Mitgliederschwund ist größer als vom LSB behauptet
Hilfeschrei der größten Sportvereine im Land

Tausende Mitglieder verlassen in der Pandemie die Sportvereine
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(bim). Diese Statistik sorgt für Zündstoff: Der Landessportbund (LSB) Niedersachsen berichtet trotz einjähriger Corona-Pandemie von einem moderaten Mitgliederschwund von "nur" 3,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Gegen diese Aussage verwehren sich 24 der größten Vereine im Land und haben jetzt einen Brandbrief ans LSB-Präsidium geschrieben - in einer bisher einmaligen landesweiten Initiative. Darunter der Todtglüsinger Sportverein, Blau-Weiss Buchholz, der Buxtehuder SV und der TuS Harsefeld.
Bei der Auswertung beziehe sich der LSB auf 9.031 der 9.367 Mitgliedervereine. Der Rückgang von 3,7 Prozent entspreche im Schnitt 10,5 Mitgliedern je Verein. Die 24 mitgliederstärksten Vereine Niedersachsens hätten der Erhebung nach zum Jahresende allerdings einen Mitgliederrückgang von acht bis 23 Prozent oder mehr als 11.700 Austritte - im Schnitt rund 500 Austritte je Verein - verzeichnet.
Diese Zahlen bestätigt Stefan Hebecker, Vorsitzender des Buxtehuder SV: "Zum 31. März 2021 werden fast 500 Mitglieder unseren Verein verlassen haben. Neben dem Breitensport finden auch die Kursangebote in den Bereichen Gesundheitssport, Herzsport und Schwimmen nicht statt. Ich rechne mit einem Rückgang der Einnahmen im sechsstelligen Bereich. Und je länger die Situation anhält, desto schwieriger wird es für uns, unsere soziale Aufgabe zu erfüllen und ein Angebot für alle Altersstufen, insbesondere aber für den Jugend-, Senioren- und Leistungssport aufrechtzuerhalten, wie wir es vor Beginn der Pandemie kannten."
Renate Preuß, Vorsitzende des Todtglüsinger Sportvereins, berichtet: "Wir hatten im vergangenen Jahr 1.430 Austritte, 1.737 Mitglieder haben ihre Mitgliedschaft passiv gestellt - alle stammen aus dem Bereich der Fitnessabteilung." Insgesamt habe der Verein einen finanziellen Verlust von rund 178.000 Euro zu verkraften, während die Kosten für die eigenen Immobilien weiterliefen. Ebenso die Abgaben an die Fachverbände - und das, obwohl die Hälfte der Beiträge für das Ausrichten von Punktspielen und Meisterschaften gedacht sei, die aktuell nicht stattfänden.
Austritte werden sonst
durch Eintritte kompensiert

Die Austritte waren in den Vorjahren kein Problem, da dem entsprechend viele Eintritte gegenüberstanden, die in der Pandemie allerdings nicht stattfinden. Zudem halten die größeren Vereine eigene Sportstätten vor, die unterhalten werden müssen. Seit Monaten befänden sich große Teile der hauptamtlichen Mitarbeiter in Kurzarbeit, mit Mehreinnahmen aus zusätzlichen Veranstaltungen sei auch in diesem Jahr nicht zu rechnen, ebenso wenig mit Neueintritten, von denen es sonst im Januar und Februar mehrere hundert gebe. Spenden und Sponsorengelder würden zurückgehen.
"Das bedeutet: Die monatlichen Mindereinnahmen aus Beiträgen und anderen Einnahmebereichen wachsen bei unseren Großsportvereinen weiter. Hinzu kommt die fehlende Perspektive für den Wiedereinstieg in den Sportbetrieb. Die zu tragende Last wiegt damit immer schwerer! Wir können nicht einmal vorsichtig optimistisch in die Zukunft blicken", heißt es weiter in dem Brief der Sportvereine. Dass der LSB in einer Pressemitteilung vom 4. Februar kein Wort über diese Probleme verliere, halten die Unterzeichner für "mehr als ärgerlich und nicht nachvollziehbar", zumal dem LSB die Situation bekannt sei.
Großvereine investieren und
schaffen Strukturen

