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Empörung in Italien wegen Bonhoeffer-Zitats: Opferverband kritisiert Theologen-Spruch auf Todesanzeige von Alfred L.

Matthias Durchfeld mit einem WOCHENBLATT-Artikel über die Verurteilung von Alfred L. Foto: jd
 
Beim Prozess im italienischen Verona wurde Alfred L. in Abwesenheit wegen Mordes verurteilt Foto: Archiv/privat
jd. Ohrensen. Ein als Mörder verurteilter Angehöriger einer NS-Eliteeinheit stirbt - und in seiner Todesanzeige wird ausgerechnet der von Nazis ermordete Theologe Dietrich Bonhoeffer zitiert. Eine Unbedachtsamkeit der Hinterbliebenen, der Versuch einer Reinwaschung von den Taten oder ein bewusster Affront gegenüber den Familien der Opfer? Der in Italien wegen seiner Mitwirkung an Wehrmachtsmassakern gegenüber der Zivilbevölkerung in Norditalien rechtskräftig zu lebenslanger Haft verurteilte Ex-Wehrmachtssoldat Alfred L. ist kürzlich im Alter von 93 Jahren verstorben. Die Strafe für die ihm zu Last gelegten Taten musste der pensionierte Förster aus Ohrensen nie antreten. Vor diesem Hintergrund sorgt das Bonhoeffer-Zitat für reichlich Empörung in Italien.

"Von guten Mächten wunderbar geborgen...", heißt es in einem der bedeutendsten geistlichen Gedichte, die je geschrieben wurden. Die Zeilen stammen aus der Feder des NS-Regimegegners Dietrich Bonhoeffer - verfasst im Dezember 1944 in Gestapo-Haft, wenige Monate bevor er im KZ Flossenbürg auf persönlichen Befehl Hitlers gehängt wurde. Dass sich diese bewegenden Worte nun auf der Traueranzeige von Alfred L. finden, der laut Urteil des obersten italienischen Gerichtshofes an grausamen Massakern der aus Kriegsfreiwilligen bestehenden Wehrmachts-Elitetruppe "Division Hermann Göring" beteiligt war, halten der Vertreter des italienischen Opferverbandes sowie der Bürgermeister der betroffenen Gemeinde Palagno (bei Modena) für "befremdend".

"Wir wissen nicht, was mit der Seele des ehemaligen Feldwebels L. passieren wird", schreiben Opfervertreter Roberto Tincani und Bürgermeister Fabio Braglia in einer Stellungnahme an das WOCHENBLATT. Auch in der italienischen Presse werde Unverständnis darüber geäußert, wie der verurteilte NS-Täter L. in einen Zusammenhang mit Bonhoeffer gebracht werden kann, sagt Matthias Durchfeld vom Institut "Istoreco Reggio Emilia". Durchfeld ist Co-Autor des Films "Die Geige Cervarolo", der sich mit den grausamen Ereignissen von 1944 sowie dem Prozess gegen L. und dessen Mittäter beschäftigt und der auch in Harsefeld für Furore sorgte.

Die blutigen Gewaltexzesse, die die Wehrmachts-Division im März und April 1944 in den zur Gemeinde Palagno gehörenden Bergdörfern Monchio, Susano und Costrignano - dort wurden 136 Menschen regelrecht abgeschlachtet - sowie am Monte Falterone verübt hatten, wurden erst 2011 durch das Urteil des Militärgerichts von Verona juristisch aufgearbeitet. Doch die Täter, darunter L., blieben unbehelligt. Der Richterspruch, der in Abwesenheit der Angeklagten gefällt wurde, blieb für ihn folgenlos, da Deutschland ihn nicht gegen seinen Willen ausliefern durfte.

Die deutsche Justiz sah von einer Strafverfolgung ab. Der zuständige Staatsanwalt erklärte, dass eine individuelle Tatbeteiligung angeblich nicht nachweisbar sei. Weitere Optionen wie die Vollstreckung eines EU-Haftbefehls oder die Verbüßung der Strafe in einem deutschen Gefängnis wurden von der Staatsanwaltschaft offenbar nie ernsthaft erwogen.

Die italienischen Gerichte stützten ihre Urteile unter anderem auf abgehörte Telefongespräche, die L. mit alten Kameraden geführt hat. L. habe in den Telefonaten die Tötung von Frauen und Kindern zugegeben, schreiben Tincani und Braglia. Auch sein Kriegstagebuch wurde herangezogen: "Mission gegen Banden in der Nähe von Modena. Reiche Beute an Schinken", hatte L. darin lapidar notiert.

Für Durchfeld stellt sich die Frage, was Ls. Familie dazu gebracht hat, Bonhoeffer zu zitieren: "Das zeigt offenbar, dass man nicht gewillt ist, die Taten des Vaters oder Opas aufzuarbeiten." Ein kleiner Brief an die Opfer-Angehörigen in Monchio, in der die Verwandten von L. einfach nur erklären, dass sie dessen Taten bedauern, wäre schon eine große Hilfe, das kollektive Trauma, das Jahrzehnte nach Kriegsende dort noch immer die Menschen beherrsche, ein wenig zu überwinden: "Die Gräueltaten sind in Italien noch immer tief im Gedächtnis verankert."