Von Budapest nach Estebrügge
Wie ein Austauschjahr Annas Leben veränderte
- zwei die sich gefunden haben: Anna (17) und ihre Großtante Dóra (46)
- Foto: sts
- hochgeladen von Stefanie Schimanski
Ein Jahr fern der Heimat hat das Leben der 17-jährigen Anna nachhaltig verändert. Als sie ihre Heimatstadt Budapest verließ, um als Austauschschülerin nach Estebrügge zu kommen, sprach sie nur wenige Worte Deutsch und kannte hier kaum jemanden. Heute blickt sie auf ein Jahr zurück, das ihr Selbstvertrauen, ihren Blick auf die Welt und ihre Zukunftspläne verändert hat.
Den Anstoß zu dem Auslandsaufenthalt gab ihre Großtante Dóra Haack-Palotás (46), die selbst im Jahr 2002 aus Ungarn nach Deutschland kam. Sie lud ihre Großcousine, die sie zuletzt als Baby gesehen hatte, für ein Jahr nach Deutschland ein. Annas Eltern erhofften sich mit diesem Austausch, dass ihre Tochter selbstständiger werden würde. Gleichzeitig hatten sie Sorge, Anna könne in Deutschland ausgegrenzt werden oder schlechte Erfahrungen machen.
Ganz unbegründet waren diese Ängste nicht. „Auf dem Weg zur Halepaghenschule hielten mir einmal im Vorbeigehen drei Jungen ein Bein, so dass ich stürzte. Niemand von den Menschen, die dort standen, hat mir geholfen. Das hat mich sehr enttäuscht. Ich habe die Zivilcourage vermisst“, erzählt Anna.
Ihre größte Herausforderung war die Sprache. Zwar hatte sie in Ungarn Deutschunterricht gehabt, doch im Alltag reichten ihre Kenntnisse zunächst kaum aus. „Ganz zu Anfang war es sehr schwierig für mich, besonders in der Schule. Dort habe ich mich anfangs sehr einsam gefühlt, denn um Freundschaften zu schließen, war die sprachliche Barriere da. Mit Englisch kam ich hier leider nicht besonders weit“, erinnert sie sich.
Jeden Tag lernte sie neue Vokabeln, notierte sie zunächst auf Ungarisch und anschließend auf Deutsch. Nach und nach fand sie Anschluss und schloss erste Freundschaften. Nach einiger Zeit knüpfte ich meine ersten Kontakte. Die Freundschaften, die entstanden sind, bedeuten mir sehr viel," erzählt sie.
Auch außerhalb der Schule nutzte Anna jede Gelegenheit, ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Sie arbeitete mehrere Monate in einer Tagespflege in Buxtehude mit, wo ihr eine ältere Dame geduldig die deutsche Grammatik erklärte. Außerdem besuchte sie einen Sprachkurs der Volkshochschule. „Ich habe unheimlich viel Deutsch gelernt", sagt Anna. Heute spricht Anna so sicher Deutsch, dass sie sich sogar vorstellen kann, ihr Abitur in deutscher Sprache abzulegen.
Mit wachsendem Selbstvertrauen eröffneten sich für Anna auch neue berufliche Perspektiven. Ein Schulpraktikum in der Kindertagesstätte St. Nikolai in Jork weckte ihre Begeisterung für die Arbeit mit Kindern. Seitdem kann sie sich vorstellen, später Erzieherin, Lehrerin, Kinderpsychologin oder Physiotherapeutin zu werden. Ihre Eltern würden sie dagegen lieber in einem Jura- oder Medizinstudium sehen.
Dóra Haack-Palotás sagt dazu: „Die Erziehung ist in Ungarn schon anders. Dort haben die Eltern noch deutlich mehr zu sagen. Mir war wichtig, Anna zu vermitteln, dass man nicht ein Leben lang den Beruf ausüben muss, den man einmal gelernt hat. Die acht Stunden, die wir täglich arbeiten, sind wichtige Lebenszeit. Deshalb sollte man etwas tun, das einen erfüllt."
Diese Überzeugung hat viel mit ihrem eigenen Lebensweg zu tun: Sie studierte Gartenbau, musste den Beruf aus gesundheitlichen Gründen jedoch aufgeben und arbeitete anschließend in verschiedenen Bereichen, bevor sie ein Examen in der Pflege absolvierte. „Mit Geld kann ich mir kein Glück kaufen. Auch bei mir hat es lange gedauert, bis ich den Mut hatte, meinen Eltern Nein zu sagen. Hier haben Kinder deutlich mehr Freiheit und können viel mehr selbst entscheiden“, sagt sie.
Wenn Anna bald nach Budapest zurückkehrt, nimmt sie nicht nur deutlich bessere Deutschkenntnisse mit nach Hause. Aus der Großtante ist in diesem Jahr eine enge Vertraute geworden, die ihr Mut macht, eigene Entscheidungen zu treffen und den Lebensweg zu wählen, der sie glücklich macht.
Annas Fazit fällt eindeutig aus: „Ich habe meinen Horizont erweitert. So einen Austausch würde ich jederzeit wieder machen.“
Redakteur:Stefanie Schimanski aus Buxtehude |

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