Bendestorf: Kolumbianer abgeschoben
Beiersdorf: "Wir machen uns große Sorgen!"
- Bernd Beiersdorf (v. li.), Peter Dermühl, Heinz-Joachim Schmidt und Joachim Göldner machen sich Sorgen um Fredy Salazar und Magola Cortes, die nach Kolumbien abgeschoben wurden
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An einem winterlichen Donnerstagmorgen um 5.30 Uhr war es so weit: Polizei und Beamte des Ausländeramtes rückten in der Bendestorfer Geflüchtetenunterkunft hinter der Tankstelle an den Beckwiesen an und nahmen Federico "Fredy" Martinez Salazar und seine Ehefrau Yeisis Magola Cortes mit. Sie sollten in ihre Heimat Kolumbien abgeschoben werden – und sind inzwischen dort auch angekommen.
Das kam nicht überraschend: Schon vor Weihnachten hatten Mitglieder der örtlichen Geflüchteten-Initiative „Buntes Miteinander“ das Winsener Ausländeramt gebeten, wenigstens nicht über Weihnachten abzuschieben – das wurde offenbar berücksichtigt. Doch jetzt ließ das Amt Taten folgen. Denn Salazar und Cortes kommen aus einem Land, das seit April 2025 von EU-Behörden ganz pauschal als „sicheres Herkunftsland“ eingestuft ist. So sollen Asylverfahren beschleunigt werden.
Gut integriert in der Nordheide
Dass Salazar und Cortes in einer besonderen Situation sind, interessiert da wenig: Salazar, den in Bendestorf alle als „Fredy“ kennen, arbeitete in dem Nordheide-Dorf ehrenamtlich für die Freunde des Filmmuseums, half beim Aufräumen im Freibad und war auch sonst „gut integriert“, berichtet Bürgermeister Bernd Beiersdorf, der sich eigentlich noch am Vormittag mit den beiden Kolumbianern hatte treffen wollen, um die aktuelle Lage zu besprechen. Doch sie waren schon weg.
Das Problem: In seiner Heimat war der gelernte Tischler Fredy Salazar als landwirtschaftlicher Berater tätig. Das heißt: Er erklärte den örtlichen Bauern, wie sie vom Koka-Anbau und der Abhängigkeit von der örtlichen Mafia wegkommen können, indem sie stattdessen Mangos, Kokosnüsse, Avokados, Papayas, Bananen und andere auf dem Weltmarkt begehrte Produkte anbauen. Das Blatt der Koka-Pflanze dient als Ausgangsprodukt für die Herstellung von Kokain. Kolumbien gilt als weltgrößter Produzent der Droge.
Von der Kolumbien-Mafia bedroht
Das gefiel dem örtlichen Drogenkartell nicht: Erst kamen Drohungen, dann stellten Unbekannte einen offenen Sarg mit dem Leichnam seines Neffen vor Fredys Haustür. „Wir haben Fotos gesehen“, sagt Bendestorfs Bürgermeister Bernd Beiersdorf, noch immer sichtlich geschockt. „Das war schrecklich.“ Als das auch nicht half, rückte eine bewaffnete Gang an und schoss mit automatischen Waffen Salasars Haus zusammen. Da sei für Fredy klar gewesen, so berichtet der Bürgermeister, dass er weg müsse, wolle er nicht seine vier erwachsenen Kinder und weitere Familienangehörige gefährden, die zurückbleiben mussten.
Gesuchte Fachkraft in der Landwirtschaft
Zur Initiative für Schutzsuchende gehört auch der frühere Fernsehjournalist Peter Dermühl. Er hat sich auch mit der juristischen Seite des Falls befasst. Was er nicht nachvollziehen kann: In anderen Fällen, zum Beispiel in Harmstorf, hat ein Landsmann von Salazar und Cortes eine Arbeitserlaubnis bekommen, als unentbehrliche Fachkraft. „Doch Fredy ist auch ‚landwirtschaftliche Fachkraft‘, und die werden hier gesucht“, so Dermühl. "Warum ging das bei Frey nicht?", fragt er sich - und die Behörden. Doch der Grund bleibt unklar: Die zunächst bemängelten Fristen waren alle eingehalten worden. Ein Gerichtsverfahren vor dem Verwaltungsgericht Lüneburg, das Fredy und seine Frau anstrengten, hat sie jedenfalls nicht weitergebracht. Und hat auch generell keine aufschiebende Wirkung auf die Abschiebung.
Arbeitsvertrag schon in der Tasche
Die Bendestorfer Initiative macht sich nun Sorgen um die übrigen zwei kolumbianischen Familien in der Unterkunft an den Beckwiesen: Auch sie sind offenbar von Abschiebung bedroht. „In welchem Land leben wir eigentlich?“, sagt Heinz-Joachim Schmidt merklich empört. „Warum schickt man Leute in ihre gefährliche Heimat, die hier in unbeliebten Berufen arbeiten wollen und fleißig sind?“, fragt er sich. Denn die Ironie der Geschichte: Fredy Salazar hatte schon einen Arbeitsvertrag beim derzeit massiv in der Kritik stehenden Marxener Verpackungsmüll-Entsorger Knettenbrech und Gurdulic in der Tasche, der auf Druck der Ausländerbehörde wieder gekündigt werden musste. „Dort kann man ganz aber offenbar jede Hilfe gebrauchen“, findet Schmidt.
"Juristischer Wahnsinn"
Asylbewerber – und als solcher galt Salazar formal – dürfen aber nicht arbeiten. Als Fachkraft hätte er sich schon aus Kolumbien bewerben müssen. Wer schon in Deutschland ist, hat da keine Chance, auch wenn er in unser Sozialsystem über ordentliche Arbeit einzahlen will. „Das ist doch alles juristischer Wahnsinn“, findet Joachim Güldner, der sich ebenfalls für Schutzsuchende aus aller Welt in Jesteburg einsetzt. „Mir fehlt hier vor allem die Menschlichkeit.“
Inzwischen sind Salazar und Cortes wieder in Kolumbien, haben berührende Dankesnachrichten an Bürgermeister Beiersdorf geschickt und lassen Grüße an "Melanie, Andreas, Peter, Tommy, Uschi, Tina, die Freunde der Kleiderkammer und die Freunde des Filmmuseums“ ausrichten. „Wir werden Sie immer im Herzen tragen und waren tief berührt von Ihrer Wertschätzung.“
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