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Schneller als der Notarzt - Spezialeinheit der Feuerwehr hilft Leben retten

Die Helfer vor Ort zeigen ihre Ausrüstung: (v. li.) Ortsbrandmeister Andreas Mundt, Tino Buchardt, Katrin Peckruhn, Sophie Mundt und Karl-Heinz Stöver (Foto: mi)
 "Helfer vor Ort" der Feuerwehr Regesbostel stabilisiert Patienten, bis der Rettungswagen eintrifft

mi. Hollenstedt. "Bei einem Kreislaufversagen kommt es auf jede Minute an", erklärt Andreas Mundt. Der Ortsbrandmeister der Gemeinde Regesbostel hat in seiner Feuerwehr deswegen eine Spezialeinheit gegründet. Deren Aufgabe: Notfall-Patienten bis zum Eintreffen des Notarztes behandeln und möglichst stabilisieren. Gerade in abgelegenen Regionen, die der Rettungswagen nicht so schnell erreicht, sind diese "Helfer vor Ort" eine unschätzbare Ergänzung der Rettungskette.
In Niedersachsen muss der Rettungswagen eigentlich in 15 Minuten vor Ort sein. Allerdings darf es bei fünf Prozent aller Versorgungsgebiete auch länger dauern. Zu diesen fünf Prozent gehört im Landkreis Harburg auch die Gemeinde Regesbostel (Samtgemeinde Hollenstedt). Um die Notfallversorgung der Bevölkerung dort zu verbessern, hat sich die örtliche Feuerwehr entschlossen, das Projekt "Helfer vor Ort" zu adaptieren. Die Helfer vor Ort sind Feuerwehrleute, die zu Sanitätern ausgebildet wurden und im Notfall schneller vor Ort sein können als der Rettungswagen. Das Konzept: Schickt die Einsatzstelle einen Rettungswagen mit Notarzt los, werden gleichzeitig auch die Helfer vor Ort alarmiert. Entstanden ist die Idee bei der Feuerwehr Vahrendorf/Sottorf in Rosengarten. Derzeit gibt es die Helfer vor Ort außerdem in Wistedt, Undeloh und Regesbostel. In Regesbostel wurde die Gruppe 2014 gestartet. Mittlerweile haben 25 der 35 aktiven Einsatzkräfte der Wehr sich entsprechend weitergebildet.
"Wir sind keine Konkurrenz zum Rettungsdienst, sondern nur eine Ergänzung", erklärt Ortsbrandmeister Andreas Mundt. Der Vorteil der Helfer vor Ort sei auch, dass die Feuerwehrleute neben der eigentlichen Notfallversorgung auch weitere Aufgaben wie die Betreuung der Angehörigen übernehmen könnten. Gerade zu Beginn sei man dennoch auf Widerstand gestoßen. So gab es laut dem Ortsbrandmeister in der Führungsspitze der Kreisfeuerwehr Bedenken, die Feuerwehr werde zum Lückenbüßer für Engpässe im Rettungswesen. Auch einige Betroffene seien anfangs sehr verwundert gewesen, wenn statt dem gerufenen Rettungswagen plötzlich ein Feuerwehr-Lkw vorfuhr, erinnert sich Mundt. Mittlerweile habe sich das System aber gut etabliert.
Für Tino Buchardt von der Feuerwehr Regesbostel, der die Ausbildung der Helfer vor Ort für alle beteiligten Wehren koordiniert, ist das Helfer vor Ort-System aber nur der Anfang für eine verbesserte Versorgung.
Hintergrund: Auch wenn der Rettungswagen in den gesetzlich vorgeschriebenen 15 Minuten vor Ort ankommt, ist die Chance, ein akutes Herz-Kreislaufversagen zu überleben, mit nur rund sieben Prozent (vier bis elf) deutschlandweit sehr niedrig. "Und das, obwohl wir eine der besten rettungsdienstlichen Versorgungen überhaupt haben und unsere Rettungswagen sehr gut ausgestattet sind", erklärt Tino Buchardt. Zum Vergleich: Im Schweizer Kanton Tessin liegt die Überlebenschance bei 47 Prozent, in Seattle (USA) sogar bei 67 Prozent. Der Grund sei laut Buchardt, dass die Bürger dort weitaus besser auf die Hilfe bei Herz-Kreislaufversagen vorbereitet seien. "Unser Ziel ist es, die Angehörigen in die Lage zu versetzen, im Notfall sofort mit der Reanimation zu beginnen, denn mit jeder Minute, die verstreicht, verringert sich die Überlebenschance um zehn Prozent", so Buchardt. Um die Bürger in Regesbostel für diese - wie er es nennt - "Kultur der Herzlungenwiederbelebung" zu sensibilisieren, bietet die Ortsfeuerwehr regelmäßig Info- und Praxistage zum Thema "Erste Hilfe" an.Tino Buchardt: "Wir können die Lücke bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes schließen, die Lücke bis wir eintreffen, müssen die Angehörigen füllen."
Die Einsätze der Helfer vor Ort sind aber auch vielfältiger als die Reanimation nach Herzversagen. Andreas Mundt: "Oft fließt Blut." Zeh im Rasenmäher, aufgeschlitzter Arm, Sturz aus sechs Meter Höhe - zehn bis 18 Mal im Jahr rücken die Feuerwehrleute zu solchen Rettungseinsätzen aus.
Doch ist diese Aufgabe nicht auch sehr belastend? Der Ortsbrandmeister will das nicht abstreiten, deswegen sei die Bewältigung traumatischer Situationen auch Teil der Ausbildung. Bei Übungen käme auch schon mal Kunstblut zum Einsatz, um realistische Bedingungen zu simulieren. Nach den Einsätzen habe jeder die Möglichkeit, über Erlebtes zu sprechen. Andreas Mundt: "Außerdem, bei allem Schrecklichen, mit dem uns die Einsätze konfrontieren, bekommen wir auch viel von den Menschen zurück. Es ist einfach ein unfassbar gutes Gefühl, wenn man jemanden, dem man das Leben gerettet hat, später wieder auf der Straße trifft."