Studie stellt Distanzunterricht mieses Zeugnis aus
Schule so lehrreich wie Sommerferien?

Hat Homeschooling bei Schülerinnen und Schülern zu Kompetenzeinbußen geführt?  | Foto: Adobe Stock/MNStudio
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tk/jab. Landkreis. Forscher an der Goethe-Universität Frankfurt haben weltweite Studien zum Distanzunterricht während des Lockdowns untersucht. Sie ziehen ein ernüchterndes Fazit und vergleichen den Lernfortschritt mit Sommerferien. "Die durchschnittliche Kompetenzentwicklung während der Schulschließungen im Frühjahr 2020 ist als Stagnation mit Tendenz zu Kompetenzeinbußen zu bezeichnen", erklärt Andreas Frey von der Uni Frankfurt. Besonders gravierend seien die Probleme und negativen Folgen, wenn die Schülerinnen und Schüler aus einem problematischen sozio-ökonomischen Umfeld kämen. Ist das falsch, nur überspitzt oder trifft die Kritik im Kern zu? Das WOCHENBLATT hat in Schulen im Landkreis Stade nachgefragt.

• Der Schulleiter der Integrierten Gesamtschule Stade (IGS), Jörg Moser-Kollenda, kann die reißerische These, Distanzunterricht habe einen ähnlichen Effekt wie Sommerferien, überhaupt nicht unterstreichen. Seine Erfahrung habe gezeigt, dass teilweise sogar das Gegenteil der Fall sei. Bereits vor Corona war die IGS recht weit, was die Digitalisierung angeht. "Daher hatten wir den Dreh schnell raus." Bei den meisten Schülern sei alles gleich geblieben, einige hätten sich aber auch verbessert. Nur wenige hätten sich verschlechtert. "Das hängt sehr von der Eigenständigkeit der Schüler ab", so der Schulleiter.

Jörg Moser-Kollenda | Foto: IGS Stade
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Aber auch von der häuslichen Situation. Dort, wo Probleme bekannt waren bzw. sich ergeben haben, wurden die Schüler bewusst in die Notbetreuung geholt, um sie besser zu unterstützen. Potenzielle Wiederholer gebe es lediglich eine Handvoll und nur unwesentlich mehr als in normalen Jahren.

• Am Stader Vincent-Lübeck-Gymnasium (VLG) ist die Situation ähnlich. Auch hier gebe es Schüler, die sich verbessert, aber auch welche, die sich verschlechtert haben, so Schulleiterin Elfriede Schöning. "Wenn ich Schülern den Satz des Pythagoras erkläre, sehe ich online nicht, ob sich bei einem Schüler die Stirn kräuselt. Stehe ich direkt vor der Klasse, erkenne ich, wer noch unsicher ist und vielleicht eine kleine Hilfe benötigt." Auch die gegenseitige Unterstützung fehlte. "Davon lebt der Unterricht."

Die Schule habe für die Fünf- und Sechstklässler eine eigene Notbetreuung organisiert, für diejenigen, die zu Hause Probleme mit dem Lernen hatten. Sei es aufgrund von Motivationsproblemen oder wegen der räumlichen Gegebenheiten. Vom VLG wurden alle Schüler mit Tablets oder Laptops ausgestattet, die Bedarf hatten. "Leider haben sich einige erst spät getraut, sich zu melden", sagt Schöning.

Für die Zukunft setzt die Schule auf eine gute Kommunikation innerhalb des Kollegiums. Bei Klassenübergaben soll z.B. genau geklärt werden, welche Themen noch nicht behandelt wurden. Zudem soll in den Herbstferien eine Ferienschule für die Fünft- und Sechstklässler stattfinden, die von Lehrern zwar angeleitet wird, aber von älteren Schülern durchgeführt wird. So sollen Defizite gezielt aufgeholt werden.

Sabine Folster | Foto: jab
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• Auch Sabine Folster, Schulleiterin der Grundschule Horneburg, stimmt der These nicht zu. In Niedersachsen hätten die Grundschulen allerdings Glück gehabt, da hier hauptsächlich Wechselunterricht stattgefunden habe und so die direkte Betreuung alle zwei Tage in der Schule vorhanden gewesen sei. Schüler, die beispielsweise noch Probleme mit der Sprache hatten, wurden aus dem Homeschooling herausgeholt und kamen in die Notbetreuung. Insgesamt seien die Grundschüler auf einem guten Stand. Vier Schüler werden das vierte Schuljahr in Absprache mit den Eltern wohl wiederholen. "Das liegt allerdings nicht am Lernstand selbst, sondern an der Sprachfertigkeit", so Folster.

• Jutta Mangelmann leitet die Hauptschule Süd in Buxtehude. "Überspitzt formuliert ist etwas an der Beschreibung der Bildungsforscher dran", sagt sie. Wenn eine Familie nur über ein Handy verfüge, könne Homeschooling nicht funktionieren. "Wir waren daher auch noch analog unterwegs und haben Kopien verteilt." Dass die Stadt Buxtehude Schülern ohne eigene Technik sehr schnell iPads zur Verfügung gestellt habe, sei großartig - aber: Wenn es aufgrund von sprachlichen Verständigungsproblemen mit den Familien länger dauere, bis eine Versicherung dafür abgeschlossen sei, verzögere das funktionierenden Distanzunterricht.

Jutta Mangelmann | Foto: HS Süd
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"Zudem hat der Lockdown dazu geführt, dass bei einigen Schülerinnen und Schülern Defizite in der Selbstorganisation sichtbarer werden", sagt die Schulleiterin. Mails abfragen, Aufgaben pünktlich erledigen - "in der Schule kann vieles besser begleitet werden", sagt Jutta Mangelmann.
Angesichts der Probleme findet es die Schulleiterin gut, dass das Kultusministerium den Schulen Freiräume ermögliche. Denn: "Ein Jahr zu wiederholen ist nicht immer die beste Lösung." Obwohl sich die Jugendlichen freuen, wieder in der Schule zu sein, könne sich dann irgendwann Schulmüdigkeit breitmachen, so Jutta Mangelmann. Für sie steht fest: "Viele Schülerinnen und Schüler leiden, doch sie äußern das nicht."
Auch wenn alle Schulpolitiker hoffen, dass nach den Sommerferien Schule wieder zum Vor-Corona-Alltag zurückkehrt - gewiss ist das nicht. Wie wird sich die Delta-Variante ausbreiten, werden Klassen wieder geteilt? Wann werden auch Kinder und Jugendliche geimpft sein? Viele offene Fragen und damit die Notwendigkeit, weiter an der Verbesserung des Distanzunterrichts zu arbeiten.

Das WOCHENBLATT hatte auch beim Aue-Geest-Gymnasium Harsefeld sowie beim Gymnasium Buxtehude Süd angefragt. Die jeweiligen Schulleiterinnen waren für ein kurzes Gespräch allerdings nicht zu erreichen - weder telefonisch noch schriftlich.

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Redakteur:

Tom Kreib aus Buxtehude

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