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Umwelt-Unsinn statt Biotonne im Landkreis Harburg

Kein Scherz: Bald dürfen Bürger ihre Küchenabfälle auf den kreiseigenen Müllsammelstellen abgeben (Foto: Fotomontage mi, rs, msr)
mi. Landkreis Harburg. Seit 2015 müssen qua Gesetz organische Abfälle vom Restmüll getrennt werden. Viele Kommunen haben deswegen Biotonnen eingeführt. Nicht so der Landkreis Harburg: Hier will man vorerst auf den Bürger setzen. Statt Biotonne sollen auf den vier kreiseigenen Müllsammelstellen kostenlose Annahmepunkte für Küchenabfälle aus Privathaushalten eingerichtet werden, einen entsprechenden Beschluss will der Kreistag am morgigen Donnerstag fassen.

Kein Zwang zum Kartoffelschalen-Tourismus

Muss, wer keinen eigenen Kompost hat, seinen Biomüll zukünftig quer durch den Landkreis zur nächsten „Kartoffelschalensammelstelle“ karren? „Wir können und werden niemanden zwingen, seine Küchenabfälle zur Müllkippe zu fahren. Auch unter Klimaschutzaspekten wäre das wohl kontraproduktiv“, räumt Kreisrat Dr. Björn Hoppenstedt ein. Soll heißen: Für den Umweltschutz ist die Maßnahme völlig unsinnig, für den Klimaschutz vielleicht sogar schädlich. Darum geht es wohl auch gar nicht.

Kein Interesse die Müllmengen zu reduzieren

Vielmehr ist die krude Idee ein juristischer Kunstgriff, um auch ohne Biotonne der Forderung des Landes Niedersachsen nachzukommen, Bio- von Restmüll zu trennen. Zumindest auf dem Papier, ließe sich hinzufügen.
Warum der ganze Aufwand? Ganz einfach: Bis zum Jahr 2019 ist der Kreis vertraglich verpflichtet, zum Festpreis eine bestimmte Menge Müll zur Verbrennung nach Hamburg zu liefern. Bei weniger Müll bleibt der Preis gleich. Im Kreishaus hat man somit finanziell überhaupt kein Interesse, die Müllmengen durch eine Biotonne zu reduzieren.

Biotonne soll erst 2019 kommen

Ab 2019 soll die Biotonne dann allerdings auch im Landkreis Harburg für alle Haushalte Pflicht werden. Nur wer auf dem eigenen Grundstück kompostiert ist ausgenommen. Geplant ist, dass die Tonne vierzehntägig geleert wird. Da sich der Restmüll reduziert, denkt man hier über eine Abholung nur noch alle vier Wochen nach. Kostenersparnis rund 600.000 Euro. Für die Haushalte bedeute das eine Gebührensenkung um 6,89 Euro. Allerdings, wer auf eine häufigere Abholung des Restmülls, zum Beispiel wegen des Gebrauchs von Windeln angewiesen ist, zahlt drauf, denn jede außerplanmäßige Leerung soll extra kosten. Wahrscheinlicher ist deshalb, dass es bei einem vierzehntägigen Intervall bleibt.

Grünabfallannahme ab 2019 nur noch gegen Gebühr?

Fraglich ist allerdings, ob es ab 2019 noch eine Abholung von Gartenabfällen geben wird. Gartenabfall und Biomüll dürfen nicht zusammen verwertet werden. „Vor dem Hintergrund, dass Biotonne und Grünabfallsammlung um einen Teil der Abfälle ‚konkurrieren‘, wäre zu prüfen, ob das kostenintensive System der Grünabfall-Straßensammlung, (...) parallel zur Biotonne betrieben werden kann“. Stattdessen sollte über eine gebührenpflichtige Annahme auf den Müll-
umschlagplätzen nachgedacht werden, heißt es im Abfallwirtschaftskonzept des Kreises für die Zeit nach 2019.

Kaskadennutzung birgt erhebliche Risiken

Die größte Unbekannte ist aber wie mit dem Biomüll verfahren werden soll.
Fakt ist, dass es nicht per se ökologisch schlechter ist, Bioabfall gemeinsam mit dem Restmüll zu verbrennen. So steht es auch im Gutachten des Landkreises. Demnach wird die Biotonne den Kreishaushalt jährlich mit rund 2,1 Millionen Euro belasten. Ein Mehrwert für die Umwelt entstehe nur bei einer so genannten Kaskadennutzung, das bedeutet: Die Abfälle müssten in einer Biogasanlage zur Stromerzeugung verwertet werden. Das anfallende Substrat dann ebenfalls zur Energiegewinnung verbrannt werden.
Hier warnt die Verwaltungsvorlage vor „erheblichen Investitionsrisiken“ und schlägt die private Ausschreibung vor. Vorstellbar wäre aber auch der Bau einer Großbiogasanlage in Kooperation mit den Nachbarkreisen.

Sinkende Entsorgungskosten trotz Biotonne


Trotz all dieser Unbekannten sollen laut Gutachter die Kosten für die Abfallentsorgung insgesamt sinken. Liegen die Kosten derzeit bei 11,4 Millionen Euro jährlich, prognostiziert das Expertenpapier für die Zeit nach 2019 nur noch Kosten von 9,3 Millionen Euro. Wie die vermeintlichen Einsparungen eingesetzt werden könnten, dafür macht macht das Gutachten ebenfalls einen Vorschlag. Spätestens ab 2018 sollte demnach das „Produkt Abfallwirtschaft, Planungen und Dienstleistungen“ aufgestockt werden, oder, einfacher ausgedrückt: es muss eine neue Verwaltungsstelle geschaffen werden.