Buchholz
Als Held gefeiert - und dann allein gelassen
- Muhammad al Muhammad in seinem kleinen Zimmer in der Buchholzer Unterkunft, das er sich mit zwei weiteren Flüchtlingen teilt
- Foto: bim
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Sein mutiges Eingreifen bei einer Messerattacke am Hamburger Hauptbahnhof im Mai vergangenen Jahres hat Schlimmeres verhindert, als eine offenbar psychisch kranke Deutsche (39) wahllos Menschen angriff und mindestens 15 von ihnen zum Teil erheblich verletzte. Der syrische Flüchtling Muhammad al Muhammad (20), der in einer Buchholzer Asylbewerberunterkunft lebt, stellte sich der Frau gemeinsam mit einem Tschetschenen aus Hamburg entgegen. Sein couragierter Einsatz wurde mit Dankes-Briefen von Hamburgs Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher und Buchholz` Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse gewürdigt. Aber das war's. "Danke, toll gemacht und Tschüss", fasst der junge Mann sein Empfinden jetzt zusammen.
Rückblick: Am 23. Mai 2025 gegen 18 Uhr stach die Frau auf dem Bahnsteig an Gleis 13/14 wahllos um sich und verletzte mehrere Fahrgäste. Dort wartete auch Muhammad al Muhammad auf den Metronom nach Buchholz. Als die Frau um sich stach, Menschen in Panik gerieten, schrien und die Flucht ergriffen, habe er sich wieder wie im Krieg in seiner syrischen Heimat Aleppo gefühlt, berichtet er im Gespräch mit dem WOCHENBLATT. Die Frau habe auch zweimal versucht, ihn mit dem Messer zu verletzten. Doch der sportliche 20-jährige, der während seiner Unterbringung in Jesteburg kurzzeitig im VfL Boxtraining nahm, wich den Attacken aus. Der Tschetschene habe dann der Frau gegen das Bein getreten, sodass sie hinfiel. Er selbst habe sie zu Boden gedrückt, so al Muhammad: "Wenn du aufstehen, ich schlage", habe er zu der Frau gesagt und gleichzeitig die Polizei gerufen.
Als al Muhammads mutiger Einsatz bundesweit für große mediale Aufmerksamkeit sorgte, fragte mancher auf Social Media: "Hat er einen Orden bekommen?" Die Antwort: Nein. Ein Orden wäre ihm aber auch egal. In den Dankes-Briefen der Bürgermeister werden sein "mutiges und beherztes Eingreifen", sein selbstloser Einsatz und sein "besonderes Beispiel für Zivilcourage" gewürdigt. Im Buchholzer Rathaus hatte al Muhammad auch bereits ein nettes Gespräch mit Jan-Hendrik Röhse.
Doch statt den Dankes-Briefen und freundlichem Austausch wären dem jungen Syrer ein Pass und eine Arbeit lieber. "Wenn ein Ausländer macht Scheiße, heißt es Abschieben. Wenn ein Ausländer etwas gut macht - nix", sagt er verbittert .
Muhammad al Muhammad kam nach sechsmonatiger Flucht im Jahr 2022 nach Deutschland. Er sei mit dem seit 2011 wütenden Krieg aufgewachsen und zuvor jahrelang innerhalb Syriens auf der Flucht gewesen mit seiner großen Familie mit sieben Schwestern und fünf Brüdern. Die Familie lebe inzwischen in einem Plastikzelt im ebenfalls zerstörten Idlib.
In der Unterkunft in Buchholz haust der 20-Jährige auf engstem Raum mit zwei weiteren Flüchtlingen in einem Container mit Gemeinschaftsküche, weitgehend ohne Privatsphäre. Er wirkt verzweifelt und resigniert.
Muhammad hat eine Aufenthaltsgestattung, mit der er unter bestimmten Voraussetzungen in Deutschland arbeiten darf. Er hätte aber gerne "echte" Papiere und irgendeine Arbeitsstelle im Raum Buchholz, Tostedt oder Hamburg, die er mit dem Zug erreichen und von der er leben und auch seine Familie unterstützen kann. Sein Traum: Er möchte einen guten Job, heiraten, Kinder und für die Familie ein Haus bauen. Doch der 20-Jährige sieht kein Fortkommen beim Erreichen seiner Ziele, weil er mit der deutschen Bürokratie - wie auch viele Deutsche - überfordert ist. "Es kann nicht sein, dass ein Held an den Hürden des Alltags scheitert", fasst ein Flüchtlingsbetreuer al Muhammads Situation treffend zusammen.
- Die heute 40 Jahre alte Messerangreiferin wurde Anfang des Jahres gemäß Urteil des Hamburger Landgerichts dauerhaft in die forensische Psychiatrie eingewiesen. Der Unterbringungsbefehl laute auf versuchten Totschlag in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung in 15 Fällen.
Redakteur:Bianca Marquardt aus Tostedt |
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