Dabei seien es vor allem die Großvereine, die im Breitensport professionell vorangehen, investieren und Strukturen schaffen, von denen nicht zuletzt auch kleinere Vereine profitierten. Das sei auch gut so, da Sportvereine wichtig fürs Gemeinwohl seien - insbesondere in der aktuellen Situation.
Auch was die Förderung von Kindern und Jugendlichen angeht. "Bereits der erste - mit zwei sportfreien Monaten deutlich kürzere - Lockdown hat bei den Trainern in den Sportvereinen ein entsetztes Staunen hinterlassen, wie sehr sich die Kinder und Jugendlichen motorisch verschlechtert haben. Viele Kinder sind verhaltensauffällig, unbeweglicher und haben an Gewicht zugenommen", wird berichtet.
"Gerade die Großsportvereine leisten im Bereich Sport- und Vereinsentwicklung innovative und kreative Arbeit. Dieser Verantwortung wollen und werden wir auch zukünftig nachkommen. Ohne eine nachhaltige und kraftvolle Unterstützung des Landessportbundes wird es jedoch nicht gehen. Diese fordern wir hiermit nachdrücklich ein."
Ausgleichs-Fonds 
einrichten

Die 24 großen Sportvereine fordern den LSB auch dazu auf, ihnen Gehör zu verschaffen bei zuständigen Institutionen sowie in internen und externen Gremien. Sie wünschen sich u.a. einen Sport-Mitglieder-Ausgleichs-Fonds in Höhe von sechs Millionen Euro, aus dem Zuschüsse pro verlorenem und nicht gewonnenem Mitglied in diesem Jahr - bemessen anhand der Betrachtung des Fünf-Jahres-Zeitraums vor den Corona-Einschränkungen - gezahlt werden.
Beigefügt haben die großen Sportvereine Hinweise und Handlungsempfehlungen für den entsprechenden Dialog und Öffnungsperspektiven im Zuge einer "Sportampel".
Der Brandbrief ging weiterhin u.a. an Niedersachsens Innenminister, an die Bürgermeister, die Landräte und die Abgeordneten des Niedersächsischen Landtages.

Empfehlungen an den Landessportbund gemäß "Sportampel"

Sonderöffnung Outdoor für Kinder- und Jugendliche bei Sieben-Tage-Inzidenzzahl bis 100:

  • Größe und Anzahl der Trainingsgruppen in Abhängigkeit von der Möglichkeit der Einhaltung des Mindestabstands in der jeweiligen Sportstätte
  • Altersgruppe von vier bis sieben Jahre (= Kinder, die auch jetzt schon auf den Spielplätzen erlaubt sind) unter Einhaltung des Mindestabstandes
  • Altersgruppe von acht Jahre bis 14 Jahre unter Einhaltung des Mindestabstands mit Trainer und Betreuungsschlüssel 1:10

Spätestens ab 7. März 2021 und einer Sieben-Tage-Inzidenz unter 35:

  • Keine Differenzierung zwischen Indoor- und Outdoor-Angeboten
  • Feste Trainingsgruppen und keine Durchmischung der Trainingsgruppen
  • Kontaktloses Training. Ausnahme in dauerhafter Zweier-Trainingsgruppe oder mit Angehörigen des eigenen Hausstandes
  • Größe der Gruppe in Abhängigkeit von der Möglichkeit der Einhaltung des Mindestabstandes in der Sportstätte
  • Keine Eltern und keine Zuschauer im jeweiligen Sportraum
  • FFP2-Maskenpflicht bis zum Erreichen der jeweiligen Sportstätte

Ab 29. März 2021 (Beginn der Osterferien):
Zulassung von Ferienbetreuung/Sportcamps unter Einhaltung der Hygieneregeln aus dem Sommer 2020

Sieben-Tage-Inzidenz unter 25:

  • Trainingsbetrieb mit Körperkontakt in festen Gruppen von maximal 20 Personen Indoor und Outdoor
  • Sportveranstaltungen Indoor/Outdoor ohne Zuschauer, FFP2-Maske für Funktionspersonal

Sieben-Tage-Inzidenz unter 10:

  • Keine Einschränkungen für den Sport
  • Der Individualsport muss unabhängig vom Inzidenzwert - auch in kommunalen Sporteinrichtungen - immer möglich sein.
Autor:

Bianca Marquardt aus Tostedt

Service
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