Stader Pro-Familia-Leiter: Ungewollte Schwangerschaft stellt für viele Frauen eine große Belastung dar
Noch ein Kind kann oft zum Problem werden

Eine ungewollte Schwangerschaft kann eine Beziehung in eine Krise stürzen  Foto: Fotolia/Olena Yakobchuk
  • Eine ungewollte Schwangerschaft kann eine Beziehung in eine Krise stürzen Foto: Fotolia/Olena Yakobchuk
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jd. Stade. Beim Thema Schwangerschaftsabbruch denken viele zunächst an die einschlägigen Storys aus den vermeintlichen Reality-Soaps im Fernsehen: Blutjunge, unbedarfte Mädchen, die nicht verhütet haben, stehen vor einem Riesenproblem, weil sie schwanger sind. Doch diese Darstellung wird vielleicht in Großstädten ansatzweise der Realität gerecht. Im Landkreis Stade ergibt sich beim Blick auf die Statistik der Beratungsorganisation Pro Familia ein ganz anderes Bild. Laut dem Jahresbericht für 2018, die der Leiter der Stader Pro-Familia-Beratungsstelle, Lothar Kleinschmidt, jetzt vorgelegt hat, ist es eine ganz andere Altersgruppe von Frauen, die zur Schwangerschaftskonfliktberatung geht.

Diese Beratung, die laut § 218 des Strafgesetzbuches im Vorfeld eines Schwangerschaftsabbruchs zwingend vorgeschrieben ist, suchen im Kreis Stade tatsächlich vorwiegend Frauen auf, die bereits mit beiden Beinen fest im Leben stehen. Von den 282 Schwangeren, die 2018 einen Termin bei Pro Familia wahrnahmen, weil sie eine Abtreibung in Erwägung zogen, gehören immerhin fast 37 Prozent der Altersgruppe der 27- bis 34-Jährigen an und rund 24 Prozent sind 35 und älter. Weitere 21 Prozent liegen im Altersbereich von 22 bis 26 Jahren.

Der Anteil ganz junger Frauen, die sich wegen eines geplanten Schwangerschaftsabbruchs beraten ließen, ist hingegen niedrig. Die 18- bis 21-Jährigen machen lediglich 17 Prozent aus und bei minderjährigen Jugendlichen (14- bis 17-Jährige) ist der Anteil mit einem Prozent verschwindend gering. Pro Familia führt auch Statistik zur Erwerbssituation: Demnach befinden sich knapp 13 Prozent in einer Berufsausbildung, gehen zur Schule oder studieren. Immerhin 57 Prozent sind in Voll- oder Teilzeit berufstätig, weitere 34 Prozent sind arbeitslos gemeldet oder gehen keiner Erwerbstätigkeit nach.

"Dieses klischeehafte Bild von den jungen Mädchen, die 'aus Versehen' schwanger geworden sind, hat hier bei uns nie der Realität entsprochen", sagt Kleinschmidt. Es seien oftmals Paare in einer festen Bindung, die einen Schwangerschaftsabbruch wünschen, weil sie ihre Familienplanung abgeschlossen hätten. Ein weiteres Kind würde die gesamte Zukunftsperspektive und weitere Lebensplanung umwerfen.
Laut Kleinschmidt geht es dabei gar nicht ums Geld. "Dieser Personenkreis hat oft keine finanziellen Sorgen." Aber ein zusätzliches Kind zu den bereits vorhandenen ein, zwei Kindern gefährde nach Auskunft vieler ratsuchender Frauen die Beziehung und könnte die Partnerschaft in eine Krise stürzen. Von den Schwangeren im mittleren Alter käme häufig die Aussage, mit weiterem Nachwuchs überfordert zu sein. "Die Befürchtung der Frauen, der zusätzlichen Belastung nicht gewachsen zu sein, ist groß." Auch die Wohnsituation spiele eine Rolle: "Wer ein Haus mit zwei Kinderzimmern gebaut hat, bekommt vielleicht noch ein drittes Kind unter, muss aber bei Nummer vier passen."

Bei den Frauen Anfang/Mitte 20 gibt es nach Auskunft des Pro-Familia-Leiters andere Gründe: Da bestehe zunächst die Absicht, erst einmal beruflich Fuß zu fassen, bevor sich der Kinderwunsch erfüllen soll. Außerdem ist die Partnerschaft oft noch nicht gefestigt genug für ein gemeinsames Kind. Gerade jüngere Frauen seien dann in Sorge, vom Partner sitzen gelassen zu werden.

"Wie viele der 282 Frauen, die zu unserer Beratung gekommen sind, tatsächlich einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen, wissen wir natürlich nicht." Einige Frauen würden in der Tat nur eine Beratung wahrnehmen, um die gesetzlich vorgeschriebene Bescheinigung zu erhalten. Einige hätten sich im Vorfeld schon fest entschieden und einen Termin für den Abbruch vereinbart.

Er sehe aber auch einige Frauen aus der Konfliktberatung später in der "normalen" Schwangerenberatung wieder, so Kleinschmidt. Das bedeute, dass sich diese Frauen dazu entschieden hätten, das Kind zur Welt zu bringen. Dieses Beratungsangebot, bei dem es um alle möglichen Fragen rund um Schwangerschaft und Geburt bis hin zu finanziellen Hilfen geht, wird von weitaus mehr Frauen wahrgenommen: Die sechs Mitarbeiter von Pro Familia Stade führten 2018 in diesem Bereich 1.529 Beratungen durch.

Bei den Schwangerschaftskonfliktberatungen werde in keiner Weise Einfluss auf die Entscheidung der Frauen genommen, betont Kleinschmidt: "Wir wollen den Schwangeren dabei helfen, einen Weg zu finden, der für sie persönlich gut ist."

Frauen sollen freie Entscheidung treffen

Der Sozialverband Pro Familia führt Beratungen zu den Themen Sexualität, Partnerschaft und Familienplanung durch. Ein wichtiges Feld ist dabei die Schwangerschaftskonfliktberatung, die als Voraussetzung für einen Schwangerschaftsabbruch im Vorfeld gesetzlich zwingend vorgeschrieben ist.

Verbände wie Pro Familia stellen dann eine Bescheinigung aus, die beim Arzt vorgelegt werden muss, der den Abbruch vornimmt. Fehlt ein solcher "Beratungsschein", ist eine Abtreibung laut Gesetz strafbar und kann nach § 218 mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden.

Pro Familia tritt dafür ein, dass Frauen bzw. Paare sich frei entscheiden können, in welcher Lebenssituation Kinder erwünscht sind. Frauen sollen das Recht erhalten, sich selbstbestimmt für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden zu können, ohne eine Strafe fürchten zu müssen. Die Beratung bei Pro Familia soll Frauen zu einer freien Entscheidung verhelfen.

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