Schäden im vierstelligen Euro-Bereich
Kranich-Invasion auf dem Maisacker

Zeigen auf die Kranichschäden (v. li.): die Landwirte Marc Behrens, Jens-Peter Gröngröft, Gerd Kusel und Dirk Dresen
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bim. Heidenau. Dem Kranich werden in vielen Kulturen nur positive Eigenschaften zugeschrieben - er gilt als wachsam, weise und als Symbol des Glücks. Überhaupt nicht glücklich mit dem, was Hunderte von Kranichen in den vergangenen Tagen auf ihren Maisfeldern angerichtet haben, sind allerdings Landwirte aus Heidenau, Wüstenhöfen und Halvesbostel. Auf rund 30 Hektar Fläche wurde ihre Maisaussaat von den langbeinigen Vögeln ausgerupft - ein wirtschaftlicher Schaden, der in die Tausende Euro geht.
Die Kraniche fliegen in großen Scharen auf die Äcker, gehen mit ihren langen Schnäbeln in die Erde, ziehen die wenige Zentimeter hoch keimenden Maispflänzchen heraus und lassen sich das weiche Korn des Maiskeimlings schmecken. Wie die Reihe der Schnabellöcher zeigt, gehen die Vögel systematisch vor.
"Die Kraniche vernichten unsere Futtergrundlage. Pro Hektar ist uns ein Schaden von 180 bis 200 Euro entstanden", sagt Jens-Peter Gröngröft. "Es gibt aber wohl keine Fördertöpfe beim Land, mit denen das ausgeglichen werden kann. Es kann nicht sein, dass wir auf den Schäden sitzenbleiben", kritisiert er.
"Wir sind für die Natur und können damit leben, wenn die Kraniche punktuell oder mal auf 100 Quadratmetern Schäden anrichten. Aber in diesem Ausmaß wird es zum Problem", sagt Gerd Kusel. Die Population der Kraniche habe unverhältnismäßig zugenommen, so die Landwirte.
Problematisch sei es auch, wenn die Kraniche in solchen Massen auf dem Grünland nach Würmern und Insekten suchen, denn der Kot der Vögel gelange so ins Viehfutter, so Gröngröft.

Kein Fördertopf für Kranichschäden

"Die Kraniche sind Zugvögel, sie ziehen sonst im Frühjahr und im Herbst und machen hier Rast. Aber jetzt brüten sie im Tister Moor. Sie bleiben hier und vernichten unsere teure Futtergrundlage. Die Population ist aus dem Ruder gelaufen", sagt Landwirt Jens-Peter Gröngröft aus Heidenau. Von der Kranich-Invasion betroffen ist außer ihm und seinen Äckern auf einer Fläche von rund 20 Hektar auch sein Landwirtskollege Gerd Kusel aus Wüstenhöfen mit zehn Hektar. Bei Dirk Dresen aus Halvesbotel seien die Kraniche zu Hunderten auf der Suche nach Insekten und kleinen Wirbeltieren aufs Grünland geflogen.
Dass Kraniche in Massen auf frisch eingesäten Maisäckern einfallen und diese "leerfuttern", ist auch für die Landwirtschaftskammern ein neues Phänomen. Denn bisher gibt es einen Ausgleich nur für Fraßschäden, die "nordische Gastvögel" - streng geschützte, rastende Wildgänse - in Vogelschutzgebieten anrichten. Laut dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) wurden 2018 dafür Zahlungen in Höhe von rund 6,5 Millionen Euro vom Land bewilligt. Die schlechte Nachricht für die heimischen Landwirte: Einen vergleichbaren Fördertopf bei Kranich-Fraßschäden gibt es bisher nicht.
Bei der Kranich-Invasion handele es sich um Extremsituationen und Rastspitzen mit mehreren tausend Tieren, teilt die NLWKN-Pressestelle auf WOCHENBLATT-Anfrage mit. "Obwohl auch uns das gelegentlich auftretende Problem von rastenden Kranichen auf Ackerflächen bekannt ist, sind die uns vorliegenden Zahlen und Fälle hierzu kaum vergleichbar mit dem Ausmaß der massiven Fraßschäden, wie sie in bestimmten Regionen entlang der Vogelzuglinie durch nordische Wildgänse wiederholt auftreten", so die Pressestelle.
Für die heimischen Landwirte keine zufriedenstellende Antwort. "Wir wollen nicht jammern, aber uns entsteht durch die Kraniche ein reeller Schaden", so Gröngröft.
Er und seine Kollegen wissen nicht, wie sie ihren Mais vor den Kranichen schützen können. Selbst Vogelscheuchen und Vergrämungsexperten kapitulieren vor dem prächtigen Vogel: "Zur Vogelart der Kraniche haben wir noch keine wirksame Vogelabwehr für den Saat- und Ernteschutz im Programm", heißt es etwa bei vogelscheuche.de.

