Hartmut Nitz war 15 Jahre oberster Stader Staatsanwalt
Chefermittler geht in den Ruhestand

Hartmut Nitz nimmt für das Foto noch einmal Platz an seinem Schreibtisch  Foto: jd
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jd. Stade. Ein letztes Mal ist Hartmut Nitz in sein altes Büro zurückgekehrt. Er hatte an der Wand ein Bild vergessen. Außerdem gab es noch ein paar Formalitäten zu regeln. Seit Anfang August ist der 60-Jährige im Ruhestand, aus gesundheitlichen Gründen. Nitz führte 15 Jahre eine Behörde, mit der die meisten Bürger in ihrem Leben nie etwas zu tun haben - zum Glück, mag man meinen. Nitz stand als Leitender Staatsanwalt der Staatsanwaltschaft Stade vor. Bevor der gebürtige Zevener 2005 Behördenchef wurde, sorgte er seit 1989 in Stade dafür, dass Missetäter ihre gerechte Strafe erhalten.

Die Beamtenlaufbahn wurde Nitz quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater war Finanzbeamter. Wahrscheinlich lag es auch an den Genen, dass der Junior Wirtschaftsstrafsachen als erfüllende berufliche Aufgabe für sich entdeckte. Die Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität und des organisierten Verbrechens sei etwas gewesen, das ihm Spaß gemacht habe, so Nitz. Bevor er Behördenchef wurde, leitete er in Stade die für solche Straftaten zuständige Zentralstelle.

Sein spektakulärstes Verfahren aus dieser Zeit war sicherlich der Fall Reemtsma. Auf Nitz' Betreiben wurde die Hamburger Zentrale des Tabakkonzerns tagelang von Hunderten Beamten durchsucht, um Beweise für Geldwäsche, Steuerhinterziehung und Zigarettenschmuggel zu sichern. Die Reemtsma-Razzia ging 2003 bundesweit durch die Presse. Diesen Fall wird Nitz aber nicht nur wegen seiner Dimensionen und des großen Medienechos im Gedächtnis behalten - er wird Jahr für Jahr in besonderer Weise aufs Neue daran erinnert: Die Mitglieder der damaligen "Soko Tarot", die eigens für das Verfahren gegen Reemtsma gebildet wurde, trifft sich noch immer zu jährlichen Ausfahrten. "Solch ein Fall, den man gemeinsam über Monate begleitet hat, schweißt eben ein Team zusammen", meint Nitz.

Auch als Behördenleiter hat sich der oberste Stader Staatsanwalt immer als Teamplayer verstanden. "Hier herrscht eine kollegiale Atmosphäre. Alle Bürotüren stehen offen, sodass wir uns jederzeit miteinander austauschen können." Eine "ruhige Kugel geschoben", wie es dem typischen Vorurteil über Behörden entspricht, wurde aber nie. "Wir hatten im Vorjahr rund 50.000 Verfahren zu bearbeiten", berichtet Nitz. Ein gewaltiges Arbeitspensum für die 121 Mitarbeiter, von denen 45 ermittelnd tätig sind.

Seine Berufswahl Staatsanwalt habe er nie bereut, so Nitz. Nach dem Studium sei von ihm kurzzeitig in Erwägung gezogen worden, Rechtsanwalt zu werden. "Aber dann wäre ich Einzelkämpfer gewesen, und das liegt mir nicht." Was Nitz allerdings nervt, ist das stereotype, durch Fernsehkrimis geprägte Bild vom zaudernden, manchmal sogar korrupten Staatsanwalt, der die Kommissare bei ihren Ermittlungen ausbremst. "Davon stimmt nichts", sagt Nitz. Die Kooperation mit der Polizei laufe hervorragend. Und den in den Krimis immer wieder gezeigten "Anruf von oben", gebe es auch nicht, so Nitz: "Mir ist während meiner gesamten Dienstzeit nie eine Weisung von vorgesetzter Stelle erteilt worden, wie ich ein Verfahren zu führen habe."

Und wenn am Ende eines Prozesses ein Freispruch stand? "Das habe ich nicht als Niederlage betrachtet", erklärt Nitz. Als Beispiel führt er ein Verfahren um ein Tötungsdelikt an. "Der Angeklagte berief sich auf Notwehr, wir Anklagevertreter hatten hingegen Zweifel an dessen Darstellung." Im Prozess sei intensiv um ein gerechtes Urteil gerungen worden - mit dem Ergebnis, dass der Angeklagte freigesprochen worden sei. "Ich bin mit einem guten Gefühl aus diesem Verfahren herausgegangen", bekennt Nitz. Alle Fakten seien durchleuchtet und alle Indizien bewertet worden. "Wenn die Schuld nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden kann, muss eben zugunsten des Angeklagten geurteilt werden."

Wer übrigens meint, dass es bei Wirtschaftsstrafsachen im Gegensatz etwa zu Mordprozessen keine menschliche Komponente gebe, liege falsch, so Nitz. Als Beispiel führt er ein Verfahren wegen eines umfangreichen Anlagebetrugs an. "Da ging es um rund 700 Geschädigte, darunter viele ältere Menschen, die ihre gesamten Ersparnisse verloren haben. Damals haben Betroffene bei mir angerufen und mir ihr Leid geklagt. Bei manchen Gesprächen kam ich mir schon fast vor wie ein Seelsorger."

Große Pläne für den Ruhestand hat Nitz nicht geschmiedet. Einfach Zeit zu haben und nicht an einen festen Terminkalender gebunden zu sein - das sei eine ganz neue Erfahrung, die er genieße. Eine offizielle Verabschiedung gab es noch nicht. Die wird erst stattfinden, wenn ein Nachfolger feststeht und in sein Amt eingeführt wird.

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