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Wenn das Wasser steigt: Ein denkbares Zukunfts-Szenario: Kehdingen und das Alte Land versinken in den Fluten

Diese Flächen sind vom Hochwasser bedroht: In Dunkelblau sind die Areale markiert, die unter dem Meeresspiegel liegen. Hellblau sind die Bereiche gekennzeichnet, die bis zu einem Meter hoch sind
(jd). Der Klimawandel wird künftig erheblichen Einfluss auf das Leben an der Küste haben. Experten prognostizieren, dass der Meeresspiegel der Nordsee bis zum Jahr 2100 um rund einen Meter ansteigen wird. Entsprechend höher werden die Sturmfluten ausfallen. Das WOCHENBLATT ging in der vergangenen Samstags-Ausgabe der Frage nach, wie vor diesem Hintergrund die "Zukunft der Deiche" aussieht. In den kommenden 20 bis 30 Jahren werden die Elbdeiche wohl noch mal deutlich erhöht - um etwa 80 bis 100 Zentimeter. Doch irgendwann ist bei der Deichhöhe das Limit erreicht. Was passiert dann? Im Deichbau-Artikel wurde kurz ein Szenario angerissen, auf das hier noch einmal ausführlicher eingegangen werden soll: der Rückzug aus den gefährdeten Gebieten. Das hätte für das Alte Land und für Kehdingen fatale Folgen.

Küstenschutz-Experten haben diese Option schon länger gedanklich durchgespielt und sehen sie nicht als völlig abwegig an: Wenn die jetzige Küstenlinie irgendwann nicht mehr mit Deichen gegen den "blanken Hans" zu verteidigen ist, müssen Siedlungsgebiete, die vom Hochwasser bedroht sind, über kurz oder lang aufgegeben werden. "Rückzug ist die konsequenteste Strategie, sich der Gefahr vor Überflutungen zu entziehen", heißt es in einem Thesenpapier der Forschungsstelle Küste. Darin wird die Option "Rückzug" zwar aus volkswirtschaftlicher Sicht als denkbar schlechteste Variante bezeichnet und der jetzt praktizierte Küstenschutz als beste Lösung präsentiert - aber eben nur "solange er technisch umsetzbar ist".

Sollte in einer fernen Zukunft das Rückzugs-Szenario Wirklichkeit werden, wäre auch der Landkreis Stade erheblich betroffen: Ein Großteil der Kehdinger und Altländer Bevölkerung müsste umgesiedelt werden. Einige Regionen der Elbmarschen liegen schon jetzt unter dem Meeresspiegel. Würde dieser - wie prognostiziert - um einen Meter ansteigen, wären ohne den Schutz der Deiche riesige Areale zwischen Este und Oste überflutet (siehe Karte). Lediglich der alte Uferstrandwall entlang der Elbe wurde aus dem Wasser herausragen - ebenso wie Krautsand, das wieder das wäre, was es jahrhundertelang war: eine Insel. Wahrscheinlich entstünde dann eine Flusslandschaft, wie es sie vor der Eindeichung im Mittelalter gab: Priele durchzögen die feuchten, immer wieder überschwemmten Marschen.

Doch wo bleiben die Menschen? Wohin sollen sie ziehen? Setzt womöglich eine neue Ostkolonisation ein? Im Mittelalter folgten die Untertanen dem Ruf des Adels, um die zuvor von den Slawen bewohnten Gebiete östlich der Elbe zu besiedeln. Finden die Kehdinger und Altländer womöglich in Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg, wo die Bevölkerungsdichte aktuell weiter abnimmt, eine neue Heimat? Auf diese immateriellen Aspekte geht auch das erwähnte Thesenpapier ein: "Nicht zuletzt bedeutet der Rückzug aus sturmflutgefährdeten Gebieten einen Verlust an erlebter Heimat für zwei bis drei Generationen von Küstenbewohnern."