrid Dehrmann ihre eigenen Erfahrungen mit den filigranen Stöckelschuhen. Fritz Dehrmann machte das nichts aus. Feinarbeit, die Fingerspitzengefühl erfordert, - und das taten die damaligen Absatzspitzen, die mit mehreren winzigen Nägel befestigt wurden - machte ihm schon immer am meisten Spaß. Ebenso wie außergewöhnliche Aufträge. 1965 fertigte er sein größtes Paar Schuhe - rote Schnürer für Elefanten-Dame „Moni“. Der Dickhäuter trat in der Fernsehshow von Peter Frankenfeld auf. Barfuß zur Primetime - das ging natürlich für eine Dame nicht.
In den 1980er Jahren waren es hochwertige Lederschuhe, die Fritz Dehrmanns Auftragsbücher füllten. Nicht nur durch Reparaturen. Auch rahmengenähte Einzelstücke fertigte der Schuhmachermeister damals noch an. Dafür waren Erfahrung, handwerkliches Geschick und viele einzelne Arbeitsschritte nötig. Doch mehr und mehr beschränkte sich die Arbeit auf Ausbesserungen und Reparaturen. Je mehr Schuhe zur günstigen Massenware wurden, desto mehr Schuhmacher gaben ihr Handwerk auf. „Der Beruf stirbt langsam aus“, sagt Fritz Dehrmann. Mit seinem großen Können heimste er im Laufe seines Berufslebens reichlich Preise ein. Wenn man sich seine kunstvoll gefertigten Stücke ansieht, wird einem klar, wie viel Liebe und Arbeit darin steckt.
2010 machten die Dehrmanns ihren Laden dicht, Fritz Dehrmann arbeitet seitdem nur noch als Hobby und für Stammkunden weiter. Die neu gewonnene Freizeit nutzen er und seine Frau, um ihr kleines Schuh-Museum zu bestücken, das sich in den ehemaligen Geschäftsräumen befindet.
Schuhe - diese Leidenschaft hat das Ehepaar fest im Griff. „Ob wir spazieren gehen oder Fußball gucken - der Blick wandert immer automatisch zu den Füßen“, sagt Fritz Dehrmann. Was er da sieht, gefällt ihm längst nicht immer. „Zum Beispiel diese Gummisohlen, die gab es bei mir nur in absoluten Ausnahmefällen“, sagt er. Seine Frau und er tragen deshalb am liebsten die selbst gefertigten Stücke aus der eigenen Werkstatt. Und sind damit immer gut zu Fuß.

Historisches und Kurioses

Historische Werkzeuge und Schuhe aus aller Welt - vom winzigen Kinderschuh aus dem 19. Jahrhundert über den mit Glitzersteinen besetzten High Heel bis zur Sandale aus der Wüste Afrikas - im kleinen Schuh-Museum (Bahnhofstr. 14 ) der Dehrmanns gibt es viel zu entdecken. Wer Lust hat, sich die Schätze anzusehen, ruft einfach unter Tel. 04105 - 52798 an. Besichtigungen für Einzelpersonen oder Gruppen bis ca. zwölf Personen finden nach Absprache statt. Weitere Infos: http://www.schuh-museum-hittfeld.de .

Autor:

Katja Bendig aus Seevetal

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