"Massiver Maisanbau begünstigt Vermehrung"

"Von massiven Schäden im auflaufenden Mais hatte ich vorher noch nichts gehört", sagt auch Uwe Quante, Kranich-Experte des Arbeitskreises Naturschutz (AKN) Tostedt. Er erläutert auf WOCHENBLATT-Nachfrage, weshalb die Kranichpopulation stark zugenommen hat und weshalb sich die Vögel hier so wohl fühlen.
"Seit den 1980er Jahren hat die Kranichpopulation hier bei uns exponentiell zugenommen. Dies betrifft in erster Linie die hier sesshaften Revier- und Brutpaare.
Die ersten Brutpaare tauchten bei uns im Westen des Landkreises auf (Samtgemeinde Tostedt: 1988: ein Paar, 1995: drei Paare, 2002: neun Paare, 2009: 24 Paare, 2015: 46 Paare). Im Landkreis Harburg gibt es inzwischen mehr als 100 Revierpaare. Ursachen für die Zunahme sind massive Schutzmaßnahmen in den Gebieten weiter nordöstlich (Wendland, Mecklenburg-Vorpommern), aus denen sie sich in Richtung Südwesten ausgebreitet haben. Eine weitere Ursache ist die Einrichtung von Naturschutzgebieten und die Renaturierung der Moore, in denen die meisten Bruten stattfinden. Nicht zuletzt hat der massive Maisanbau die Vermehrung begünstigt. Die abgeernteten Maisäcker sind für die Kraniche ein Schlaraffenland, da dort noch viele Körner auf und im Boden liegen.
Ob bei den ziehenden Kranichen eine massive Zunahme erfolgt ist, ist fraglich. Klar ist, dass bei uns inzwischen viel mehr Kraniche durchziehen als noch vor 20 oder 30 Jahren. Ursache ist die Verlagerung der Zugwege weiter in den Westen, sodass die Kranichschwärme durch Westniedersachsen reisen, mit Zwischenstopps im Tister Bauernmoor und Umgebung (bis zu 30.000) und der Diepholzer Moorniederung (100.000).
In den Landkreisen Harburg, Rotenburg und Heidekreis brüten die Kraniche bevorzugt in den wiedervernässten Mooren und unzugänglichen Bachauen (Sümpfe, Bruchwälder). In den letzten Jahren ist zu beobachten, dass sie auch auf andere Habitate ausweichen (Ackersölle, Teichanlagen u.ä.) und auch die Elbmarsch besiedeln.
Die großen Kranichschwärme, die bei uns durchziehen, brüten in Skandinavien, im Baltikum, Russland und z.T. in Mecklenburg-Vorpommern. Sie sammeln sich im Herbst zu großen Trupps und ziehen nach Südwesten über Westniedersachsen, Frankreich nach Spanien (Extremadura) und z.T. nach Nordafrika. Als Folge des Klimawandels bleiben die meisten Kraniche inzwischen allerdings den Winter über in Spanien oder sogar in Frankreich. Ein geringer Teil (500 bis 1.000 Tiere) überwintert inzwischen sogar bei uns in der Umgebung des Tister Bauernmoores. Im Frühjahr ziehen sie dann wieder gen Norden in die Brutgebiete. Der Frühjahrszug beginnt, je nach Witterung, im Februar. Unsere Brutpaare sind meist bereits Ende Februar in ihren Brutrevieren. Die Nordeuropäer ziehen etwas später weiter, meist im März/April.
In diesem Jahr scheint es zu einem Zugstau gekommen zu sein und viele Kraniche sind aufgrund der Kälte länger in Niedersachsen verblieben. Normalerweise sind die großen Trupps zum Zeitpunkt der Maiseinsaat bereits weiter im Norden. Die heimischen Brutpaare treten jetzt nicht in größeren Gruppen, sondern einzeln bzw. paarweise auf. Allenfalls können kleinere Junggesellentrupps herumstreifen und eventuell Schäden anrichten.
Die genannten Probleme haben also sicher nichts mit der Klimaerwärmung zu tun. Im Gegenteil, die außergewöhnliche Kälte der letzten Wochen ist wahrscheinlich Hauptursache, denn im Frühjahr ziehen die Kraniche gen Norden!"

Autor:

Bianca Marquardt aus Tostedt

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