Lieber unbeholfen als Sprachlos: Erfahrungen einer von Suizid betroffenen Angehörigen

Es ist mehr als verständlich, wenn Menschen sprachlos sind im Angesicht psychischer Erkrankungen, Tod oder Trauer. Ob nun als überforderter Angehöriger, der in der Familie oder im Freundeskreis in einer Krise zur Seite stehen, oder aber als Mitmensch, der Mitgefühl oder gar sein Beileid ausdrücken möchte: Wenn es drauf ankommt, blockiert oftmals die Angst, etwas Falsches zu sagen. Womöglich könnte man es durch ein blödes Wort oder eine unbeholfene Geste wie eine Umarmung nur noch schlimmer machen, wenn jemand in Verzweiflung zu versinken droht. 

Aus Sicht einer Betroffenen, die einst ihren Partner durch Suizid verloren hat, kann ich aber beruhigen. Dahingehend, dass eine womöglich ungelenke Handreichung im wahrsten Sinne allenfalls besser ist, als nichts zu tun. Wer einen geliebten Menschen verloren hat, weiß, wie wichtig echte Anteilnahme ist und wieviel Trost die Gewissheit schenkt, mit dieser Situation nicht allein auf der Welt zu sein.

Gerade beim Tabuthema Selbsttötung wiegt das Ungesagte noch viel schwerer. Denn wenn wir schweigen, obwohl wir ahnen, dass unser Gegenüber Hilfe braucht, macht man sich vielleicht nicht schuldig. Aber man handelt doch entgegen seiner Natur und dem Ruf des Herzens, der eigentlich nicht überhört werden kann. Nicht überhört werden darf! Vor allem dann nicht, wenn es höchst bedauerlicher Weise schon zu spät ist. Wenn sich die Rollen tauschen, weil man nicht mehr nur etwa Familienangehöriger eines erkrankten Menschen ist, der Hilfe gebraucht hätte, aber nicht danach gefragt hat. Sondern weil man selbst in Ohmacht zu ersticken droht, weil dieser Mensch nicht mehr da ist, dafür aber die immer währende Frage, ob man es hätte verhindern können. 

Die vermeintliche Antwort liefert das Umfeld  — durch Schweigen, falsche Rücksichtnahme oder durchdringende Blicke, oft aus einer Unsicherheit heraus, die menschlich ist und auch wieder nicht. Denn jeder Mensch kann seine Betroffenheit zum Ausdruck bringen. Dafür gibt es viele Wege und sei es, genau das zu benennen: "Ich fühle mich überfordert, das Richtige zu sagen, weil ich Angst habe", oder aber "Mir fehlen die Worte, weil es mir so nahe geht." Jede noch so kleine Annäherung ist allemal hilfreicher als Ausgrenzung in einer Lebenslage, die einen ohnehin an den Rand des Erträglichen drängt.

Redakteur:

Heidi Goch-Lange aus Buchholz

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